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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.08.2018

Cixin Liu: "Weltenzerstörer"Sternenkrieg ohne Laserschwerter

Von Marten Hahn

Cover von Cixin Lius Novelle "Weltenzerstörer", im Hintergrund die Erde, gesehen aus dem Weltall (Heyne / picture alliance)
Die "Weltenzerstörer" ist eine kleine, feine Fabel über Moral und Arroganz der Spezies Mensch. (Heyne / picture alliance)

In der Novelle des chinesischen Autors Cixin Liu versuchen außerirdische Echsen, die Erde zu erobern und die Menschen vom obersten Platz der Nahrungskette zu stoßen. Es beginnt ein Sternenkrieg, der sich von den üblichen Szenarien des Genres abhebt.

"Der Weltenzerstörer kommt! Der Weltenzerstörer kommt!", schreit die außerirdische Botschafterin, die die Menschheit besucht. Und die Hysterie ist angebracht. Ein Raumschiff in Form eines riesigen Reifens nähert sich der Erde, um Rohstoffe zu stehlen.

Eine Fabel über Moral und Arroganz

Bewohnt von Millionen von Echsenwesen, will der Zerstörer sich um den Planeten legen wie "um einen Fußball".

"Und wenn er ihn ganz ausgesaugt hat, spuckt er ihn wieder aus wie einen Kirschkern."

Viel mehr ist auch von der Heimat der Botschafterin nicht übrig. Als wenig später die Vorhut der Echsen die Erde erreicht hat, beginnt ein Wettrennen gegen die Zeit – und ein Sternenkrieg, der mit den üblichen Laser-Schlachten des Genres nichts gemein hat.

Cixin Lius Novelle "Weltenzerstörer" ist eine kleine, feine Fabel über Moral und Arroganz der Spezies Mensch, die ihren Platz am oberen Ende der Nahrungskette räumen muss. Ihr eigener unstillbarer, zerstörerischer Hunger nach Ressourcen wird von den Räubern aus den Tiefen des Alls bei Weitem übertroffen.

Der chinesische Autor schrieb "Weltenzerstörer" bereits 2002. Dass die Geschichte nun vom Chinesischen ins Deutsche übersetzt wurde, liegt am Erfolg seiner Trilogie "Die Drei Sonnen", die ihn in den vergangenen drei Jahren zumindest unter Scifi-Fans weltberühmt gemacht hat.

Wie in "Die Drei Sonnen" macht Cixin Liu in "Weltenzerstörer" das Unfassbare fassbar. Nie versteckt sich der Autor hinter großen Ideen oder komplizierten Konzepten. Lius Science-Fiction ist so verständlich und eingängig wie ein Märchen der Gebrüder Grimm und als Autor agiert er so elegant wie ein Jongleur, der während der Vorstellung Wurffrequenz und Flugbahn erläutert, ohne einen einzigen Ball fallen zu lassen.

Das kulturelle Selbstbewusstsein Chinas wächst

Damit aus der Novelle – die eigentlich eher eine Kurzgeschichte ist - ein ganzes Buch wird, hat der Verlag noch ein Nachwort von Literaturwissenschaftlerin und Autorin Wang Yao und eine Aussprachehilfe für das Chinesische dran gehängt. Und es könnte sich lohnen, diese letzten Seiten genauer anzuschauen, rufen doch einige im Kulturbetrieb mittlerweile: Die Chinesen kommen! Die Chinesen kommen! Aber ist die Hysterie angebracht? 

Neben Cixin Liu haben auch SciFi-Autorin Hao Jingfang und Krimiautoren wie Zhou Haohui und He Jiahong zahlreiche Leser im Westen gefunden. Für Cixin Lius US-amerikanischen Übersetzer Ken Liu sind das jedoch Einzelfälle. "Grobe Verallgemeinerungen" über den Erfolg "chinesischer Autoren" weist Liu (nicht mit Cixin Liu verwandt) bei Nachfrage zurück.

Und auch bei Heyne, Cixin Lius deutschem Verlag, heißt es, man sehe nicht, dass aufgrund des Erfolgs von Cixin Liu nun mehr chinesische Autoren veröffentlicht werden. Alles nur heiße Luft also?

Nicht ganz. China Literature, Chinas größter Digital-Verlag, plant derzeit eine englischsprachige Expansion ins Ausland. Fast zehn Millionen Werke sind auf der Online-Plattform von China Literature verfügbar. 150 Werke hat der Verlag ins Englische übersetzen lassen. Immerhin 30 Titel konnte China Literature auf der diesjährigen Londoner Buchmesse an Verlage in Frankreich und Großbritannien verkaufen.

Mit dem wirtschaftlichen wächst also auch das kulturelle Selbstbewussstein Chinas. Für die Vielfalt in westlichen Bücherregalen muss das nichts Schlechtes sein.

Cixin Liu: "Weltenzerstörer"
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann
Heyne Verlag, München 2018
128 Seiten, 8,99 Euro

Mehr zum Thema

Cixin Liu: "Die drei Sonnen" - Science Fiction gemischt mit chinesischer Geschichte
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 18.06.2018)

Hao Jingfang: "Peking falten" - Origami-Wolkenkratzer
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 09.08.2017)

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