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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.11.2012

Churchill 2.0

Europa braucht eine Achse aus Frankreich, Großbritannien, Polen und Deutschland

Von Rainer Burchardt

Sir Winston Churchill nutzte sogar den Begriff von den "Vereinigten Staaten von Europa" (AP)
Sir Winston Churchill nutzte sogar den Begriff von den "Vereinigten Staaten von Europa" (AP)

Winston Churchill rief die Völker Europas 1946 dazu auf, sich zu vereinigen - unter der Führung von Frankreich und Deutschland. Sein Vorschlag ist aktueller denn je. Doch die Liste der führenden Staaten müsste erweitert werden.

Es war kein Geringerer als Winston Churchill, der in seiner berühmten Züricher Rede im Jahre 1946 an die Völker Europas appellierte, einen regionalen Verbund zu schaffen, der unter der Führung von Frankreich und Deutschland so etwas wie die Neuschöpfung einer europäischen Völkerfamilie sein könnte. Er benutzte sogar die Formel von den Vereinigten Staaten von Europa.

Welch eine visionäre Rede und dies ausgerechnet von einem der wichtigsten englischen Staatsmänner des vergangenen Jahrhunderts! Und heute droht die europäische Völkerfamilie zu bröckeln, wenn nicht gar auseinanderzubrechen.

"Scheitert der Euro, so scheitert Europa" – ist die Bundeskanzlerin nicht müde zu betonen. Eine quasi profilaktisch-polemische Schuldzuweisung an jene Staaten, die das ehrgeizige Ziel, mit einer einheitlichen Währung völlig unterschiedlich positionierte und konditionierte Volkswirtschaften zu disziplinieren, vorläufig verfehlen. Das somit entstandene wirtschaftlich-fiskalische Nord-Süd-Gefälle droht die Einheit des neuen Europas zu gefährden.

Da wäre es mehr als nur ein guter Rat, besönnen sich gerade Frankreich und Deutschland auf ihre Schlüsselposition. Und ausgerechnet in dieser Situation liegen die sozialistische Regierung Hollande und die liberal-konservative deutsche Regierung in einem politischen Clinch wie lange nicht.

Hinzu kommt, dass zu allem Überfluss die Briten ein Veto zur EU Haushaltsplanung androhen. Lachende Vierte scheinen in diesem Zusammenhang ausgerechnet die Polen zu sein, die, wie die Briten nicht zur Währungsunion gehörend, momentan eine vergleichsweise stabile Wirtschaftslage verzeichnen können.

Da wäre es doch wohl endlich an der Zeit, das so genannte und in den letzten Jahren dahin schlummernde "Weimarer Dreieck" wiederzubeleben, jene Konsultationsrunde von Frankreich, Deutschland und Polen das jetzt endlich eine Sinn gebende Rolle spielen kann, nachdem es jahrlang vor allem zu Kaczinskis Zeiten von Polen faktisch torpediert worden ist.

Ein Neubeginn mit der Regierung Tusk hat vor Jahresfrist auch wenig bewirkt. Jetzt aber scheint die Stunde gekommen, dass diese neue europäische Mittelachse Paris-Berlin-Warschau eine Führungsrolle in Europa anstrebt und das zunehmende und entsolidarisierende Politmobbing gegenüber den krisenanfälligen Mittelmeerstaaten unterbindet.

Churchill hatte seinerzeit noch das Commonwealth als eine der wichtigen britischen Einflusssphären hervorgehoben. Darüber ist die Zeit hinweggegangen. Jedoch könnte das Vereinigte Königreich zu diesem europäischen Dreierbund hinzustoßen. Der mächtige Inselstaat müsste seine Rolle des Nörglers im Abseits aufgeben und sein ganzes politisches und wirtschaftliches Gewicht in die gewiss nicht einfache Lösung der gegenwärtigen Europakrise werfen.

Hinzu käme die geradezu glückhafte Stellung Großbritanniens in Sachen "besondere Beziehungen" zu den Vereinigten Staaten. Angesichts der augenblicklich absehbaren Präferenz Obamas für den asiatisch-pazifischen Raum hätte London gewissermaßen in Erweiterung der mitteleuropäischen Achse eine politische Brückenfunktion nach Washington.

In der Diktion heutiger Tage wäre dies eine Vision "Churchill 2.0" – Einen Versuch ist die allemal wert und könnte die angeblich alternativlose Spargarotte à la Merkel ablösen. Gewiss: Europa ist nicht Weimar, aber Weimar könnte Europa sanieren.


Der ehemalige Chefredakteur des Deutschlandfunks, Rainer Burchardt. (Deutschlandradio)Rainer Burchardt (Deutschlandradio)Rainer Burchardt lehrt als Professor an der Hochschule Kiel im Bereich Medien- und Kommunikationsstrukturen. Er hat zudem seit längerer Zeit eine Honorarprofessur an der Hochschule Bremen inne. Zuvor war er seit Juli 1994 Deutschlandfunk-Chefredakteur. Vor seiner fast zwölfjährigen Tätigkeit beim Deutschlandfunk war Burchardt langjähriger ARD-Korrespondent in Brüssel, Bonn, Genf und London. Unter anderem schrieb er für "Die Zeit", "Sonntagsblatt" und andere Zeitungen und ist Vorstandmitglied der Journalistenvereinigung "Netzwerk Recherche".

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