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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.07.2014

CinekulturSchaubühne des osteuropäischen Films

49. Filmfestival in Karlovy Vary

Von Jörg Taszman

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Filmpalast im tschechischen Karlovy Vary. (dpa/ picture alliance / Vit Simanek)
Filmpalast im tschechischen Karlovy Vary. (dpa/ picture alliance / Vit Simanek)

Das Filmfestival im tschechischen Karlovy Vary hat sich zu einem Reservat für osteuropäische Filme entwickelt. Denn selbst in den Kinos der ehemaligen Ostblockstaaten haben diese Filme kaum eine Chance. In Karlovy Vary hingegen stehen sie im Zentrum.

Anna ist Leistungssportlerin und könnte den Sprung in das tschechoslowakische Olympiateam für Los Angeles 1984 schaffen. Aber ihr Vater lebt im Westen und ihre Mutter, eine ehemalige Top-Tennisspielerin, fiel in Ungnade. Als man ihr dann ein Dopingmittel verabreicht, das ihren Körper verändert und ihre Gesundheit gefährdet, begehrt Anna auf: gegen den Trainer, die Staatssicherheit und ihre eigene Mutter.

Der tschechische Beitrag "Fair Play" gehörte zu den stärksten Filmen aus Osteuropa im Wettbewerb des Karlovy-Vary-Filmfestivals. Er wurde auch mit deutschen Geldern koproduziert. Originell war auch der bisher erste Animationsfilm, der in Karlsbad im Wettbewerb gezeigt wurde. "Rocks in my Pockets" von der in den USA lebenden lettischen Regisseurin Signe Baumane.

An diesem Film kann man auch ein gewisses Dilemma des osteuropäischen Films festmachen. Eine gute Grundidee reicht nicht immer für ein abendfüllendes Werk. In "Rocks in my Pockets", der mit gewollt verspielter, naiv gezeichneter Animation punktet, stört nach einer Weile der Dauerkommentar im Off. Die Filmemacherin will einfach zuviel. So hat sie ein sehenswertes, aber nicht durchgehend überzeugendes Werk geschaffen.

Keine Chance im Kinomarkt für Osteuropas Filmemacher

Sieben von zwölf Wettbewerbsfilmen kamen aus Osteuropa. Oft waren das poetische, lakonische Filme, mitunter ein wenig zu klein für den Wettbewerb eines großen A-Festivals.

Jedoch den Schwerpunkt auf diesen Teil der Filmwelt zu legen, ist berechtigt, findet der slowakische Filmkritiker Laszlo G. Szabo, der seit Jahren das Festival begleitet und der ungarischen Minderheit in der Slowakei angehört. Und er bedauert, dass man diese Filme in Bratislava, Budapest oder Warschau kaum noch im Kino sehen kann.

"Das ist leider ein trauriges Nebenprodukt der Demokratie in Mitteleuropa. Heute geht es nicht mehr um Kunst, nur noch um Geld. Es ist nur sehr selten, dass man diese Filme sieht. Ich reise sehr viel, aber in Prag oder Budapest laufen fast nur amerikanische Blockbuster-Filme in den Multiplexen. Die Arthouse-Kinos verschwinden langsam. Ich sprach kürzlich auf einem slowakischen Filmfestival in Trencin mit Istvan Szabo. Er hatte keinen neuen Film dabei und beschwerte sich darüber, dass die großen Filmemacher aus Osteuropa der 70er- und 80er-Jahre heute kaum noch die Möglichkeit erhalten, Filme zu drehen. Ein Produzent sagt heute, ich kann deine Filme nicht mehr in die Multiplexe bringen."

Nicht alle Altmeister sind so in Vergessenheit geraten. Andrzej Wajdas "Walesa - Man of Hope" lief in Karlsbad im längeren Director's Cut und sein Film war in der kürzeren Fassung auch in den Budapester Kinos und in Estland zu sehen. Als "Star" reiste jedoch nicht der 88-jährige Wajda an, sondern Lech Walesa persönlich.

Der Glamourfaktor ist wichtig für ein A-Festival, auch wenn die Schauspielstars wie Mel Gibson, Fanny Ardant oder Franco Nero für das so junge Publikum in Karlsbad nicht unbedingt immer zugkräftig sind.

Frische und unkonventionelle Filme

Immerhin kam zur Eröffnung mit "I Origins" auch Michael Pitt zusammen mit Regisseur Mike Cahill. Dieser Independent-Film aus den USA erzählt eine originelle Geschichte um einen Molekularbiologen, der von den Augen und den Daten besessen ist, die das menschliche Auge und die Iris in sich tragen.

Es sind solch frische und unkonventionelle Filme wie "I Origins", die ideal zu diesem Festival mit seinem so jungen, begeisterungsfähigen Publikum passen. Auch die angereisten Mike Cahill und Michael Pitt überzeugten durch ihre lockere Art auf der Bühne und im Interview.

"Wir waren beide in Brooklyn, als er mir die Idee zum Film erzählte. Und es hörte sich so an, als sei diese Geschichte wirklich so passiert. Darf ich das sagen? Ich war aber nicht überrascht. Es ist jetzt auch bewiesen, dass man bei heute Lebenden, deren Augen gescannt wurden, in der Iris Verhaltensmuster gefunden hat, die mit der Iris von Verstorbenen übereinstimmen."

Im September wird "I Origins" dann auch in die deutschen Kinos kommen. Man kann nur hoffen, dass es auch Filme wie "Walesa" oder "Fair Play" endlich bei uns auf die große Leinwand schaffen. Es sind klassische Vertreter des gut gemachten Erzählkinos. Davon kann es nie genug geben. 

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