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Fazit | Beitrag vom 06.12.2019

Christopher Williams im C/O BerlinVom Playboy zu Brecht

Von Gerd Brendel

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Christopher Williams, Bergische Bauernscheune, Junkersholz, Leichlingen September 29, 2009, 2010, Archival Pigment Print, 50,8 x 61 cm paper, 83,5 x 94 cm framed (Christopher Williams . Courtesy der Künstler, Galerie Gisela Capitain, Köln und David Zwirner, New York / London / Hong Kong)
"Model" lautet der Name der Ausstellung von Christopher Williams. So wie Williams Models zeigt, stellt er unsere eigenen Sehmodelle infrage. (Christopher Williams . Courtesy der Künstler, Galerie Gisela Capitain, Köln und David Zwirner, New York / London / Hong Kong)

Die Berliner C/O-Galerie zeigt Fotografien des Konzeptkünstlers Christopher Williams und fragt: Was sehen wir, wenn wir sehen? Wie Bertolt Brecht gehe es Williams um das Heraustreten aus den Repräsentationsmodi, sagt die Kuratorin.

Was sehen wir, wenn wir sehen? Was sehen wir, wenn wir ins Museum oder in eine Galerie gehen? Das, was wir noch nie gesehen haben, oder das, was wir schon kennen? "Sehen Sie, was wir hier an den Wänden haben?", fragt Kuratorin Anne-Christine Bertrand und streicht über die angegilbte Wand im ersten Stock der Berliner C/O-Galerie, die so aussieht, als wäre sie bei der letzten Renovierung des 50er-Jahre-Gebäudes vergessen worden.

Es ist eine Raufaser-Tapete, und schon sind wir mittendrin in der Christopher-Williams-Ausstellung. "Bei ihm ist ja Ausstellung Teil seines künstlerischen Schaffens", sagt Bertrand. Und so hat Williams auch die Raufaser-Wand eigens für seine Ausstellung aufbauen lassen.

Wer ist hier der Betrachter? Wer wird betrachtet?

Williams hat die Ausstellungsräume im Stil der späten 60er und frühen 70er inszeniert. In einer Ecke stehen Designermöbel aus der Zeit von Franz West – aus Moniereisen zusammengeschweißt.

Und weil die Besucher den Zeitgeist auch fühlen sollen, ertönt alle zehn Minuten ein irritierender Klang: Es ist der 1-KHz-Ton, der früher nach Sendeschluss zu hören war, wenn nur noch das Testbild im Fernsehen zu sehen war. Gerne hätte man dem Künstler selbst noch mehr Fragen gestellt, aber der ist schon wieder damit beschäftigt, die Aufhängung seiner Fotos zu beaufsichtigen.

Die Fotos: Nur eine Handvoll davon ist in der Ausstellung zu sehen. Gleich am Eingang blickt fast lebensgroß das Fotomodell Mustafa Kinte aus Gambia von der Raufaserwand. Auf Brusthöhe hält er eine Kamera. Wer ist hier Betrachter? Wer wird betrachtet? Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich Kintes weißes Designerhemd als viel zu groß. 

Spiel mit dem Genre der Fotografie

Kuratorin Bertrand sagt: "Er spielt mit den visuellen Codes verschiedenster Genres" - wie hier der Modefotografie.

Im nächsten Raum hat Williams eine Wand wie ein Trümmerstück in der Mitte platziert. An der hängt jetzt das Hochglanzfoto eines weiblichen Modells. Es ist das "Playmate" Zimra, das freudestrahlend ihre bloßen Brüste in die Kamera hält, die Rekonstruktion eines "Playboy-Shoots". Allerdings taucht bei Williams ein unförmiges Netzteil am Bildrand auf, und quer über das Bild zieht sich ein Schriftzug mit dem Namen eines Blitzlichtherstellers.

"Das sind ganz viele sehr komplexe Vorgänge, die ineinandergreifen und wo es in der Essenz immer wieder darum geht, das Medium Fotografie als etwas, was produziert wird, etwas, was wahrgenommen wird, etwas, was distribuiert und präsentiert wird, darzustellen und zu untersuchen", erklärt die Kuratorin. 

Unsere eigenen Sehmodelle infrage stellen

"Model" lautet der Name der Ausstellung. Aber so wie Williams Fotomodelle zeigt, stellt er unsere eigenen Sehmodelle infrage. Im nächsten Raum liegt das Playboy-Heft mit den Originalfotos hinter Glas. In den Vitrinen daneben präsentiert Christopher Williams Bert Brechts Rollenbücher, in denen der Erfinder des epischen Theaters seine Inszenierungen abfotografiert hat. Dazu Bertrand:

"Die Schauspieler traten ja aus ihrer Rolle heraus und sprachen direkt mit dem Publikum, um komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge deutlich zu machen. Das war ja so das, was episches Theater ausgezeichnet hat. Und im übertragenen Sinne macht er genau das in seiner Fotografie – also dieses Heraustreten aus den eigentlichen Repräsentationsmodi."

"Ein 'Model' ist wie ein Automodell, in das man einsteigt"

Vom Playboy zu Brecht – Christopher Williams spannt einen weiten Bogen. Was sehen wir, wenn wir sehen? "Model, was ist Model?", fragt Ann-Christin Bertrand, die Kuratorin, und antwortet: "Es ist letzten Endes immer eine Art vereinfachte Darstellung von Wirklichkeit, was Fotografie wiederum ja auch ist." Und dann mischt sich der Künstler selbst noch einmal in das Gespräch ein, fast schon als sei nicht nur die Inszenierung der Fotos Teil seiner Kunst, sondern er, der rätselhafte Künstler selbst, Teil der eigenen Inszenierung: 

"Ein 'Model' ist wie ein Automodell, in das man einsteigt. Der Schlüssel steckt, und es ist an mir, ob ich einsteige und losfahre, wohin ich will." Aber egal wohin ich den Wagen lenke, die Models auf den Plakatwänden entlang der Straße haben ihre perfekte Makellosigkeit nach dieser Ausstellung ein für alle Mal verloren.

Ausstellung
Christopher Williams
MODEL: Kochgeschirre, Kinder, Viet Nam (Angepasst zum Benutzen)
C/O Galerie, Berlin
Vom 7. Dezember 2019 bis zum 29. Februar 2020

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