Seit 14:05 Uhr Kompressor
Montag, 17.05.2021
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Vollbild | Beitrag vom 20.03.2021

Cliffhanger und SerienendenVon Happy End bis schwarzer Bildschirm

Sven Grampp im Gespräch mit Susanne Burg

Szene aus der TV-Serie "Eine schrecklich nette Familie". Ein Mann sitzt auf einem Sofa, neben ihm steht seine Frau. Im Hintergrund sind zwei Kinder. (imago images/United Archives)
Es gibt kein Entrinnen: Peggy Bundy mit ihrem Ehemann und Schuhverkäufer Al in der US-Serie "Eine schrecklich nette Familie". (imago images/United Archives)

Serienenden sind eine Kunst für sich. Das weiß der Medienwissenschaftler Sven Grampp nach dem Schauen von "The Guiding Light" bis zu den "Sopranos". Ein originelles Finale habe etwa auch die US-Serie "Eine schrecklich nette Familie" gehabt, sagt er.

Susanne Burg: Jetzt schauen wir auf die Enden von Fernsehserien. Denn die geraten vor der scheinbaren Unendlichkeit von Serien mit dritten, vierten und fünften Staffeln ein bisschen aus dem Blick. Einen Aufsatz über die Enden von Fernsehserien haben vor einiger Zeit die beiden Medienwissenschaftler Jens Ruchatz und Sven Grampp geschrieben – und mit Sven Grampp habe ich mich vor der Sendung unterhalten. Er ist Akademischer Rat am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg.

Fangen wir doch mal mit der Serie an, die an die Unendlichkeit am meisten heranreicht, "The Guiding Light". 72 Jahre und 1500 Folgen gab es sie. Was für eine Serie war das – und vor allem – wie und warum ist sie schließlich 2009 zu Ende gegangen?

Sven Grampp: Es war eigentlich erst mal eine Radioshow, die wurde dann ins Fernsehen übernommen und lief dann auch erst mal 15 Minuten. Das wurde dann allmählich ausgebaut, hatte relativ großen Erfolg. Der Erfolg nahm tatsächlich dann nach ein paar Dekaden ab – und das kann man auch sehr schön daran sehen, dass die Produktion nicht mehr so viel Geld zur Verfügung hatte, um sogenannte Multi-Camera-Perspektiven einnehmen zu können, dass man mit mehreren Kameras aufnimmt, sondern dann hat man auf Video umgestellt.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
Und zum Schluss hat man dann gesehen, dass das Interesse anscheinend nach den Einschaltquoten so gering war, dass man sie absetzen musste. Es gab tatsächlich so eine Art von klassischem Happy End. Dementsprechend hat tatsächlich diese Serie in dem Sinne erst mal narrativ formal ein Ende gefunden.

"Eine Serie soll endlos laufen"

Burg: Viele Serien, vor allem jetzt auch die groß angelegten, epischen Serien, werden ja gerne auch auf eine nächste Staffel angelegt. Ganz allgemein, welches Verhältnis haben Serien zum Ende?

Grampp: Wenn man davon ausgeht, dass die meisten Serien zumindest sehr lange Zeit genau dieses Ziel verfolgt haben, nämlich so lange wie möglich ausgestrahlt zu werden, dann ist natürlich klar, dass sie ein prekäres Verhältnis zum Ende haben. Man könnte fast zugespitzt sagen, ein widersprüchliches oder aporetisches Verhältnis. Eine Serie soll endlos laufen, heißt: Das Ende soll soweit als möglich hinausgeschoben oder nicht gedacht werden. Jetzt ist es aber so, dass wir in einem ökonomischen, kapitalistischen System leben – oder auch öffentlich-rechtlich entscheidet nach bestimmten Prinzipien, wann etwas abgesetzt wird.

Einerseits soll das Ende hinausgeschoben werden, andererseits droht das Ende natürlich auch immer wieder. Und das heißt, dass das Ende in Serien selbst nicht einfach nur verdrängt wird, sondern dass es einen ganz bestimmten Denkhorizont eigentlich eröffnet. Und man sieht es sehr schön an Serien, die ihre erste Staffel haben, normalerweise läuft das ja so, dass diese erste Staffel dann angekauft wird von irgendeinem Sender oder von einem Sender produziert wird, dann schaut man mal, ob es eine zweite Staffel geben wird. Und das sieht man an fast allen Serien, dass das Ende der ersten Staffel meistens zu einer Art von Ende kommt – also Ende im Sinne von: Alles ist aufgelöst oder alle sind tot oder Ähnliches.

Dementsprechend heißt es, von Anfang an ist eigentlich schon immer ein Ende mitgedacht. Es gibt auch, das finde ich ganz interessant, Serien, die mit dem Ende so stark rechnen, dass bevor überhaupt schon klar ist, wann das Ende ist, eine letzte Folge produziert worden ist, dass wenn der Sender ganz schnell sagt, die Einschaltquoten sind so schlecht, wir brechen einfach jetzt ab, wird die nachgeschoben. Die ist in petto, das ist wie eine Art von Nachruf, den Zeitungen ja auch schon schreiben, bevor ein Prominenter gestorben ist, damit sie ihn schnell drucken können, so etwas gibt es dort auch.

Spannung vor der Werbepause

Burg: Wenn man jetzt vom Serienende spricht, dann gibt es ja auch das Staffelende. Wenn man aber noch kleiner denkt, selbst innerhalb der Serien muss sich die Serie ja mit Enden auseinandersetzen, zum Beispiel nach jeder Episode. Oder auch, wenn wir noch vom linearen Fernsehen denken, wo es noch Werbeblöcke gab, dann innerhalb der Episoden auch noch mal. Wie strukturiert das oder was bedeutet das für eine Serie?

Grampp: Ich glaube wirklich, da muss man einigermaßen medienhistorisch und technologisch denken. Wenn ich erst mal beim linearen Fernsehen, beim klassischen Fernsehen bleibe. Da gehen wir der Einfachheit halber mal nach Amerika, wo es schon sehr lange diese Werbepausen gibt.

Wenn da ein Drehbuch für eine Episode geschrieben worden ist, ist es ganz eindeutig so, dass man, ohne zu wissen, wo die Werbepause ist, sagen kann, wo die Werbepause narrativ festgesetzt worden ist. Das sieht man meistens daran, dass so eine Art Mini-Cliffhanger, eine Spannung, die erzeugt wird und nicht aufgelöst wird, kurz vor der Werbepause normalerweise stattfindet.

Und jetzt meine ich medienhistorisch denken, und ich nehme einfach mal das Beispiel "Tatort". Wenn man die früheren Sachen anguckt, sieht man, dass ganz eindeutig episodisch erzählt worden ist, da geht es um den Fall, da geht es vielleicht auch um die Kommissare, aber es ist am Ende relativ klar abgeschlossen.

Inzwischen ist etwas eingeführt worden, das sehr, sehr üblich ist in Amerika schon sehr lange, nämlich, dass die Geschichte abgeschlossen wird, aber dass man an der Figurenerzählung immer weiter operiert, dass sozusagen die Figuren komplexer werden und immer mehr über sie erzählt wird. Und wenn ich vorhergehende Episoden gesehen habe, kriege ich so eine Art Gratifikation, damit ich mich sozusagen mich erinnere an diese Figur. Dementsprechend gehen auch dort die Szenen immer stärker mit Enden und nicht enden wollen, fortsetzen wollen um.

Ursprung des Cliffhangers

Burg: Die Kunst des Cliffhangers ist ja auch immer weiter verfeinert worden. Seit wann gibt es eigentlich Cliffhanger?

Grampp: Richtig durchgesetzt auf breiter Front vor allem im abendländischen Bereich hat sich das erst im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung. Es hat ganz eindeutig auch etwas zu tun mit industriellen und medientechnologischen Entwicklungen, man wollte sehr viel Absatz haben, und dann sieht man in der Populärkultur, vor allem der populären Literatur eine Cliffhanger-Dramaturgie. Die Zeitung, die sich auch morgen wieder verkaufen will, operiert im 19. Jahrhundert sehr stark mit dieser Form des Cliffhangers, dass dann jeweils diese Serien immer weitergehen. Das hat sich dann ins Kino hinein fortgesetzt, das ist heute relativ häufig schon vergessen, man sagt ja heute, dass die Serie wieder im Kino zurückkommt über die unterschiedlichen Superhelden-Filme.

Aber wenn man sich das historisch anschaut, sind in den 1920er-Jahren spätestens sogenannte Filmserien eingesetzt worden, wo es dann genau darum geht, wo der Begriff auch herkommt, nämlich der Westernheld oder interessanterweise auch sehr häufig Protagonistinnen hingen dann am Cliff – und dann musste ich am nächsten Tag oder in der nächsten Programmrunde nächste Woche musste ich mir das dann anschauen. In der Filmpraxis des frühen Kinos war das eigentlich eine gängige Form. Und dann hat sich die weiter fortgesetzt ins Radio, das ist heute auch weitgehend vergessen, im Radio gab es das sehr oft. Wir hatten vorher über "The Guiding Light" gesprochen, dort ist der Cliffhanger tatsächlich auch immer wieder stabilisiert worden – schalten Sie das Radio auch nächste Woche wieder ein!

Und dann kommt es dahin, wo wir es her kennen, nämlich aus dem Fernsehen vor allem in Amerika. Und in Amerika dann ab den 1950er-Jahren, wo es auch Soaps gab, wurde das eine gängige Form. Interessanterweise gibt es wirklich große kulturelle Unterschiede. In Deutschland war das eigentlich überhaupt nicht gängig, sowohl die Soap war nicht gängig bei uns in den 50er- und 60er-Jahren, da gab es zwar Familienserien, das lief erst mal nicht jede Woche, sondern alle paar Monate. Und die operierten auch überhaupt nicht mit Cliffhangern.

Das ist eine Sache, die in Deutschland sehr lange gar nicht etabliert war und tatsächlich, würde ich mal sagen, etabliert worden ist das erst in den 80er-, 90er-Jahren mit US-amerikanischen Produktionen, die importiert worden sind, man denke beispielsweise an "Dallas" oder Ähnliches. Und seitdem ist es auch in Deutschland beispielsweise populär.

Schluss ohne Ende

Burg: Wenn wir noch mal kurz zum Ende der Serien kommen, die haben ja offensichtlich ein schwieriges, komplexes Verhältnis zum Thema Ende. Sie haben auch verschiedene Enden analysiert. Wie häufig thematisieren Serien eigentlich ihr eigenes Ende – und wenn sie das nicht tun, welche Muster finden sich sonst?

Grampp: Es gibt natürlich Serien, die einfach abgesetzt worden sind. Eines der bekanntesten Beispiele ist Schwedens "Firefly", da gibt es dann auch kein Ende. Die gängigere Form ist aber tatsächlich, dass eine Serie dann zumindest eine letzte Staffel bekommt oder weiß, dass es die letzte Staffel ist. Das hat meistens die Auswirkung, dass dort - man nennt das bei uns so schön - metareflexiv operiert wird, dass ich über mich selbst nachdenke, über meine medialen Zustände, und darüber nachdenke, wie ich eigentlich funktioniere, und das wird am Ende markiert.

Da gibt es unterschiedliche Beispiele, das einfachste ist unsere Soap, über die wir geredet haben, die 72 Jahre lang lief. Happy Ending wäre so eine klassische Endstruktur. Da gibt es am Ende dann ein Happy Ending. Alle Probleme sind gelöst, die Wichtigen sind verheiratet, die Bösen bestraft. Es gibt auch Formen, die operieren anders, und die sind auch bis heute eigentlich irritierend.

Ich nenne jetzt die "Sopranos", eine sehr erfolgreiche Serie von HBO. Diese Serie endet in einem Café, dort sitzt unser Hauptprotagonist, Tony Soprano, mit seiner Familie. Und er sitzt so in diesem Café, dass eigentlich Bedrohungen da sind, es könnte sein, dass das FBI eingreift oder eine gegnerische Mafia ihn erschießen könnte. Und dabei läuft aus der Jukebox das Lied "Don't stop, don't stop believing". Seine Familie isst, dann auf einmal Abspann, schwarzer Bildschirm ein paar Sekunden lang. Und das war es.

Und da sollen dann beim Sender Leute angerufen haben und gesagt haben, hey, da muss es irgendeine Funktionsstörung geben, weil ich sehe nur noch einen schwarzen Abspann. Das war aber genauso geplant, das meinte ich mit metareflexiv. Hier wird etwas gezeigt, wie serielles Erzählen eigentlich funktioniert, nämlich: Es gibt gar kein Ende, es ist offen. Auch wenn die Serie endet, endet das Leben der Protagonisten in dem Fall nicht, sondern es geht weiter. Das ist eine ganz klare Markierung, dass hier etwas nicht vollzogen wird, was relativ häufig vollzogen wird. Das nennt man im Englischen dann Closure, also es wird etwas zugemacht. Und viele Fans waren dann enttäuscht, dass hier eben genau nicht zugemacht worden ist.

Es gibt eine andere Form, die vor allem beim episodischen Erzählen oft eingesetzt wird, dass tatsächlich am Ende noch mal etwas passiert, was immer schon passiert ist, und darüber wird nachgedacht. "Al Bundy" wäre so eine Form. (Anmerkung der Redaktion: "Eine schrecklich nette Familie" im deutschen TV.) Dort geht es darum, dass Al Bundy unzufrieden ist mit seiner Familie, aber aus dieser Familie eigentlich niemals rauskommt, wie ein Sisyphus im Privaten. Darüber macht sich die Serie ständig lustig.

Ganz am Ende ist es dann so, dass seine Tochter heiratet und sozusagen genau diesen Zyklus wieder aufnimmt, und das ist dann der Endpunkt. Und der Endpunkt suggeriert uns in dem Fall, es gibt keinen Endpunkt, es ist aber auch nicht ganz offen, sondern es wird immer so weitergehen, wie es immer schon weiterging, nämlich jetzt wird die nächste Generation genauso ein Höllenleben innerhalb der Familie erleben wie vorher der Vater.

Am allerschönsten finde ich, wird es reflektiert in "Seinfeld". Dort kommen am Ende, das ist eine Doppelepisode, kommen am Ende mindestens fünf oder sechs unterschiedliche Endmöglichkeiten vor, die werden durchgespielt, bis es dann tatsächlich am Ende endet. Wer sich mit Enden auseinandersetzen möchte, der schaut sich einfach die letzten zwei Episoden von "Seinfeld" an und weiß, wie facettenreich Enden und nicht enden wollen sein können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Bingewatch, das Serienquartett (3/2020) - Serien im Zeichen des Kampfes
(Deutschlandfunk Kultur, Vollbild, 05.09.2020)

Neue Serie "Godfather of Harlem" - Ein schwarzer Pate
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 18.11.2019)

"Sopranos"-Darsteller - Schauspieler Frank Vincent ist tot
(Deutschlandfunk Kultur, Aktuell, 14.09.2017)

Rang I

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur