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Lesart | Beitrag vom 09.09.2019

Climate Fiction & Co.Der Klimawandel als Randthema in der deutschen Literatur

Sieglinde Geisel im Gespräch mit Andrea Gerk

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Sehr trocken und mit Rissen und Furchen ist der Boden am Rheinufer im Juli 2019 zu sehen. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Die zunehmende Trockenheit ist inzwischen auch in Deutschland sichtbar. Trotz der Dringlichkeit sei der Klimawandel in der deutschen Literatur noch nicht angekommen, meint Sieglinde Geisel. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

Stürme, Insektensterben, drohende Wassernot - in norwegischen Bestsellern ist der Klimawandel bereits Thema. In der deutschen Literatur kommt er hingegen eher am Rande vor. Warum das so ist, erläutert unsere Kritikerin Sieglinde Geisel.

Andrea Gerk: Auch wenn es einflussreiche Politiker gibt, die das Gegenteil behaupten, ist der Klimawandel doch inzwischen allgegenwärtig. Heftige Stürme, das Insektensterben oder drohende Wassernot sind auch bereits Themen in Romanen, wie zum Beispiel den Bestsellern der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde. Aber wie sieht es hier bei uns aus?

Wie Literatur den Klimawandel spiegelt, dazu fand Ende August in Göttingen eine große Tagung statt, und für uns war Sieglinde Geisel damals dabei, aber sie hat sich auch ansonsten mit diesem weiten Feld beschäftigt und ist jetzt hier bei mir im Studio. Frau Geisel, wie ist denn das hier bei uns, also in der deutschen Literatur? Gibt es da auch schon Romane, die sich mit der Klimakrise und mit all diesen Veränderungen, die dadurch auf uns zukommen, beschäftigen?

Sieglinde Geisel: Ich würde sagen, den Roman zum Klimawandel gibt es noch nicht. Es ist vor allem die Science-Fiction-Literatur natürlich, die sich damit auseinandersetzt. Wenn ich jetzt einen Roman schreibe, der in der Zukunft spielt, dann komme ich da ja kaum drumherum. Es wird mir quasi gratis geliefert: die ganzen Katastrophen.

In der Literatur, mit der sich dann doch das Feuilleton auseinandersetzt, ist es wirklich noch sehr wenig. Ich beobachte mehr, dass die Klimakrise als eine Art Ausstattungsmerkmal dazukommt, in den Romanen von Sibylle Berg, "GRM", oder Karen Duve, "Macht", da kommt es schon auch vor. Aber es ist nicht der Fokus, es ist mehr ein Requisit.

Ein anderer Trick ist, dass man die Hauptfigur einen Wissenschaftler sein lässt, zum Beispiel Ian McEwan mit "Solar". Dann ist es eben ein Klimawissenschaftler, der die Hauptfigur ist, aber das garantiert immer noch nicht, dass wir uns mit der Krise literarisch wirklich auseinandersetzen.

Ein Debüt, auf das ich sehr gespannt war, was auch sehr gelobt wurde - von Helene Bukowski, "Milchzähne" - spielt in einer Landschaft, wo alles heiß ist und die Tiere sterben, es fallen Möwen vom Himmel, der Himmel ist immer blau, es ist so vertrocknet, aber das ist nur die Kulisse. Was dann eigentlich da abgeht, ist auch sehr interessant, aber das ist ein Beziehungsgeflecht zwischen Mutter und Tochter und fremd und nicht fremd. Da geht es letzten Endes nicht um die Frage, wie leben wir mit dem Klima.

Übersetzung von Wissenschaft in Literatur

Man kann natürlich überlegen, ob das "nature writing" auch schon in "climate fiction" reingehört. In gewisser Weise ist das schon so, weil wir immer das schätzen lernen, was wir verlieren. Die Aufmerksamkeit auf die Natur: Weil wir merken, dass sie uns abhandenkommt; wir feiern etwas, was noch da ist.

Am spannendsten von den literarischen Büchern fand ich ein Buch, das überhaupt nicht rezensiert wurde, in einem kleinen Verlag erschienen, von Margret Boysen, "Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta". Das ist eine Art Adaption von "Alice in Wonderland", und Margret Boysen arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und wollte eigentlich ursprünglich eine Broschüre nur für das Institut schreiben, und dann hat ihre Fantasie sie davongetragen.

Diese Alice ist jetzt nicht im Kaninchenloch verschwunden, sondern besucht das Institut in einer Klasse und verschwindet in einer Computersimulation und bewegt sich jetzt in diesen simulierten Welten und erlebt Abenteuer: sprechende Tiere, der Regenwald. Das, finde ich, ist eine sehr interessante Art Übersetzung von Wissenschaft in Literatur, in Fantasiegeschichten und auch sehr unterhaltsam zu lesen - obwohl das, was da beschrieben wird, einem den kalten Schauer den Rücken runterrieseln lässt.

Schriftsteller wollen sich nicht einspannen lassen

Gerk: Ist denn das, was Sie sagen, wo es nicht nur als Kulisse, sondern tatsächlich als Zentrum des Romans stattfindet, in anderen Ländern präsenter? Ich hatte ja schon Maja Lunde erwähnt, die habe ich auch mal getroffen, und die war selbst überrascht, dass vieles, was sie sich vorgestellt hatte in ihren Romanen, eigentlich schon jetzt Realität ist, obwohl es so ein bisschen Science-Fiction-mäßig gedacht war. Wie ist das woanders, in den USA zum Beispiel, wo ja Begriffe wie "climate fiction" herkommen?

Geisel: Die lassen sich auch nicht übersetzen. Wenn ich jetzt Klimafiktion sage, dann bin ich ja schon fast in dem Klimawandelleugner-Ding, das ist ein großes Problem.

Es ist definitiv dort präsenter. Zum Beispiel T.C. Boyle hat einen Roman geschrieben, Margaret Atwood. Es gibt im "Chicago Review of Books" eine monatliche Kolumne über Bücher, die sich mit der Klimaerwärmung auseinandersetzen, es ist aber auch ein anderer Diskurs im Sachbuchbereich. Zum Beispiel Nathaniel Rich, "Losing Earth", das war ein ganzes Magazin der "New York Times", und das hat natürlich ungeheuer Aufmerksamkeit geschaffen. Diese ganzen Sachbücher kommen jetzt auch diesen Herbst bei uns raus.

Gerk: Womit könnte das zusammenhängen, dass sich unsere Autoren ein bisschen vor dem Thema drücken? Macht man hier nicht so gerne Aufklärungsliteratur?

Geisel: Das hat sicher was damit zu tun, dass Autoren sich natürlich nicht in Dienst nehmen wollen lassen, auch nicht von einer guten Absicht. Das ist ja in der Kunst immer ein bisschen ein Problem. Gute Absicht kann leider zu sehr schlechter Literatur auch führen.

Die Tagung in Göttingen, die hatte den Titel "Vom Klima schreiben", die wurde vom Literarischen Zentrum Göttingen organisiert. Da war schon sehr die Frage, was ist los mit euch Schriftstellern. Und mich hat der Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber sehr beeindruckt , der wahrscheinlich wichtigste Klimaforscher überhaupt, der ja auch lange Jahre engster Berater von Angela Merkel war. Der hat gesagt, ihr lasst uns im Stich, wo bleiben die Romane, wo bleibt die Matthäus-Passion, also alle Künste, wir haben die Kunst noch nie so dringend gebraucht wie heute, was ist los mit euch?

Das Bedürfnis, dass jetzt endlich was passiert

Gerk: Weil er sich davon was verspricht?

Geisel: Dass die Leute endlich aufgerüttelt werden, dass endlich etwas passiert. Was ich sehr interessant finde, einer der Autoren, die sich ja wirklich als Zeitgenossen verstehen und sich einmischen wollen, ist Ilja Trojanow, und der hat 2011 einen Roman geschrieben, "EisTau".

Das ist auch wieder der Trick, man nimmt die Hauptfigur, einen Glaziologen, und hat damit quasi das Thema schon da, und er hat jetzt auf dem Verlagsblog "114" vom Fischer-Verlag erklärt, warum es so schwierig ist, einen Klimawandelroman zu schreiben.

Er schreibt da zum Beispiel: "Ein Grad oder zwei Grad, sechzig Zentimeter oder achtzig Zentimeter, 450 oder 500 parts per million", diese ganzen Werte implizierten zwar bedrohliche Folgen, und jetzt kommt es: "Aber sie waren für mich nicht spürbar und nicht sichtbar. Meine Phantasie entzündete sich nicht. Als Bürger war ich ratlos, als Schriftsteller war ich angewiesen auf fremde Visionen."

Das finde ich eine ganz wichtige Sache. Das geht uns ja allen so. Erst seit wir es körperlich spüren, wachen wir endlich auf. Ich habe das in der Schule schon gelernt, dass die Erde sich erwärmen wird. Das war in den 80er-Jahren. Ich finde, das ist ein ganz großes Bedürfnis, dass da jetzt endlich was passiert. Schellnhuber sagt quasi, ja, Schriftsteller, wo lebt ihr denn, in welcher Welt, also spürt ihr es denn nicht, das muss euch doch jetzt beflügeln. Er sagte dann auch, dass aus dieser Kraft der Krise nicht ein kreativer Ausbruch entsteht, das ist für ihn nicht zu fassen.

Gerk: Wurde denn auch darüber nachgedacht oder diskutiert, wie so etwas am besten aussehen könnte, dass es sowohl literarisch hochwertig ist, aber auch wirklich die Leute aufklärt und aufrüttelt, dass sie auch endlich mal was machen?

Geisel: Das ist wirklich eine ganz schwierige Sache. Das Problem ist ja, dass man diese Literatur nicht bestellen kann. Also die entsteht oder entsteht nicht. Ich glaube, bevor die entstehen kann, muss unter den Autoren erst eine Art Bewusstseinswandel geschehen.

[...]

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Die Bücher, über die Sieglinde Geisel spricht: 

  • Sibylle Berg: GRM, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, 640 Seiten, 25 Euro
  • T. C. Boyle: Ein Freund der Erde, Hanser, München 2019,  19,90 Euro
  • Margret Boysen: Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta, Edition Rugerup, 278 Seiten, 21,90 Euro
  • Helene Bukowski: Milchzähne, Blumenbar, Berlin 2019, 256 Seiten, 20 Euro 
  • Karen Duve: Macht, Verlag Galiani, Berlin 2016, 414 Seiten, 21,99 Euro
  • Nathaniel Rich: Losing Earth, Aus dem Englischen übersetzt von Willi Winkler
    Rowohlt, Berlin 2019, 240 Seiten, 22 Euro
  • Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung– Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff, C. Bertelsmann, 784 Seiten, 29,99 Euro,
  • Ilja Trojanow: EisTau, Hanser Verlag, München 2011, 172 Seiten, 18,90 Euro
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