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Lesart | Beitrag vom 08.08.2020

Clemens Fuest: "Wie wir unsere Wirtschaft retten" In der Coronakrise stehen alle am Anfang

Von Ursula Weidenfeld

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Buchcover zu Clemens Fuests "Wir wir unsere Wirtschaft retten". (Aufbau Verlag)
In seinem Buch "Wie wir unsere Wirtschaft retten" denkt der Ökonom Clemens Fuest Wirtschafts- und Gesundheitspolitik konsequent zusammen. (Aufbau Verlag)

Wie retten wir die Wirtschaft durch die Corona-Krise? Der Ökonom Clemens Fuest hat darüber ein unideologisches Buch geschrieben, das abwägt und erklärt. Dass am Ende trotzdem viele Frage offen bleiben, ist seine Stärke.

Es kommt selten vor, dass man ein Buch lobt, in dem eigentlich gar nicht viel Neues steht. Clemens Fuest, der Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, hat ein solches Buch geschrieben. Er beschreibt die Coronakrise aus der Perspektive eines Ökonomen. Und, für Wirtschaftswissenschaftler ziemlich unüblich, gesteht er gleich zu Beginn ein, dass es in dieser Krise viele offene Fragen gibt, auf die auch die Experten noch keine gültigen Antworten gefunden haben.

Noch ungewöhnlicher ist der Mut, in so einfacher Sprache zu schreiben, dass man es auch als Nicht-Volkswirt verstehen kann. Und, ganz selten: Clemens Fuest hat ein unideologisches Buch geschrieben. Er beleuchtet sowohl Ideen aus der neoliberalen Ecke, als auch solche, die eher dem Staatsinterventionismus das Wort reden. Es ist ein "Für-und-wider-Buch", keines der vielen "Ich-weiß-alles-nur-die-Politiker-sind-zu-dumm-Werke".

Was Coronakrise und Finanzkrise unterscheidet

Neu ist davon wahrlich nichts. Fuest zeichnet die Krise nach, er beschreibt die ersten Maßnahmen im Frühjahr, die Stabilisierungsmaßnahmen, das Konjunkturpaket. Er erklärt, warum die Coronakrise einerseits viel schlimmer ist als die Finanzkrise – Corona ist in der ganzen Welt, in der Finanzkrise hatte wenigstens China noch die Kraft, die Weltwirtschaft durch seine Nachfrage anzuschieben.

Andererseits auch wieder nicht: Die Staaten reagierten schneller als in der Finanzkrise, und Europa nutzt nach rumpeligen Anfangswochen seine Spielräume für gemeinsames Handeln. Das ist leichter als in der Finanzkrise. Denn diesmal stehen nicht vermeintlich hartherzige Nordeuropäer gegen angeblich verschwenderische Südländer. Diesmal sind alle betroffen.

Eine neue Euro-Krise könnte folgen 

Italien allerdings besonders. Hier vereinen sich die Dauerkrise der Staatsfinanzen mit dem besonders frühen und heftigen Coronausbruch zu einer fast ausweglosen Situation. Das Manuskript war noch vor dem europäischen Gipfel abgeschlossen, der die Coronahilfen für Italien auf den Weg brachte.

Doch lässt Fuest keinen Zweifel aufkommen, dass der Coronapandemie schon bald eine neue Euro-Krise folgen kann. Italiens Staatsverschuldung liegt jetzt weit oberhalb eines erträglichen Maßes, und seine chronische Wachstumsschwäche lässt alle Hoffnung auf einen günstigen Ausgang für das Land ersticken. Irgendwann werden sich Italien und Europa diesem Problem stellen müssen.

Kritik an Senkung der Mehrwertsteuer 

Ausführlich geht Fuest auf die Sorgen vor einer Überforderung des Staates und der europäischen Finanzen ein. Die Gefahr besteht. Sie ist nur weniger gewichtig als das Risiko, gar nichts zu tun, argumentiert er. Fuest dekliniert die einzelnen Punkte des Konjunkturpakets durch, kritisiert die Mehrwertsteuersenkung, die teuer, aber ziemlich unwirksam sei, lobt Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Forschung, und die Steuererleichterungen für Unternehmen.

Kann das gut gehen? Es kann, aber es muss nicht. Nach der Finanzkrise hatte Deutschland schon einmal einen Schuldenstand von mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Irgendwo da wird es Ende des Jahres wieder landen. Nach 2009 brauchte das Land nur zehn Jahre, um wieder unter die magischen 60 Prozent des Maastricht-Vertrages zu kommen.

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Diesmal wird es nicht so einfach. Die Zinsen sind nun schon lange so niedrig, dass der Bundeshaushalt dadurch kaum noch entlastet wird. Die Bevölkerung ist älter geworden, die Wachstumskräfte haben nachgelassen. Andere teure Probleme, die Regierung und Parlament nach 2009 noch einmal vertagen konnten, müssen nun gelöst werden: das der Rentenkasse zum Beispiel, die nach 2025 unter Wasser gerät, wenn es keine Reform gibt.

Wächst dadurch die Gefahr einer Inflation? Fuest diskutiert das Szenario, hält es aber für wenig wahrscheinlich. Denn es gibt keine Anzeichen für einen starken Preisauftrieb. Im Gegenteil: Weil die Nachfrage in der Wirtschaftskrise so schwach ist, sinken die Preise eher. Außerdem schwächt sich bisher die Überersparnis der alternden europäischen Gesellschaften keineswegs ab. Und solange so viel gespart wird, können auch die Zinsen niedrig bleiben. Fuest ist Optimist.

Entäuschung im letzten Kapitel 

So weit, so gut. Das letzte Kapitel des Buchs ist ein Versprechen. Es heißt "Der Weg aus der Coronakrise". Es ist eine herbe Enttäuschung. Denn ausgerechnet hier greift einer der wichtigsten Ökonomen Deutschlands tief in die Kiste der immer richtigen, aber nun wirklich überhaupt nicht corona-spezifischen Standard-Lösungen, die sich schon in nahezu jedem Sachverständigengutachten zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage der letzten 20 Jahre gefunden haben. Mehr und bessere Bildung, Aufgabentrennung zwischen Staat und Wirtschaft, weniger Steuern für Unternehmen, nicht weniger, aber bessere Globalisierung usw.

Klar, in der Corona-Krise stehen alle am Anfang, auch die Wirtschaftswissenschaftler. Und doch hätte man sich in diesem letzten Kapitel dieselbe Aufrichtigkeit gewünscht, die Fuest im Vorwort ankündigt: "Gleichzeitig bleiben wichtige Fragen offen", schreibt er da. So ist es.

Clemens Fuest: "Wie wir unsere Wirtschaft retten. Der Weg aus der Corona-Krise"
Aufbau Verlag 2020
277 Seiten, 18 Euro

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