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Länderreport | Beitrag vom 30.03.2021

Co-Working in BrandenburgSchöner arbeiten zwischen Kuh, Schaf und Esel

Von Thilo Schmidt

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Ein Schreibtisch mit Laptop und Topfpflanze steht auf einem Feld. (imago / Cavan Images)
Weckt die Pandemie die Sehnsucht nach Büroplätzen im Grünen? Im brandenburgischen Großwudicke entsteht gerade eine neue Community(Symbolbild). (imago / Cavan Images)

Viele brandenburgische Dörfer veröden, weil es ihre Bewohner in die Städte zieht. Doch dem 500-Seelen-Dörfchen Großwudicke ist die Trendwende gelungen: mit einem Co-Working-Space im Grünen. Der bringt Leben aufs Land – und Menschen zusammen.

Alle zwei Stunden je Richtung hält der kleine Dieseltriebwagen am Bahnhof Großwudicke - ein typisch brandenburgisches Dorf: Katzen sonnen sich auf Mauern, Hunde bellen in Vorgärten, irgendwo brüllt ein Esel. Das Dorf hat einen Gutspark, eine Schlosskapelle und 500 Einwohner. Und mittendrin in einem unscheinbaren Flachbau: die Waldstatt. Ein Co-Working-Space.

Einer der Gründer ist Florian Kunz: "Wir sitzen hier, wir haben hier super Internet, wir haben eigentlich schöne Räumlichkeiten. Da muss man irgendwie mehr draus machen. Und dann kam so ein bisschen der Gedanke: Wie kriegen wir jetzt hier zum Beispiel – Idee Co-Working, Idee Gemeinschaftsraum – wie kriegen wir das hier so ein bisschen unter?"

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Co-Working ist eine nicht mehr ganz so neue Form des Arbeitens. In Co-Working-Spaces werden Webseiten gebastelt, Computerspiele entwickelt oder Bücher geschrieben. Arbeitsplätze können zeitlich befristet gebucht werden. Bislang profitierten von solchen Konzepten vor allem Freiberufler und digitale Nomaden.

Gespräche beim Kaffee

Ulrike Lierse betreibt mit ihrem Mann in einem Büro in der Waldstatt ein Online-Marketing-Unternehmen. Jetzt führt sie mit Florian Kunz durch die Räume.

Lierse erzählt: "Es war auch Anfang des zweiten Lockdowns so eine Idee, um sich jetzt nicht im Homeoffice von den alltäglichen Dingen zu Hause ablenken zu lassen, sondern einfach auch mal rauszukommen, wieder effektiv in Büroatmosphäre arbeiten zu können. Aber eben auch mit diesem Co-Working-Konzept, dass man zwischendurch beim Kaffeekochen mal ein Gespräch hat."

Eine von Häusern und Gärten gesäumte Pflasterstraße. (imago / Jakob Hoff)Still ruhen die Straßen: Großwudicke hatte jahrelang mit der Landflucht zu kämpfen. Doch jetzt scheint die Trendwende gelungen zu sein. (imago / Jakob Hoff)

Ulrike Lierse und Florian Kunz sind Geschwister, beide sind in Großwudicke aufgewachsen. Während die Schwester noch immer hier lebt, wohnt ihr Bruder die meiste Zeit in Potsdam. Trotzdem kam die Idee des Co-Working-Spaces von ihm.

Etwas für die Heimat tun

Er wollte auch etwas für sein Heimatdorf tun – das lange unter der Landflucht gelitten hatte, sagt Florian Kunz. "Dann haben wir hier den eigentlichen Co-Working-Bereich. Hier geht es jetzt darum, dass wir Plätze anbieten, die man auch einzeln nutzen kann, ob nun mit einer Zehnerkarte oder in einer monatlichen Festmiete."

Im Co-Working-Bereich, dem größten und zentralen Raum, stehen mehrere Schreibtische, an den Wänden Bilder von Künstlern aus der Region. Florian Kunz ist selbst nur gelegentlicher Co-Worker hier.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum, darin ein Besprechungstisch, eine Sofaecke. Kunz erklärt: "Wir wollten nicht hier als Ufo landen, sondern wir wollten der Bevölkerung hier vor Ort auch zeigen, dass wir für sie auch da sind. Und uns fehlt hier im Ort ein kleinerer Raum. Wir haben die Schule als großen Raum, wir haben auch einen Saal. Das sind große Flächen, wo man viel feiern kann und alles Mögliche machen kann, aber so kleine Räume, um jetzt zum Beispiel mal eine Vorstandssitzung für den Sportverein oder von der Feuerwehr zu machen – der fehlt noch hier. Und das soll jetzt der hier sein."

Ungebrochene Nachfrage trotz Pandemie

Im Oktober hat die Waldstatt eröffnet. Vielleicht könnte die Pandemie das Projekt behindern, dachten die Gründer anfangs. Nun aber sehen sie, dass das Gegenteil der Fall ist: In letzter Zeit bekommen sie vermehrt Anfragen, nicht nur Selbstständige, auch Arbeitnehmer buchen sich nun gern auf dem Lande ein – als Alternative zum Homeoffice.

"Coronabedingt bin ich jetzt seit März letzten Jahres im Homeoffice und habe nach einer Alternative gesucht: Mal das Heim zu verlassen und quasi das Gefühl zu haben, zur Arbeit zu fahren. Und dafür ist ja die Waldstatt perfekt geeignet. Man hat Gleichgesinnte, man hat Kontakte," sagt Mike Großmann. 

Der IT-Spezialist aus dem nahen Rathenow sitzt in einem der Büros. Er hat seinen Platz in einem Berliner Büroturm gegen einen Schreibtisch im Grünen getauscht.
 
"Ich hatte nach Berlin einen Fahrtweg von über einer Stunde", berichtet er. "Zweitens habe ich die öffentlichen Verkehrsmittel. Hier fahre ich mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, bin in fünf Minuten hier, maximal zehn Minuten. Und bin in der Natur, nicht in der Großstadt. Habe eine schöne Umgebung hier, habe nette Leute um mich rum. Ich gehe also nur aus der Haustür – ins Grüne."

Entsteht hier eine ganz neue Arbeitswelt?

In der Waldstatt sitzen nun Webdesigner neben einem IT-Spezialisten einer Berliner Firma, Tür an Tür mit einem Professor aus Holland und Berliner Politikberatern. Entsteht gerade, beschleunigt durch die Pandemie, eine ganz neue Arbeitswelt und ein neues Arbeitserlebnis mit gemeinsamem Feierabendgrillen?

Florian Kunz tritt nach draußen, blickt auf die Wiese, die die Waldstatt umgibt. Irgendwo kreischt eine Motorsäge. Fürs Frühjahr hat er große Gartentische und Stühle bestellt, demnächst kann auch auf der grünen Wiese gearbeitet werden: "Und dann kommt hier noch ein Grill hin. Dann kann man hier auch mal die Feierabendsonne genießen."

Und Ulrike Lierse ergänzt: "Und ein Dorfkino haben wir auch noch beantragt  – dann im Sommer, im Frühjahr. Das ist eine aufblasbare Kinoleinwand, vor der man dann auch mal alle wieder zentral hier versammelt."

Die Dorfbewohner wundern sich

In Großwudicke, das früher mal ein Gutsbezirk war, fragt sich so mancher Dorfbewohner, was die Waldstätter hier machen, wo das Werkzeug ist, was hier genau hergestellt wird, erzählt Kunz: "Ja, genau: Wo ist denn hier das Handwerk, wo wird denn hier was gemacht? Oder: Was macht ihr denn hier? Und dann gucken sie rein und dann sehen sie nur Bürostühle. Ja, was machen die hier, telefonieren die jetzt den ganzen Tag?"

"Na ja, wir sind ja eine relativ junge und innovative Gemeinde", sagt Felix Menzel. Besonders gerne erzählt er vom schnellen Internet in Großwudicke, weil es ohne das eben nicht geht. Er ist hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Milower Land, zu der auch Großwudicke gehört. Menzel kommt aus dem Dorf nebenan. Die Menschen wollen in der Coronakrise raus aus der Stadt, das merken sie hier.

Die Landflucht scheint gestoppt, und das liegt vielleicht auch an Projekten wie der Waldstatt: "Ulrike Lierse undFlorian Kunz kenne ich aus Kindheitstagen. Wir sind zusammen aufgewachsen und irgendwann haben wir über die Idee gesprochen. Und wo wir unterstützen können – war hier leider nur ideell –, haben wir unterstützt. Fördermittel und Förderungen gibt es auch für solche Projekte. Und wie gesagt, da geht ja der Trend auch hin, es wird sich sicher noch viel mehr in die Richtung bewegen."

Kitas und Schulen werden ausgebaut

Lange waren Bürgermeister in den strukturschwachen Regionen des Ostens kaum mehr als Konkursverwalter. Aber das ändere sich, sagt Menzel.

"Es gab ja die Demografieprognose, die relativ düster bei uns aussah. Die Leute werden immer älter, ihr werdet immer weniger, die Dörfer sterben aus. Aber inzwischen ist es so, und damit hatte auch niemand gerechnet, dass wir wieder wachsen. Dass viele junge Leute kommen, dass sie gerne hier leben, dass Häuser zwar verkauft werden, weil ältere Leute in die Heime oder in die Städte ziehen, weil es einfach bequemer ist – aber die Häuser über Nacht verkauft sind. Wir haben wenig Leerstand, wachsen, bauen jetzt wieder Kitas und Krippen und Schulen aus."

Grundschule und Kita gibt es in Großwudicke, und man kann im Restaurant Waldfrieden essen. Der Friseur ist gleich neben der Waldstatt. Was jedoch fehlt, ist Bauland, sagt Bürgermeister Menzel.

Er zeigt auf einen Mann, der eine Schubkarre durchs Dorf schiebt: "Das ist ein Berliner, der kommt her und pflegt seinen Esel hier. Der hat nur ein Stückchen Länderei, da hat er einen Esel, eine Kuh und drei Schafe. Da pendelt der her, versorgt die und fährt wieder los."

Man trifft sich beim Dorffleischer

Großwudicke liegt im Naturpark Westhavelland, Brandenburgs größtem Schutzgebiet. Und: Das Westhavelland ist ein Sternenpark. Nirgendwo in Deutschland kann man besser Sterne beobachten, es ist  nachts eine der dunkelsten Gegenden Deutschlands.

Tagsüber treffen sich die Co-Worker aus der Waldstatt und alteingesessene Dorfbewohner zur Mittagszeit jetzt öfter beim Dorffleischer, der hat sich in Großwudicke aus alten Zeiten herübergerettet.

Die Metzgerin freut sich: "Ja. Wir haben mehr Leute hier, die sich was zu essen holen. Sind ja, wie gesagt, auch welche zu Hause – oder ganz viele. Und die holen sich hier was. Endlich wird mal wieder gekocht."

Gekommen, um zu bleiben

Trotz Pandemie ist sie ganz zufrieden. Die Leute kochen wieder mehr, das merkt sie. Die Dorfbewohner und die Co-Worker aus der Waldstatt kaufen hausgemachte Wurst oder belegte Brötchen zum Mittag.

Mike Großmann jedenfalls hat sich entschieden. Seinen temporären Arbeitsplatz in der Waldstatt, im Grünen, im Herzen von Großwudicke, will der IT-Fachmann behalten – und nicht ins Bürogebäude nach Berlin zurück: "Mein Arbeitsvertrag gibt das her, ich habe im Prinzip eh eine variable Anzahl an Präsenztagen im Büro. Und werde auch nach der Coronazeit hierbleiben."

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