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Tonart | Beitrag vom 20.10.2016

Cigdem Aslan "A Thousand Cranes"Musikalische Reise ins multikulturelle Kleinasien

Von Wolfgang Meyering

Kraniche (Grus grus) fliegen am 26.09.2016 nahe Reitwein (Brandenburg) am Morgenhimmel über dem Oderbruch (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Die Kraniche als Wanderer zwischen den Welten haben Çiğdem Aslans neuem Album den Titel gegeben. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Auf ihrem neuen Album "A Thousand Cranes" - 1000 Kraniche - begibt sich die kurdisch-alevitische Sängerin Cigdem Aslan in die Welt des Rembetiko: ein Musikstil, der vor allem von aus Kleinasien vertriebenen Griechen geprägt wurde.

"Musik ist Nahrung für die Seele. Und die Möglichkeit zu haben traditionelle Musik zu hören, ist wichtig."

Wie wichtig heimatliche Klänge für Menschen sein können, das erlebte die kurdische Sängerin Cigdem Aslan bei ihrem Auftritt in einem Flüchtlingslager in Calais, Anfang des Jahres. Dort sang sie Lieder aus der Heimat der Flüchtlinge, aber auch Lieder von ihrer neuen CD "A Thousand Cranes", die sich der Rembetiko-Musik der 1930er- bis 50er-Jahre widmet.

Rembetiko - das ist ein Stil, der in erster Linie von Griechen geprägt wurde, die im Jahre 1922 aus dem türkischen Smyrna und anderen Regionen Kleinasiens vertrieben wurden. In Griechenland angekommen wurden sie oft als Fremde und Außenseiter betrachtet. Rembetiko wird auch gern als der griechische Blues bezeichnet. Handeln die Lieder doch von den Sorgen und Nöten der einfachen Menschen. Doch dieser Stil hätte niemals ohne die multiethnische Gesellschaft in ihrer früheren Heimat entstehen können. 

"Wenn man zurückschaut auf die Zeit in Kleinasien, als die multikulturelle musikalische Gesellschaft dort existierte, kann man einfach sagen – das was wir daraus lernen können, ist, dass es funktionieren kann. Und man sollte es fördern. Es hat damals funktioniert und gibt keinen Grund, warum es nicht wieder gehen sollte."

Musik der aus Kleinasien vertriebenen Griechen

Auf diesem Miteinander der musikalischen Kulturen baut die neue CD von Cigdem Aslan auf. Auch ihre Begleitmusiker kommen aus verschiedenen Nationen. Türken treffen ganz selbstverständlich auf Griechen oder auf Kurden, auch die Lieder werden in den verschiedenen Sprachen gesungen. Daneben beziehen die Musiker, aber auch Einflüsse aus anderen Regionen wie dem Balkan oder dem Vorderen Orient in ihre Arrangements mit ein. Während sich das Debüt-Album von Cigdem Aslan mit den Vorläufern der Rembetiko-Musik in Kleinasien beschäftigte, geht es bei dem neuen Album "A Thousand Cranes" um die Veränderung dieser Musik nach der Ankunft der Vertriebenen in Griechenland.

Aufgenommen wurde die neue CD von Cigdem Aslan im AntArt-Studio in Athen. Ein geschichtsträchtiger Ort, an dem auch schon Musiker wie Mikis Theodorakis gearbeitet haben. Cigdem Aslan ging es darum, die Lieder an einem Ort einzuspielen wo diese Musik auch entstanden ist. Sie will an die Traditionen anknüpfen. Aber immer aus dem Blickwinkel und mit den musikalischen und gesellschaftlichen Erfahrungen von heute. 

"Das Konzept des Albums dreht sich um Migration. Und während die Flüchtlingskrise weitergeht, rund um die Welt, ist es, glaube ich, sehr wichtig, die traditionelle Musik zu haben. Denn traditionelle Musik ist für mich wie das Zuhause."

Kulturelle Vielfalt und Toleranz in einer krisengeschüttelten Welt

Schon für die vertriebenen Griechen aus Kleinasien war ihre Musik ein Stück Heimat in der Fremde. Die Art und Weise, wie Cigdem Aslan und ihre Musiker die verschiedenen Stile und Erfahrungen der einzelnen Gruppenmitglieder miteinander kombinieren, ist ein perfektes Beispiel dafür, wie eine multikulturelle musikalische Gesellschaft auch heute noch funktionieren kann.

In manchen Momenten der CD fühlt man sich in die schummerigen Spelunken der griechischen Hafenstädte versetzt, wo die Rembetiko-Musik einst entstanden ist. Doch für mich sind die Stücke am faszinierendsten, bei denen es dem Ensemble gelingt die alten Lieder ganz modern klingen zu lassen, indem sie beispielsweise einen lateinamerikanischen Rhythmus einbauen, der sich wie selbstverständlich in die Stilistik einfügt. Und über allem schwebt die betörende Stimme von Cigdem Aslan.

Das Album nimmt einen mit auf eine fantastische Reise in eine Welt der kulturellen Vielfalt und Toleranz. Werte, die in einer von Krisen erschütterten Welt derzeit zu verschwinden drohen. Doch wie Cigdem Aslan sagt, ist sie nicht die einzige, die das erkannt hat: Es gibt so etwas wie eine neue Welle von Künstlern, die zurückschauen auf ihre Wurzeln und ihre Kultur.

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"Hier ist der Rembetiko geboren worden"
(Deutschlandfunk, Corso, 30.03.2012)

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