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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.06.2009

Club of Rome: Solaranlagen in der Wüste sind realistisch

Investorengruppen wollen Stromleitungen im Mittelmeer-Raum bauen

Max Schön im Gespräch mit Marcus Pindur

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Ein großer Teil des Strombedarfs könnte künftig durch Solarstrom aus der Wüste gedeckt werden.  (AP)
Ein großer Teil des Strombedarfs könnte künftig durch Solarstrom aus der Wüste gedeckt werden. (AP)

Der Präsident der deutschen Gesellschaft des Club of Rome, Max Schön, hält das Projekt zur Produktion von Solarstrom in der afrikanischen Wüste für realistisch und rentabel. Innerhalb einer Generation könnten 90 Prozent des Strombedarfs aus Sonnenenergie gewonnen und der CO2-Ausstoß drastisch reduziert werden, sagte Schön.

Marcus Pindur: Die Idee ist so einleuchtend, dass man sich fragt, warum nicht früher schon jemand den Mut aufgebracht hat, es anzugehen: Eine Gruppe von 20 Konzernen unter der Führung der Münchener Rück will in Nordafrika große Sonnenkraftwerke bauen, die ihren Strom dann in das europäische Verbundnetz einspeisen sollen. Solarstrom aus der Sahara. Ich begrüße jetzt den Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome, Max Schön. Guten Morgen!

Max Schön: Guten Morgen, Herr Pindur!

Pindur: Die Wüsten der Erde empfangen in weniger als sechs Stunden von der Sonne so viel Energie, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht. Stellt sich die Frage, warum hat man sich das bisher noch nicht in größerem Ausmaße zunutze gemacht?

Schön: Bisher war es für die Fantasie des Menschen noch einfacher, ein Loch zu bohren, Öl rauszuholen und ein Feuer zu machen, wie er es auch früher mit Holz gemacht hatte, es abzubrennen. Das ist einfach die Geschichte unserer Energieversorgung. Dann gab es in meiner Schulzeit schon mal vor ungefähr 25 Jahren die Fantasien, dass man eines Tages Wasserstoff vielleicht in den Wüsten macht und den dann mit großen Tankern zu den Energieverwendungszentren der Welt bringt, und heute ist es aber mit vorhandener Technologie möglich, direkt mit solarthermischen Kraftwerken, aber auch anderen regenerativen Kraftwerken, die beim Deserttech-Konzept eine Rolle spielen, wie eben auch Photovoltaik, wie auch Wind, die Energie einerseits sage ich mal preiswert einzufangen und zum Zweiten mit modernen Leitungstechnologien auch verlustarm über große Distanzen hinzutransportieren, zum Beispiel von der Sahara nach Europa mit etwa neun Prozent Leitungsverlusten auf 3000 Kilometern.

Pindur: Das ist genau die Frage. Das ist ein riesengroßes Projekt. Wie steht es denn um die technische Machbarkeit? Das ist ja nicht ein kleineres Vorhaben.

Schön: Die technische Machbarkeit wurde in den letzten Jahren durch mehrere Studien des Deutschen Luft- und Raumfahrtinstituts nachgewiesen. Das sind Studien, die das deutsche Umweltministerium in Auftrag gegeben hat, und Fachleute rund um die Welt machen sich Gedanken, wie das gemacht werden kann. Aber wir sind aus diesem Stadium eigentlich heraus. Deserttech, diese Initiative des Club of Rome, sagt eben ganz klar, wir haben die Technologien, wir haben auch erste Kraftwerke. Es gibt auch ein 20 Jahre altes Kraftwerk in den USA, was ganz zuverlässig auch heute noch Strom liefert. Das ist abgeschrieben, sprich also bezahlt, jetzt ein großer Ertragsbringer. Und es werden große Kraftwerke im Moment in Abu Dhabi gebaut, in den USA, in Spanien, einige sind schon fertig und ans Netz gegangen. Was interessant ist, dass man auch jetzt das Problem gelöst hat, dass diese Kraftwerke auch nachts Strom liefern können, indem man nämlich Wärme einfängt, und Wärme kann man im Gegensatz zu Strom schon sehr gut speichern.

Pindur: Welche Hindernisse stehen denn diesem Projekt dann noch im Weg?

Schön: Also das Haupthindernis sind eigentlich die Gedanken bei uns im Kopf. Deswegen bin ich sehr dankbar für diese Initiative, die wir gemeinschaftlich mit der Münchener Rück gestartet haben, dass man im Kopf wirklich einfach mal anders denkt und sagt, ja, wir könnten es tatsächlich schaffen, innerhalb von einer Generation 90 Prozent unseres Stromes aus regenerativen Energiequellen zu schöpfen, und wir könnten dann eben auch das CO2-Problem lösen und das Klima damit stabilisieren. Und das zweite Hindernis neben unseren Köpfen ist dann sicherlich die politische Umsetzbarkeit. Es gibt eben viele Menschen, die haben nach wie vor Angst – das klang ja eben auch schon an - sind das vielleicht unsichere Energielieferanten, machen wir uns vielleicht abhängig, aber da muss man eben sehen: mit unseren heutigen Gaslieferungen, mit unseren heutigen Öl- und Kohlelieferungen sind wir natürlich auch unheimlich verwundbar eigentlich mit unserer jetzigen Energieerzeugung und in Zukunft würden dann eben alle Länder, die Wüsten haben, solche Energien liefern können, und da liegt eigentlich die Kunst auch wieder darin, verschiedene Energiequellen, verschiedene Energielieferanten machen uns dann eigentlich untereinander einerseits alle abhängig voneinander und auch unabhängig voneinander. Das Risiko ist nicht größer als das, was wir heute haben. Ich würde sagen, es ist geringer und es birgt die Perspektive gerade für die Länder in den Wüstenstaaten, sich ihre eigene Energieversorgung CO2-neutral und kostengünstig auf die Beine zu stellen, gleichzeitig Salzwasser zu entsalzen kostengünstig und darüber hinaus noch aus dem Energieverkauf Erträge zu erzielen.

Pindur: Es gibt ein weiteres Hindernis, Herr Schön, ganz kurz noch: eine große Investitionssumme. Da ist von 400 Milliarden Euro die Rede. Wie soll das denn zustande kommen?

Schön: Also die Investitionssumme erscheint als Einzelsumme unheimlich groß. Wenn man aber sieht, dass es innerhalb der nächsten 30 Jahre – und wir sprechen beim Deserttech-Konzept von 30 Jahren – das ist also eine Aufgabe für eine Generation, diese Summe zu investieren. Innerhalb dieser 30 Jahre muss ohnehin jedes Kraftwerk dieser Welt erneuert werden. Das ist einfach abgenutzt. Und wenn wir dann sagen, wir ersetzen ein altes konventionelles Kraftwerk durch neue Solarkraftwerke, Windkraftwerke, dann ist das eine Investitionssumme, die wir ohnehin tätigen müssen. Die Zeche müssen wir so oder so bezahlen. Das ist ähnlich wie beim Klimawandel. Der Klimawandel kommt, oder wir müssen ihn vermeiden; vermeiden ist sogar billiger, als die Folgen des Klimawandels zu bezahlen. Insofern ist diese Summe als Summe gesehen gigantisch. Wenn man aber sagt, das ist ohnehin die Investition, die in den nächsten 30 Jahren zu tätigen ist – auch die Weltbevölkerung wächst dann von 6 auf bis dann 10 Milliarden Menschen -, dann ist das keine besonders große Summe. Die Zahl absolut erschlägt einen aber zunächst einmal vielleicht.

Pindur: Die Frage ist ja auch, wird das ein dauerhafter staatlicher Subventionsempfänger, oder wird sich das irgendwann von alleine rechnen?

Schön: Es darf überhaupt nicht ein dauerhafter Subventionsempfänger werden; dann ist es keine gute Lösung. Wir gehen im Moment davon aus - das zeigen die Wirtschaftlichkeitsberechnungen dazu -, dass innerhalb von 10 bis 15 Jahren -das kommt jetzt darauf an, ich sage es mal ein bisschen lax, wie schnell wir in die Puschen kommen - einfach eine größere Menge produziert wird, ähnlich wie beim Auto. Die ersten einzelnen manuell gefertigten Autos waren wahnsinnig teuer. Als wir in die Serienproduktion gegangen sind, wurde das Auto plötzlich dann erschwinglich für jedermann. So muss man das auch bei diesen Kraftwerken sehen. Im Moment ist jedes solarthermische Kraftwerk, was gebaut wird, zum Teil auch noch die Windparks und die Photovoltaik-Kraftwerke, das sind einzelne Ingenieursteile. Wenn die zum Serienprodukt werden und einfach massenhaft Spiegel und Windmühlenflügel produziert werden, dann kommen wir nach den Berechnungen, die es jetzt seitens der Wissenschaft und der Ökonomen gibt, auf Energiepreise, die etwa auf dem heutigen Niveau der konventionellen Energieträger liegen, also absolut wettbewerbsfähig, aber mit dem großen Vorteil: kein CO2.

Pindur: Was denken Sie denn, wann man damit beginnen kann?

Schön: Also die ersten Kraftwerke werden - wie gesagt - gebaut. Ich habe einige vorhin erwähnt. Es gibt jetzt die ersten Interessenten, die Leitungen bauen wollen im Mittelmeer, Hochspannungs-Gleichstromleitungen. Das sind andere Leitungen als die, die wir heute kennen. Die haben eben nur sehr, sehr geringe Energieverluste. Die gibt es auch schon, gibt es von Norwegen nach Holland, gibt es innerhalb der Ostsee, gibt es eine sehr, sehr große Leitung im Moment im Bau in China über 2.000 Kilometer. Da gibt es jetzt erste Investorengruppen, die diese ersten Kabel legen wollen von Nordafrika nach Süditalien.

Pindur: Vielen Dank für diese Informationen! Max Schön, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome.

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