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Kompressor | Beitrag vom 19.06.2020

Clubkultur nach CoronaAlles muss raus

Moderation: Gesa Ufer

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Ein Pärchen und eine Einzelperson hocken auf einer Wiese an einem Abhang. (picture alliance/Xinhua)
Clubkultur in Bedrängnis: Veranstaltungen und Partys sind derzeit nur im Freien denkbar. (picture alliance/Xinhua)

Während der Pandemie hoffen Berliner Clubbetreiber auf Veranstaltungen unter freiem Himmel. Gesucht wird zudem nach Räumen und Flächen für künstlerische Experimente. Im Gespräch ist dafür das Konzept der "Draußenstadt".

Konzerte, Theater, Ausstellungen, Partys – alles was das Leben zwischen Kultur und Hedonismus lebenswert macht, fand monatelang nicht statt. Größere Zusammenkünfte und Veranstaltungen sind immer noch nicht erlaubt oder streng geregelt.

Keinerlei Einnahmen, aber laufende Kosten. So gestaltet sich derzeit auch die Existenz von Berliner Clubbetreibern. "Corona bedeutet einfach den totalen Stillstand", sagt Pamela Schobeß von der Clubcommission Berlin. "Aus kultureller Sicht ist es der totale Alptraum."

"Draußenstadt" - Kultur trifft Stadtentwicklung

Während die Politik in Land und Bund Soforthilfeprogramme entwickelt, bleibt unklar, wie das Clubkulturleben mittel- und langfristig fortgeschrieben werden kann.

Markus Bader, Professor für Architektur und Städtebau an der Universität der Künste in Berlin, hat in diesem Zusammenhang die Idee einer sogenannten "Draußenstadt" ins Gespräch gebracht.

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"Lasst uns gemeinsam die öffentlichen Stadträume neu denken und neu nutzen", fordert Bader. Speziell für Berlin rückt er den Stadtraum außerhalb des S-Bahn-Ringes in den Fokus, der viele Potenziale habe.

Auch Clubbetreiberin Schobeß hofft, noch in diesem Sommer, öffentliche Plätze nutzen zu können. Es gebe bereits eine Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung, sagt sie. Wünschenswert wäre es aus ihrer Sicht allerdings, dass Genehmigungsverfahren schneller laufen und es damit einfacher werde, den Stadtraum auch tatsächlich zu nutzen.

Mathildenhöhe in Darmstadt als Beispiel

Als gelungene Version einer kulturellen Stadtentwicklung gilt nach Auffassung von Markus Bader die experimentelle Künstlerkolonie Osthang Mathildenhöhe in Darmstadt. Der Osthang wurde im Krieg zerstört. "Über Jahrzehnte hatte dieser Osthang Zeit, in einem Wildwuchs eine wunderbare Oase zu werden", so Bader.

Hier entstand schließlich ein Bauwerkstatt, an der sich viele Künstlerinnen und Künstler beteiligten. Pavillons, Siedlungen oder Installationen konnten "ergebnisoffen" genutzt werden und somit "im Gebrauch" Erfahrungen gesammelt werden, "was Stadt sein kann" - ohne ökonomischen Druck, meint Bader.

Ähnliche Vorstellungen teilt auch Thüringens Kulturminister, Benjamin Hoff, von der Partei Die Linke. "Ich glaube, dass es tatsächlich darum geht, dass wir Innenstädte anders denken", sagt Hoff. "Schrottimmobilien" mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen könnten zum Beispiel der kulturellen Stadtentwicklung zugeführt werden.

Raum konnte man sich nehmen

Für Clubbetreiberin Pamela Schobeß ist dieser Ansatz nichts Neues. "Eigentlich ist ja Clubkultur genau daraus entstanden - in Berlin insbesondere durch den Freiraum, den es gab, den man sich einfach hat nehmen können", sagt sie. "Und so sind kreative Zentren entstanden, die dann die Stadtentwicklung in Richtung bunte Stadt vorangetrieben haben." Kultur sei ein guter Motor für eine interessante Stadt.

Fraglich bleibt die Finanzierung solcher Projekte. Architekturprofessor Markus Bader fordert einen "Projektfonds Urbane Praxis" - die aktuelle Kulturförderung sei sehr an Institutionen orientiert und müsse ergänzt werden. Auch der Zugang zu "Boden" und "Raum" wiederum sei politisch zu klären, meint er.

(huc)

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