Seit 11:00 Uhr Nachrichten

Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 11:00 Uhr Nachrichten

Frühkritik | Beitrag vom 10.08.2018

Claudia Piñeiro: "Der Privatsekretär"Über Flüche in der Politik

Von Sonja Hartl

Beitrag hören Podcast abonnieren
Cover: Claudia Piñeiros Kriminalroman "Der Privatsekretär" (Unionsverlag / picture alliance / Bildagentur-online)
"Jeder schleppt einen Fluch mit herum" ist die allwissende Erzählstimme überzeugt. (Unionsverlag / picture alliance / Bildagentur-online)

In dem Kriminalroman "Der Privatsekretär" geht es um einen Politstar, der argentinischer Präsident werden möchte. Welche harmlosen bis tödlichen Mittel in der Politik genutzt werden, um Flüche zu brechen, beschreibt Bestsellerautorin Claudia Piñeiro.

Es ist sind die Ahnungslosen, die letztlich "unberührbar" sind in Claudia Piñeiros Kriminalroman "Der Privatsekretär". Einer dieser Ahnungslosen ist der titelgebende Privatsekretär Román Sabaté – in mehrfacher Hinsicht: Weder weiß er, wie ausgerechnet er in der Politik landen konnte, noch wie er aus dem Schlamassel, in den er sich gerade gebracht hat, wieder herauskommt. Er ist auf der Flucht mit einem dreijährigen Jungen und weiß, dass er schon bald von seinem Arbeitgeber, dem Politiker Fernando Rovira, und dessen Apparat gesucht werden wird. Und dann ist noch die Sache mit dem Fluch. "Jeder schleppt einen Fluch mit herum", davon ist die allwissende Erzählstimme überzeugt. Nur Román ahnt nichts von seinem, dem der Schwachen und Unterlegenen.

Ferdando Rovira glaubt indes, den Fluch seines Lebens genau zu kennen: Eine Hexe hat ihn ausgesprochen, den Alsina-Fluch, nach dem es niemand schafft, "zum argentinischen Präsidenten gewählt zu werden, wenn er davor das Amt des Gouverneurs der Provinz Buenos Aires bekleidet hatte". Doch seine nächsten Karriereschritte als neuer Politikstar der Reformpartei Pragma sehen genau das vor: erst Gouverneur von Buenos Aires, dann Präsident. Doch vorher will er die Provinz Buenos Aires neu aufteilen. Vorgeblich aufgrund der Unregierbarkeit der Region, tatsächlich aber wegen des Fluchs.

Betörende Mischung aus Aberglaube und Politik

Es ist eine betörende Mischung aus Aberglaube und Politik, die Claudia Piñeiro hier durch verschiedene Erzählperspektiven anrührt: Román erinnert sich auf seiner Flucht an seine Anfänge bei Roviras Partei, seinen Weg vom Personal Trainer zum Vertrauten und schließlich dem Bruch mit Rovira. Die Journalistin Valentina Sureda arbeitet hingegen an einem Buch über den Alsina-Fluch und sucht dafür den Kontakt zu Rovira und auch zu Román, auf den sie ein Auge geworfen hat. Durch sie werden die Hintergründe klar – und dass Flüche in der Politik schon immer eine Rolle gespielt haben. Die Blickwinkel wechseln von Kapitel zu Kapitel zwischen verschiedenen Figuren, die klar erkennen lassen, welche harmlosen bis tödlichen Mittelchen genutzt werden, um Flüche zu brechen. Dazu geben Ausschnitte aus Suredas Buch Hintergrundinformationen über die Provinz Buenos Aires und Aberglaube in der Politik, außerdem schaltet sich immer wieder eine Erzählstimme ein.

Der Glaube an die Vorhersehbarkeit der Wähler

Der Angelpunkt ist indes Rovira, durch ihn analysiert Piñeiro die Reformbewegungen, die sich nicht nur in Argentinien anschicken, die Macht zu übernehmen. Durch Finanz- und Immobilienspekulationen reich geworden, verfügt der ehemalige Bauunternehmer über Charisma und Überzeugungskraft und will unbedingt Präsident des Landes werden. Dafür tut er, was getan werden muss – und bisher hat er immer sein Ziel erreicht. Er verkörpert so viele selbsternannte Reformer, denen es dann doch letztlich vor allem um sich selbst geht. Dafür wird eiskalt analysiert, was nötig ist, um die Macht zu übernehmen – und es gibt kein Thema, das nicht durch Befragungen und Antizipation des Wählerwillens entschieden wird. Damit schließt sich der Bogen zum Aberglauben, in der Politik maskiert als Glaube an die Vorhersehbarkeit der Wähler. Magie ist demnach als Entscheidungsmerkmal ebenso wenig abwegig wie Umfrageergebnisse. Es kommt "in der Politik weniger darauf" an, "woran man glaubt, als woran man glauben sollte". Nur leider fehlen in der Politik die Visionen, die ja so manchem Aberglauben vorausgehen.

Claudia Piñeiro: "Der Privatsekretär"
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Unionsverlag, Zürich 2018
320 Seiten. 22 Euro

Mehr zum Thema

Krimibestenliste - Die zehn besten Krimis im August
(Deutschlandfunk Kultur, Aktuell, 04.08.2018)

Michel Decar: "Tausend Deutsche Diskotheken" - Disko-Krimi im neonfarbenen Milieu der 80er
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 12.07.2018)

Neue japanische Krimis - Mord und Ritual
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 04.07.2018)

Kompressor

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur