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Zeitfragen | Beitrag vom 10.05.2021

Co-ElternschaftGroßes Glück und große Herausforderung

Von Tini von Poser

Eine Familie, bestehend aus zwei Müttern, einem Vater und zwei Kindern sitzen zusammen auf der Couch. Die Kinder schauen mit dem Vater auf ein Tablet. (Deutschlandradio / Tini von Poser)
Immer mehr Menschen interessieren sich für ein Familienmodell jenseits der traditionellen romantischen Zweierbeziehung plus Kind. (Deutschlandradio / Tini von Poser)

Alex ist schwul und hat zwei Kinder mit Kathleen und Maryna, einem lesbischen Paar. Drei von immer mehr Menschen, die in Co-Elternschaft leben. Doch ihr Alltag gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nicht nur wegen der rechtlichen Situation.

Alex spielt mit seinem Sohn. "Ich will die Züge und die Schienen", sagt der knapp Vierjährige. "Holst du die mal?", fragt Alex. "Ich helfe dir." 

Alex strahlt über das ganze Gesicht. Seine Haut ist leicht gebräunt. Ein olivfarbenes T-Shirt betont seinen muskulösen Oberkörper.

"Ich war auf Gran Canaria", erzählt er. "Ich habe dort auch gearbeitet. Ich wäre länger geblieben, wenn die Kids nicht gewesen wären. Es war total toll."

Fünf Wochen war Alex auf Gran Canaria, seit einigen Tagen ist er zurück in Berlin. Doch wegen Quarantäne und Warten auf das Corona-Testergebnis konnte er seine Kinder erst heute wiedersehen: den fast vierjährigen Piotr, der Piotrek genannt wird, und die zweijährige Janka. Die beiden wuseln zwischen ihren Spielzeugen in Alex' geräumigem Wohnzimmer herum, mal auf der Couch, mal auf dem Teppich davor. Der 35-jährige gebürtige Augsburger wohnt im vierten Stock einer Altbauwohnung in Berlin-Friedrichshain.

"Die Mädels wohnen ja auch hier im zweiten Stock, da, wo die weiße Tür ist", sagt Alex. Er findet es "ziemlich cool", dass die drei diese zwei Wohnungen gefunden haben. "Das macht es viel einfacher."

Die Mädels vom zweiten Stock sind die Mütter der Kinder: Kathleen ist die leibliche Mutter von Piotrek und Maryna die von Janka. Alex ist schwul, Kathleen und Maryna sind lesbisch und ein Paar. Die Kinder nennen Kathleen Mutti und Maryna Mamusia.

Alex, Kathleen und Maryna bilden zusammen eine Co-Elternschaft. Vor vier Jahren hat DLF Kultur schon einmal über die drei berichtet. Da waren die Kinder noch nicht auf der Welt, aber Kathleen war schwanger und das Co-Parenting-Modell bereits geplant. 

Die "post-romantische" Elternschaft

Für Co-Parenting oder Co-Elternschaft als Form der Familiengründung interessieren sich immer mehr Menschen. Christine Wimbauer hat sich wissenschaftlich damit beschäftigt. Als Soziologin an der Humboldt-Universität in Berlin forscht sie seit vielen Jahren über die vielfältigen Formen von Liebe und Elternbeziehungen. Zu Beginn dieses Jahres hat sie eine Studie zu dem Thema herausgebracht mit dem Titel: "Co-Parenting und die Zukunft der Liebe. Über post-romantische Elternschaft". 

"Ich habe mich auf die Form fokussiert, wo die Eltern – zwei oder mehr – von vornherein sagen, wir lieben uns nicht, wir haben uns nie romantisch geliebt", sagt Christine Wimbauer. Denn eine einheitliche Definition von Co-Parenting gebe es nicht, so wie das Thema überhaupt bisher wenig erforscht sei:

"Es ist auch eine sehr heterogene Gruppe. Deswegen kann man nicht sagen, diese Form ist Co-Parenting, die andere nicht, sondern das ist sehr vielfältig. Selbst die, die Co-Parenting betreiben, können verschiedenste Menschen sein: gleichgeschlechtlich orientierte Menschen, heterosexuell orientierte Menschen. Zwei Menschen, drei oder vier."

Hier geht es zur Denkfabrik 2021. Auf der Suche nach dem Wir. (Foto: Deutschlandradio)

Maryna, Kathleen und Alex sprechen lieber von Regenbogenfamilie als von Co-Elternschaft. Maryna ist inzwischen zur wuseligen Runde im vierten Stock dazu gekommen. Die 37-jährige Polin heißt eigentlich Marianna, wird aber von Alex und Kathleen stets Maryna genannt. 

"Ich identifiziere mich als homosexuelle Person mehr mit diesem Regenbogenmodell als Begriff als mit Co-Parenting", sagt Maryna. 

Sie sieht aus wie bei unserer Begegnung vor vier Jahren: blonder Pferdeschwanz, herzliches Lächeln. Auch die 38-jährige Kathleen, die aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, hat sich nicht verändert. Sogar dieselbe Kurzhaarfrisur trägt sie: in der Mitte länger, an den Seiten abrasiert. Kathleen begründet, warum sie ebenfalls Regenbogenfamilie als Bezeichnung lieber mag als Co-Elternschaft: 

"Das Wort Regenbogenfamilie fühlt sich wärmer an, weil das Wort Familie drin ist und Regenbogen."

Elternschaft im Vertrag und in der Realität

Die Kinder leben überwiegend bei den Müttern. Bisher haben sie noch nicht bei Alex übernachtet. Alex erklärt, wie es läuft:

"Ich mache immer den Mittwoch. Das geht los mit Kita abholen, Nachmittagsprogramm. Abendessen, Bad, Bettvorbereitung. Dann gehen wir quasi im Schlafanzug nach unten und da hüpfen sie nur noch ins Bett. Meistens machen wir noch am Wochenende was gemeinsam, entweder, dass wir da einen halben Tag und manchmal auch einen ganzen Tag zusammen verbringen, also mit den Müttern, als Familie."

Dass Alex etwas weniger für die Kinder zuständig ist als die Mütter, war in etwa so geplant, sagen die drei. Vor der Geburt haben sie einen Vertrag geschlossen. 

"Der Vorschlag von Alex war, dass er ein bis zwei Tage die Woche die Kinder hat", erinnert sich Maryna. "Aber das haben wir durchgestrichen, weil wir gesagt haben, besonders am Anfang kann man das nicht machen. Denn das Baby kann nicht den ganzen Tag von der Mama weg sein, wenn Mama stillt. Wir haben gesagt, wir müssen gucken, wie das funktionieren würde."  

Heute Abend wollen sie alle zusammen essen. Alex holt einige Lebensmittel aus dem Kühlschrank, die er zum Abendessen beisteuern möchte. Zusammen gehen sie hinunter in den zweiten Stock, in Marynas und Kathleens Wohnung. Sie ist etwas kleiner als die von Alex. Die Wohnküche bildet das Zentrum, von der das Bad und die Schlafzimmer in Sternform abgehen. Zwei Katzen schleichen unter dem Esstisch hindurch. Alex kocht Eier, Kathleen und Maryna bereiten Bruschettas zu, mit Tomaten, Knoblauch und Basilikum.

Janka und Piotrek sitzen bereits mit einem Becher Kakao am Tisch, Maryna bespaßt die beiden.

Ein junger Vater sitzt am Boden und spielt mit seinen zwei kleinen Kindern. (Deutschlandradio / Tini von Poser)Alex betreut seine Kinder Janka und Piotrek eineinhalb Tage die Woche. (Deutschlandradio / Tini von Poser)

In ihrem Vertrag hatten die drei auch vereinbart, dass Kathleen und Alex Polnisch lernen.

"Die Kinder verstehen Polnisch, sprechen aber selbst bisher nicht Polnisch. Ich weiß nicht, ob das noch kommt. Ich verstehe eigentlich bis auf ein paar Schlüsselwörter fast gar nichts. Es wird mir auch immer wieder gesagt, dass wir das eigentlich ausgemacht haben. Aber es ist noch nicht zu spät. Vielleicht kommt es noch", sagt Alex und lacht.

Ganz so lustig findet Maryna diesen Vertragsbruch nicht: "Jetzt habe ich keine Probleme, andere Punkte nicht einzuhalten, weil schon vier Jahre rum sind, und beide haben nicht geschafft, Polnisch zu lernen."

Der Duft nach Knoblauch und getoastetem Brot zieht durch die Luft. Das Essen ist fertig. Die drei setzen sich zu den Kindern an den Tisch.

Die gleiche Erfahrung wie alle Eltern: Es ist anstrengend

Alex und die beiden Frauen kannten sich erst ein paar Monate, als bei Kathleen die Befruchtung durchgeführt wurde. Bereits beim ersten Versuch war sie mit Piotrek schwanger geworden. Kathleen wendet sich an Alex:

"Wenn du das nochmal machen würdest, würdest du wie alle anderen sich ein Jahr lang kennenlernen oder würdest du sagen, das halbe Jahr hat gereicht, um zu gucken, ob das passt?"

Dafür sei er viel zu ungeduldig, sagt Alex: "Ich bin jemand, der Dinge immer gern schnell macht und sich nicht ewig darauf vorbereitet. Und was ich ja eher gemerkt habe, sobald eine Frau Mutter wird, ist sie ganz anders."

"Ach, bitte", protestiert Kathleen.

Doch Alex bleibt dabei: "Ihr wart sehr viel entspannter, als wir uns noch kennengelernt haben, also nicht negativ, eher etwas cooler, lockerer, entspannter."

"Wir hatten zwei Jahre Schlafmangel", sagt Kathleen.

"Wir hätten nie gedacht, dass solche Herausforderungen vor uns stehen würden", ergänzt Maryna. "Aber wir wussten schon, Eltern sein ist nicht einfach."

Auch viele Heterosexuelle an Co-Parenting interessiert

Mehr-Eltern-Familien sind in Deutschland bisher nicht rechtlich verankert, obwohl die Zahl der Co-Elternschaften stetig wächst, wie Stephanie Wolfram berichtet, Beraterin im Regenbogenzentrum Berlin-Schöneberg:

"Aus unserer Beratungspraxis kann ich sagen, dass es ein ganz großes Interesse an Co-Elternschaft gibt. Es kommen jetzt auch viele heterosexuelle Frauen und Männer in unsere Gruppenangebote kommen, in die Kinderwunschgruppe, weil sie sich vorstellen können, Co-Parenting zu machen, auch mit Schwulen, Lesben, in einem queeren Kontext."

Dennoch dürfen in Deutschland bisher nur zwei Personen rechtliche Eltern werden.

Alex erklärt, wie es bei ihm, Kathleen und Maryna lief: "Wir haben das so vereinbart, dass die Kinder von den Mädels adoptiert werden und dass ich keine finanziellen Pflichten habe."

Damit hat Alex seine Vaterrechte formal abgegeben.

"Tatsächlich stößt man an diese Grenzen, was die Formalitäten oder Rechte angeht, wenn es sich auf Papierform zurückführen lässt. Was darf man, oder wo dürfen elterliche Begleitung oder Befugnisse ausgesprochen werden, da ist Alex halt komplett raus", erklärt Kathleen.

Keine gesetzgeberische Lösung in Sicht

Was hat sich seit meinem letzten Interview vor vier Jahren politisch getan für Co-Eltern oder Regenbogenfamilien? Im Oktober 2017 ist die Ehe für alle eingeführt worden. Doch mehr als zwei Eltern rechtlich einzubinden, davon scheint man weit entfernt zu sein. Maryna und Kathleen sehen das so:

"Die Ehe für alle hat die Türe für schwule Paare geöffnet, dass sie jetzt ein Kind adoptieren dürfen. Früher durften sie nicht."

"Die Vorteile für schwule Männer sind gewachsen. Aber lesbische Paare haben keine Vorteile, weil sie nach wie vor die in die Partnerschaft oder Ehe hineingeborenen Kinder adoptieren müssen. Das heißt, diese Ehe für alle ist halt Augenwischerei für Hetero-Menschen, weil die nur ganz kurz denken."

Auch Markus Ullrich, Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland, kritisiert das:

"Nach wie vor gibt es weder einen Zeitplan für die bevorstehende Änderung im Abstammungsrecht noch einen veröffentlichten Entwurf, d.h. wir sind da, wenn überhaupt, ganz am Anfang des Gesetzesvorhabens. Inzwischen neigt sich die Legislaturperiode dem Ende zu, und wir befürchten sehr stark, dass es in dieser Legislatur wieder keine Verbesserung für Regenbogenfamilien geben wird. Das ist super-ärgerlich."

"Die Niederlande sind am weitesten"

In ganz Europa seien Mehreltern-Familien bisher nicht rechtlich verankert, sagt Björn Sieverding, Vorstandsmitglied bei NELFA, dem Netzwerk der Regenbogenfamilien in Europa, mit Sitz in Brüssel.

"Was man auf jeden Fall sagen kann, dass Mehrelternschaft in Europa gelebte Realität ist. Allerdings gibt es noch kein Land, das adäquate Regeln geschaffen hätte. Die Niederlande sind da am weitesten, die haben 2016 schon einen ersten Gesetzesentwurf dazu gehabt, drei oder auch vier Eltern legal anzuerkennen. Daraus ist leider nichts geworden. Die sind immer noch dabei, das zu besprechen. Es sieht danach aus, dass es da eine kleinere Variante gibt, dass also die Co-Eltern, die nicht leiblichen Eltern, in solchen Konstellationen zumindest eine Art kleines Sorgerecht haben."

Die mangelnden Rechte für Co-Eltern gingen auch zu Lasten der Kinder, die in einer solchen Konstellation aufwachsen, sagt die Wissenschaftlerin Christine Wimbauer:

"Wenn man zum Arzt geht, das Kind in die Schule bringt, dann darf das soziale dritte Elternteil das Kind eigentlich nicht abholen, nicht hinbringen, darf vom Arzt keine Auskunft bekommen. Besonders dramatisch wird es dann im Unglücksfall, im Schicksalsschlag, im Krankheitsfall, im Todesfall, weil das Elternteil nicht zu dem Kind darf."

Kathleen und Maryna etwa mussten Alex mit einer Dauervollmacht ausstatten, damit er die Kinder von der Kita abholen darf.

Schlechte Karten für LGBT-Eltern in Polen

Besonders weit entfernt von irgendwelchen alternativen Familienmodellen sei Polen, wissen Maryna, Kathleen und Alex aus eigener Erfahrung.

"Es gibt ganz wenige Berichte hier in Deutschland, über verschiedene Themen, die die polnische Regierung einfach macht. Und wir sind Nachbarländer und das ist irgendwie auch verletzend", sagt Maryna und stellt fest:

"Aber was kann ich machen? Nichts. Ich bin nicht da und bin ganz froh, dass ich nicht da bin. Die nicht hetero-normativen Personen fühlen sich nicht mehr sicher."

Zwei dunkel gekleidete jugen Menschen halten vor nächtlichem Himmel Regenbogenflaggen hoch. (imago images / ZUMA Wire / Aleksander Kalka)In Polen werden Angehörige der LGBT-Community immer stärker angefeindet, beklagt Maryna (Symbolbild). (imago images / ZUMA Wire / Aleksander Kalka)

Die LGBT-Szene in Polen werde zunehmend diskriminiert und nicht nur verbal, sondern auch körperlich angegriffen, sagt Kathleen. "Dann gibt es noch das verschärfte Abtreibungsgesetz, das fast totale Abtreibungsverbot in Polen. Und in dieser Konstellation hast du als jemand aus der Regenbogen-Community gar keine Chance, ein Kind zu haben."

Im Dorf von Marynas Eltern im nordpolnischen Lasko aber fühlen sich die drei sicher, auch wenn sie etwas beäugt werden, erzählt sie:

"Alle Dorfbewohner wissen, wer wir sind, obwohl wir die Bewohner gar nicht kennen. Aber wenn wir durch das Dorf gehen, dann wissen alle, das sind die zwei Lesben mit Kindern, hoho."

Die drei sind froh, in Berlin zu leben. Die Stadt wirke wie eine Blase, sagt Kathleen:

"Die macht so einen Schutzschild um dich herum - und blendet dich auch weg von allem, sodass du gar nicht checkst, wie schlimm es anderen geht, die nicht in Berlin wohnen oder in so einer Multikulti-Metropole. Wir haben mal überlegt, aus Berlin wegzuziehen. Aber da einen Ort zu finden, bei dem wir sagen können, das ist jetzt safe, da haben wir eine Sicherheit, da geht es den Kindern gut, da müssen wir uns nicht ständig erklären - das ist nicht einfach. Das überlegt man wirklich dreimal.  Sachsen, Meck-Pomm, Brandenburg, du hast nicht viel Auswahl und dann bist du hier auch noch sicher und stößt nicht nur auf Ecken und Kanten."

Alex ist mit seinem Part in der Elternschaft zufrieden

Für Piotrek und Janka ist es Zeit, zu Bett zu gehen. Das übernehmen wie üblich die Frauen. Gelegenheit, mit Alex allein über die Herausforderungen in ihrer Konstellation zu sprechen und ob es so gekommen ist, wie sie es sich vorgenommen haben. 

"Es ist eigentlich ganz interessant", sagt Alex. "Aus meiner Sicht, glaube ich, ja. Aus der Sicht von den Mädels? Das weiß ich manchmal nicht ganz genau. Die würden sich eher mehr wünschen, glaube ich."

Alex reicht es aus, wenn er die Kinder anderthalb Tage pro Woche sieht:

"Ich sehe das eher als Riesenvorteil, dass man einerseits Kinder hat, aber andererseits noch das normale, das vorherige Leben weiterführen kann."

Kathleen meint: "Er liebt die Kinder auch, aber er hat auch tausend andere Stückchen Kuchen, die er essen möchte und nicht nur das eine, sage ich immer."

Die Kinder schlafen. Kathleen und Maryna haben es sich mit einem Glas Wein auf dem Sofa gemütlich gemacht. Erschöpft atmen sie durch. Ich spreche von diesem Moment an mit dem Frauenpaar getrennt von Alex. Wie gelingt die gemeinsame Elternschaft? Kathleen wirkt nachdenklich:

"Ich habe immer noch damit zu tun, das für mich innerlich ausgleichen zu müssen, denn das tut einfach weh. Tatsächlich ist es das Modell, das wir gewählt haben. Aber die schlechte Seite der Medaille ist in meinen Augen, dass wir das miterleben müssen: "Er kann halt das und das machen, worauf er Bock hat, und wir müssen echt immer zwei Wochen vorplanen, wann wir mal einen Abend frei haben."

Alex versucht seine Rolle in der Familienkonstellation so zu definieren:

"Die große Herausforderung ist immer die eigene Rolle als Vater. Inwieweit ist man jetzt Vater. Inwieweit ist man jetzt mit dabei. Inwieweit erklärt man den Kindern, dass man jetzt dann einfach mal nicht da ist. Und auch mit den Mädels sich darüber verständigt, warum man jetzt nicht immer da ist und manchmal dann doch."

Die Frauen sehen ihre Belastung und seine Freiheiten

Maryna: "Wir haben uns zu dritt sehr gefreut, als Piotrek geboren war. Und er hat uns auch ganz viel unterstützt. Aber wir haben uns mehrfach gefühlt, als ob wir zwei Kinder haben. Weil wir hatten ein Baby und ein zweites Kind."

Alex eben. 
 
"Alles musste immer erklärt werden", meint Maryna. "Wir hatten das Gefühl, es gibt keine Fortschritte."

"Bei ihm. In seiner Lernkurve", ergänzt Kathleen. "Wie gehe ich mit einem Kind um? Vielleicht hat das jedes Heteropaar mit einem Mann auch. Für uns war klar, wir haben die Situation nicht, und wir erwarten, dass er das irgendwie auch lernt und kann, weil wir es auch lernen und irgendwie können müssen."

Man sei halt in vielem noch kein Profi, meint Alex. Aber: "Ich habe für mich herausgefunden, wenn ich die Kinder allein habe, dann läuft alles wunderbar. Es läuft alles oft ganz anders. Ich habe auch gemerkt, dass ich mit den Kindern sehr viel besser zurechtkomme, wenn ich alleine bin, als wenn die Muttis da sind."

Alex hatte manchmal das Gefühl, sich abgrenzen zu müssen:

"Ich muss nur manchmal ein bisschen aufpassen, dass man nicht zu sehr hineinrutscht, denn eigentlich will man ja eher eine Beziehung mit einem Mann und nicht mit zwei Frauen. Was ich auch eigentlich erhofft hatte, war, dass man dadurch, dass man keine Liebesbeziehung hat, einfach weniger Konflikte hat. Und Konflikte hatten wir natürlich auch viele. Das ist manchmal auch nicht ganz einfach, im Großen und Ganzen durchaus positiv."

Ein junger Mann und seine zwei Kinder sitzen auf der auf der Couch und schauen auf ein Tablet, eine junge Frau sitzt rechts neben ihnen. (Deutschlandradio / Tini von Poser)Er hat die Freiheiten und wir die Verpflichtung: Maryna betrachtet die Aufgabenteilung kritisch, auch wenn Alex wie hier gern Zeit mit Janka und Piotrek verbringt. (Deutschlandradio / Tini von Poser)

Laute Streits hätte es aber nicht gegeben, erinnert sich Alex.

"Wir haben uns nie angeschrien. Ich bin auch ein sehr konfliktscheuer Mensch. Ich habe eigentlich nie mit jemandem ein Problem. Das ist manchmal auch das Problem für eine der Frauen, die manchmal gern Kontra bekommen würde. Mir wird immer vorgeworfen, ich sei wie ein Schwamm. Ich würde alles aufsaugen. Es war so ein unterschwelliges Unwohlsein."

"Wir haben da Themen bei ihm geweckt, denen er sich nicht so bewusst war", meint Kathleen und Maryna ergänzt:  

"Er hat auch gesagt, sein Papa war nur am Wochenende da, sonst hat er nur gearbeitet, sonst war Mama zu Hause. Das war auch alles okay. Für uns ist das nicht okay."

Kathleen sieht das etwas anders: "Stopp, da ist jetzt ein kultureller Cut. Wir sind so nicht aufgewachsen. Für mich ist das ganz klar eine Grenze zwischen Ost und West, wo die Muttis alle ständig zu Hause waren ständig, aber im Osten nicht."

"Ich kenne jetzt eher die Vätersicht, dass sie dafür kämpfen müssen, dass sie Zeit mit ihren Kindern verbringen dürfen oder können", sagt Alex und blickt auf seine Position: "In dem Fall ist es eher andersrum. Und mit der Zeitfrage wird dann der Vorwurf laut, auf welchen Stellenwert wird man dann diese Familie einordnen. Klar, wenn man jetzt in den Urlaub fährt, ist dir jetzt deine Familie nicht so wichtig. Wieso musst du jetzt schon wieder wegfahren? Erziehungsfragen haben wir jetzt nicht so als Problem."

Geschlechterungleichheiten auch bei der Co-Elternschaft

Das Aushandeln, wer welche Rolle in einem Co-Parenting-Modell übernimmt, sei für die Beteiligten eine große Herausforderung, sagt Professorin Christine Wimbauer.

"Wie immer im Leben, es hat alles zwei Seiten. Es gibt auch strukturelle Schwierigkeiten und Hindernisse. Einmal fehlende Rollenmodelle und fehlende Routinen: Es muss alles ausgehandelt werden. Es ist nicht so klar, wer was übernimmt, fehlende Rechte. Je mehr man aushandelt, desto mehr kann man auch streiten oder uneinig sein. Es wird halt schwierig. Selbst wenn man nicht streitet, es ist anstrengend, immer alles auszuhandeln."

Wimbauer hatte eigentlich nicht erwartetet, dass es geschlechterdifferenzierende Ungleichheiten so auch in Co-Parenting-Konstellationen gibt:

"Sie befreien zwar von dem männlichen Ernährer, aber nicht unbedingt von den Geschlechterungleichheiten, denn auch in diesen Konstellationen sind es oft die Frauen, die mehr Sorgearbeit leisten, mehr Organisationsaufwand haben. Das ist dann nicht anders als in vielen heterosexuellen Zweierbeziehungen. Was ja nicht verwundert, weil wir alle in der gleichen Gesellschaft leben. Die ist ja heterosexuell, heteronormativ und hat die geschlechterdifferenzierende Arbeitsteilung vorgesehen."

Mehrfach standen sie vor der Trennung

Zu den Differenzen in den vergangenen Jahren kam hinzu, dass Marynas Schwangerschaft nicht so lief wie erhofft. Erst klappte die Befruchtung nicht ganz so schnell wie bei Kathleen. Und als Maryna endlich schwanger war, folgten eine langwierige Blasenentzündung, Schwangerschaftsdiabetes, eine dramatische Geburt mit Not-OP und eine postnatale Depression. Das alles habe auch ihre Beziehung zu Kathleen belastet. Maryna lächelt sarkastisch:

"Ich war mehrmals in der Situation, dass ich meine Ringe geworfen habe, trennen wir uns. Ich möchte nicht mehr, ich habe keine Energie mehr, um uns zu kämpfen, weil wir ständig um alles kämpfen. Ich möchte einfach nicht, und ich denke, es wird einfacher, wenn wir uns trennen."

Kathleen: "Ich sage, nein, Schatz, halte an dich."

"Sie lässt mich nicht los. Und das ist irgendwie toll", fällt ihr Maryna ins Wort. "Wir hatten auch letztens so eine Situation. Und ich bin echt begeistert, dass sie mich nicht loslässt. Auf einer Seite möchte ich gehen. Und zweite Seite, ist so eine Situation, sie kämpft, sie kämpft um uns, dieses Bedürfnis zu fühlen, dass man geliebt ist, das ist auch ganz wichtig. Und das fühlst du gar nicht im Alltag. Das fühlst du nur in solchen Situationen, wenn du sagst, ich gehe jetzt los."

"Man macht halt alle Phasen durch, die alle Eltern durchmachen. Das macht halt vor keinem Halt", sagt Kathleen. "Wenn da noch ein Dritter dazu ist, ist das nochmal eine andere Herausforderung, die Last und Entlastung zugleich ist."

Trotz allem: "Wir sind Familie"

Trotz der Enttäuschung, dass es nicht ganz so läuft wie erhofft, sei auch Alex aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. Da sind Kathleen und Maryna sich einig.

"Wir sind Familie. Aber wie es in Familie ist, es gibt gute und schlechte Seiten. Er ist ein Familienmitglied. Aber ich kann nicht sagen, dass er mein Freund ist. Er gehört dazu."

Kathleen sagt lachend:

"Man wird ihn nicht mehr los. Man muss auch dazu sagen, es ist Familie und wir haben ein großes Vertrauensverhältnis. Er war bei der Geburt beider Kinder dabei. Er hat uns beide in unseren intimsten und schmerzvollsten Momenten, entblößt mit allem, was da passiert in so einer Geburt, erlebt. Das war so eine Grenze, die war uns bewusst, dass wir sie gehen wollen, oder dass wir sie überschreiten wollen, für uns, für ihn. Für das Familiengründungsding. Und das hat man einfach überschritten, dass man es nicht mehr zurücknehmen kann. Da ist einfach ein Band da, das nicht mehr kaputtgehen wird.", ist Kathleen überzeugt.

An Heiligabend sind alle zusammen

Als die Frauen Alex kennenlernten, stellten sie eine wichtige Gemeinsamkeit fest: Familie und die zugehörigen Verwandten haben für die drei einen hohen Stellenwert.

"Familiensinn ist nach wie vor da", stellt Kathleen fest. "Das haben wir umgesetzt und das funktioniert."

"Das ist mir schon wichtig, dass ich an Heiligabend mit den Kids zusammen bin", erzählt Alex: "Und das hatten wir jetzt einmal bei den Mädels unten gefeiert und einmal bei mir. Dann einmal in Warschau. Dann war eigentlich letztes Jahr in Augsburg geplant, das war dann ausgefallen. Dann haben wir es in einem ganz kleinen Kreis hier in Berlin gefeiert. Und ich mache das dann meistens so, entweder kommt mein Vater, oder meine Geschwister kommen auch."

Als Alex vor Kurzem auf Gran Canaria war, ist sein Vater spontan nach Berlin gekommen.

Maryna ist begeistert: "Das war das erste Mal, dass er sich entschieden hat, seine Enkelkinder zu besuchen, obwohl Alex nicht da war. Das hat wunderbar geklappt. Wir haben gefragt, ob er die Kinder zur Kita bringen und abholen möchte. Und er hat das alles gemacht. Er hat unser Auto genommen und einfach die Kinder zur Kita gebracht. Und wir dachten, schafft er das? Aber die Kinder haben ihm alles gezeigt. Es waren zwei Tage, die uns große Entlastung gebracht haben." 

Eine ziemlich bunte Familie

Mitglieder aus den drei Familien zusammenzubringen, funktioniere trotz kultureller Unterschiede sehr gut, sagt Alex.

"Ich glaube, das ist auch so von der Mentalität her anders, dass die Ostdeutschen oft sehr viel direkter sind. Die Bayern haben manchmal eher Schwierigkeiten, mit dieser direkten Art umzugehen. Sehr schön finde ich, dass z.B. mein Vater sich ab und an per Whatsapp mit den polnischen Großeltern austauscht. Mein Vater spricht nur sehr schlecht Englisch, kann natürlich kein Polnisch, und die Großeltern in Polen sind auch nicht so gut in Deutsch. Sie schaffen es trotzdem, miteinander zu kommunizieren. Da ist mehr das Zwischenmenschliche wichtig."

Auch in den Urlaub fahren die drei regelmäßig gemeinsam. Meistens sei ein anderes Familienmitglied dabei. Vorbehalte gegenüber ihrem Modell seitens der Familie hätten sie nicht gespürt, sagt Alex. Nur seine Großmutter, die inzwischen gestorben ist, habe es nicht verstanden:

"Sie hat nie wirklich verstanden, warum ich jetzt zwei Frauen habe, zwei Kinder von zwei verschiedenen Frauen, und ich heirate keine. Sie wollte das, glaube ich auch gar nicht mehr verstehen. Sie hat immer gelächelt und gesagt: hauptsächlich gesund und sportlich. Sie war selbst Läuferin. Sie hat von den Kindern leider nicht mehr so viel mitbekommen."

"Dann kommen sie aus drei Himmelsrichtungen angereist"

"Ich glaube, das Einzige, was dieses Thema Regenbogen-Familie für uns bringt, ist, dass wir, wenn wir Hilfe brauchen, einfach nochmal eine dritte Partei mit dazu haben. Wir wissen, dass wir nicht alle in der Nähe wohnen. Wir sind größtenteils auf uns alleine gestellt, und wir kriegen es auch irgendwie gemanagt. Aber wenn wir wissen, es geht hier gar nichts, dann kommen sie sprichwörtlich aus allen drei Himmelsrichtungen angereist. Dann sind sie auch da. Das wissen wir sehr zu schätzen. Das wissen wir auch alle drei, dass das so ist", betont Kathleen.

Am Ende des Tages würden die drei alles so wieder machen. Nur Alex hätte das Kinderkriegen auf etwas später verschoben.

"Für einen schwulen Vater war ich mit 30 relativ früh dran. Ich bin gerade 31 geworden, da ist mein Sohn auf die Welt gekommen. Ich glaube, ich würde es nochmal fünf Jahre nach hinten schieben."

Es habe ganz viele lustige und schöne Momente gegeben, bilanziert Kathleen: "Diese Schwierigkeiten und Hürden, die wir hatten, gehören rückblickend auch einfach dazu, um sich zu formen. Natürlich wäre es schön, wenn man die nicht hätte, weil die Kraft und Energie kosten, aber sie haben alle zu dem gemacht, die wir jetzt sind. Und es funktioniert wunderbar, wie wir drei das gemacht haben."

"Ich sage immer, wir haben gesunde Kinder zur Welt gebracht", betont Maryna.

Und Alex betont, wie viel Glück sie gehabt hätten, sich überhaupt zu finden. "Das war ja eine Zeitungsannonce, die ich zufällig gelesen hatte. Ich hatte gar nicht erst gesucht."

Alex kennt viele, die ewig suchen, um passende Menschen für eine Co-Elternschaft zu finden.

"Dann hatten wir auch wahnsinniges Glück, dass es auch so leicht funktioniert hat, dass wir nur sehr wenige Versuche gebraucht hatten, bis dann die zwei Mädels schwanger waren. Das größte Glück überhaupt ist, dass die zwei Kinder gesund sind. Und mit der Wohnung, das war dann noch das letzte große Glück, würde ich fast sagen. Nicht das letzte, aber noch ein weiteres großes Glück."

Mitwirkende
Autorin: Tini von Poser
Sprecherin: Cornelia Schönwald
Technische Realisation: Alexander Brennecke
Regie: Clarisse Cossais
Redaktion: Constanze Lehmann
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