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Vollbild | Beitrag vom 22.08.2020

Christopher Nolans "Tenet"Die Ekstasen der Zeitlichkeit

Marcus Stiglegger im Gespräch mit Susanne Burg

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Christopher Nolan John David Washington stehen in einem engen Raum vor einer Scheibe mit Einschusslöchern. Nolan gibt Regieanweisungen. (Warner Bros. Entertainment/Melinda Sue Gordon)
Philosophieren mit dem Film: Christopher Nolan (rechts) und John David Washington am Set von "Tenet". (Warner Bros. Entertainment/Melinda Sue Gordon)

Christopher Nolans Kino steht für kühne Erzählexperimente im Blockbuster-Gewand – so auch sein neuer Film "Tenet". So spektakulär wie hier wurde das Motiv der Zeitreise filmisch noch nicht umgesetzt, schwärmt der Filmexperte Marcus Stiglegger.

Christopher Nolan ist eine Ausnahmeerscheinung im Gegenwartskino: Einerseits stellen fast alle seine Filme komplexe Erzählexperimente dar, die unser lineares Zeitverständnis aufbrechen und dabei die Welt, wie in "Inception" (2010) geschehen, buchstäblich auf den Kopf stellen. Doch andererseits dreht der britische Filmemacher keine randständige Filmkunst für die Festivals, sondern produziert einen millionenschweren Blockbuster nach dem anderen – seine Filme gehören zu den teuersten und erfolgreichsten der Gegenwart.

"Von umgekehrter Zeit aufgeladen"

Auch sein neuer Film "Tenet", der jetzt coronabedingt mit etwas Verspätung in die Kinos kommt, bewegt sich zwischen intellektuellem Experiment, waghalsiger Erzählanordnung und Blockbuster-Schauwerten. Auf den ersten Blick scheint es sich um einen Film nach James-Bond-Manier zu halten: Ein namenlos bleibender Agent (John David Washington), der nach einem Einsatz gegen einen Anschlag auf eine ukrainische Oper nur scheinbar gestorben ist, soll im Kampf gegen einen russischen Oligarchen (Kenneth Branagh) die Welt vor einem drohenden Dritten Weltkrieg retten.

Ganz so überschaubar bleibt die Lage allerdings nicht: Bereits in der Eröffnugsszene im Opernhaus zeigt sich, dass mit der Zeit etwas nicht stimmt, erklärt der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger: "Zum Beispiel scheint eine Gewehrkugel rückwärts zu fliegen, also in ein Objekt nicht einzuschlagen, sondern daraus herauszufliegen." Im Film werde diese Munition als "invertiert" bezeichnet, sie scheint "von einer umgekehrten Zeit aufgeladen".

Die Zeitebenen überlagern sich

Im Folgenden dieses Spionageplots zeigt sich, dass Personen und Objekte tatsächlich gegen die Zeit laufen können, so der Filmwissenschaftler. Ein gängiger Zeitreisefilm sei "Tenet" allerdings nicht: "Es ist tatsächlich so, dass diese momentane Gleichzeitigkeit des sich vorwärts und rückwärts in der Zeit Bewegens eine wichtige Rolle spielt."

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Einerseits werfe der Film damit existenzielle Fragen auf, etwa die, ob man sich selbst in der Zeit begegnen könne. Zugleich experimentiere der Film aber auch damit, seine Szenen aus unterschiedlichen Zeitrichtungen immer wieder neu durchzuspielen. Wie Nolan es dabei gelingt, zwei Zeitebenen in einer einzigen Einstellung zu zeigen, begeistert Stiglegger: "Das hat man so in der Filmgeschichte noch nicht gesehen und das ist auch absolut faszinierend."

Wie man mit Film philosophiert

Zur Faszinationskraft von Nolans Filmen gehört für Stiglegger auch deren Puzzlecharakter: Schritt für Schritt geben sie ihre Regeln preis. Diesen Formalismus könne man auch mit den Mitteln der akademischen Filmanalyse freilegen: "Da kommt man wirklich auf mathematische Muster, wie diese Filme verschachtelt sind. Und 'Tenet' ist meiner Meinung nach die avanciertese Form, die Nolan bisher erreicht hat." So gestatte der Film einen "philosophischen Zugang zu Film, Ereignis und Zeit."

Dass man mit Film die Zeit scheinbar rückwärts abspielen kann, zählt für Stiglegger zu den "archaischen Momenten" der frühesten Filmgeschichte. Seinerzeit haben solche Experimente, wie sie zum Beispiel die Gebrüder Lumière auf die Leinwand brachten, das Publikum begeistert. Nolan entzünde diese Begeisterung für die Möglichkeiten des Mediums Film "auf moderne, auf postmoderne Weise" neu: "Er philosophiert mit filmischen Mitteln über Zeit, wo wir sonst im Grunde angewiesen sind auf Worte." Als Stichwortgeber fällt Stiglegger hier vor allem einer ein: Heidegger, der über die "Ekstasen der Zeitlichkeit" auf eine ähnliche Weise philosophiert habe.

(thg)

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