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Buchkritik | Beitrag vom 11.01.2021

Cinzia Sciuto: "Die Fallen des Multikulturalismus"Ermutigung gegen die Radikalen und Lauten

Von Marko Martin

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Das Buchcover von Cinzia Sciutos  "Die Fallen des Multikulturalismus" ist auf einem grafischen Hintergrund abgebildet. (Rotpunkt / Deutschlandradio)
Cinzia Sciuto entlarvt das Spiel der Rechtspopulisten. (Rotpunkt / Deutschlandradio)

Die italienische Publizistin Cinzia Sciuto befragt in ihrem neuen Buch die Chancen und Risiken von Laizität und Menschenrechten in einer vielfältigen Gesellschaft. Ihre unbequemen Beobachtungen dürften nicht jedem gefallen.

Cinzia Sciuto stellt bereits auf der ersten Seite ihres Buchs eines klar: "Vielfalt" ist keineswegs ein Wert an sich. Doch noch ehe eine mögliche rechtspopulistische Leserschaft (wiewohl schwer vorstellbar angesichts des Publikationsortes im traditionslinken Zürcher Rotpunktverlag) ein hämisches "Oha!" rufen könnte, erteilt die 1981 geborene italienische Publizistin jeglichem identitären Geraune, das auf eine illusionär-homogene Gesellschaft spekuliert, eine ebenso deutliche Absage.

Worum es ihr geht, zeigt bereits der Untertitel ihres konzisen Essays an: "Laizität und Menschenrechte in einer vielfältigen Gesellschaft".

Zur Religionsfreiheit gehört Religionskritik

Wörter bilden nicht nur Wirklichkeiten ab, sondern schaffen auch Realitäten - ungenau verwendet, können sie zu gehöriger gesellschaftlicher Verwirrung beitragen. Stichwort "Laizität", etwa. Allzu gern wird das Wort missverstanden als Kampferklärung gegen jegliche Religiosität. Dabei ist, so Cinzia Sciuto, das Gegenteil der Fall: "Auch die Gläubigen, alle, nicht bloß die Anhänger der großen Konfessionen, profitieren von einem sozialen Kontext, in dem Religion Privatsache ist und der Staat allen die Freiheit zusichert, den eigenen Glauben zu zelebrieren."

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Und was den Islam betrifft: Natürlich gehört er inzwischen zu Europa. Was bedeutet, dass ab nun selbstverständlich auch die auf dem Kontinent in jahrhundertelangen Kämpfen schwer genug errungene Religionskritik dazugehört, inklusive einer Debatte, die ohne falsche Scheu reaktionäre und patriarchalische Verhaltensmuster kritisiert.

Fatale Forderung nach Gruppenrechten

Auch deshalb hält die Autorin die scheinbar progressive Forderung nach bestimmten Gruppenrechten für fatal, unterminieren sie doch die Chancengleichheit der Einzelnen vor dem Gesetz. Außerdem, wer spricht denn, wenn im Namen diverser Kulturen Forderungen erhoben werden, etwa nach autonomer Scharia-Rechtsprechung (wie in Großbritannien), geschlechtergetrennten Schwimmbädern oder nach einer Nicht-mehr-Thematisierung des Holocaust in den Schulen? Sind es nicht stets die Radikalsten, Lautstärksten, die sich mit dem Verweis auf "Respekt" anheischig machen, "ihre Leute" zu repräsentieren?

Eine moderne Linke, die ihrem ehrwürdigen Erbe der Machtkritik treu bleibe, dürfe sich hier nicht wegducken. Strukturelle Gewalt nämlich, so Cinzia Sciuto, gehe nicht nur vom Staat aus, sondern auch von jenen, die sich zu Führern "ihrer" Communities aufgeschwungen haben und im Inneren dafür sorgen, dass etwa junge Mädchen, Frauen oder liberalere Muslime marginalisiert werden - vom Hass auf Schwule oder Juden ganz zu schweigen.

Das Spiel der Rechten nicht mitspielen

Wer dies negiere, betreibe im doppelten Sinn sogar das Spiel der Rechten. Lebten diese doch von der Dämonisierung anderer Kulturen, um damit ihre eigene umso mehr aufzuwerten. Was aber sind schon "andere und eigene Kulturen", fragt die Begriffs-Analytikerin. Sind sie tatsächlich etwas zementiert Unwandelbares - wie Rechte und zahlreiche denkfaule Linke unisono behaupten - und deshalb entweder zu verdammen oder paternalistisch zu schützen?

In immer neuen Anläufen und Beleuchtungen wird dieser unseligen Konzeption ein transparenter und fairer Prozess gemacht. Am spannendsten wird es deshalb immer dann, wenn bislang unbeachtete Beweismittel auftauchen. Ist der Menschenrechts-Universalismus denn tatsächlich ein rein "westliches Ding", gar ein moralisierender Spätkolonialismus? Cinzia Sciuto weist darauf hin, dass einst ja bereits die Kolonialherren einem bequemen Kulturrelativismus und doppelter Gesetzlichkeit gehuldigt hatten: Differenzierung "für uns" und gleichzeitig ein pauschalisierender Blick auf die sogenannten "Anderen".

Abermals: Touché! Auch an der Rezeption dieses eminent wichtigen Buchs wird sich erweisen, ob eine inzwischen in weiten Teilen kulturrelativistisch, das heißt, gleichgültig gewordene Linke zurückfindet zu ihrer einstigen Leidenschaft: Den wirklich Schwachen effizient beizustehen und sie zur Selbstermächtigung zu ermutigen.

Cinzia Sciuto: "Die Fallen des Multikulturalismus. Chancen und Risiken von Laizität und Menschenrechten in einer vielfältigen Gesellschaft"
Aus dem Italienischen von Johannes von Vacano
Rotpunkt Verlag, Zürich 2020
207 Seiten, 24 Euro

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