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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.01.2015

Christliches ZeitverständnisKeine Minute ist beliebig

Von Peter Kaiser

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Die Astronomische Uhr der St.-Nikolai-Kirche in Stralsund: Die aus dem Jahre 1394 stammende Uhr war von Nikolaus Lilienfeld gebaut worden. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Die Astronomische Uhr der St.-Nikolai-Kirche in Stralsund: Die aus dem Jahre 1394 stammende Uhr war von Nikolaus Lilienfeld gebaut worden. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Die Zeit des Menschen wird im christlichen Verständnis als eine geschenkte Zeit gesehen – eine Zeit hier auf Erden, die auf Erlösung ausgerichtet ist. Sie findet ihr Ende im Tod, der den Evangelien zufolge nicht das Ende sein soll. Auf den Spuren der christlichen Sicht auf die Zeit.

Seit Jahrtausenden in der Heiligen Stadt Jerusalem die gleiche Szenerie: Der Muezzin ruft von der Al-Aksa-Moschee, dazu das Glockengeläut der Grabeskirche, dort also, wo das Kreuz Jesu stand und sein Grab verehrt wird. Noch eindrücklicher wird alles, wenn man hört, wie damals gesprochen wurde, aramäisch...

"Als Beispiel lese ich Daniel 22-24 (...) in der Aussprache von 164 vor Christus..."

Der kürzlich verstorbene Klaus Beyer war Spezialist für aramäische Sprachen des Toten Meeres. Hier liest er aus den Qumran-Rollen.

"Daniel hob an und sagte, der Name des großen Gottes sei gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Denn die Weisheit und die Stärke ist sein Eigentum. Und er ändert die Termine und die Zeitpunkte, setzt Könige ab, setzt Könige ein..."

"... dass die Zeit stehen geblieben ist"

Kirchenhistoriker Christoph Markschies: "Wenn man in Jerusalem die Grabeskirche betritt, kann man tatsächlich den Eindruck bekommen, dass hier die Zeit stehen geblieben ist."

Das größte christliche Heiligtum ist eine Rotunde. Hier warten Hunderte Gläubige, als hätten sie alle Zeit der Welt, um hineinzukommen in eine kleine orthodox gestaltete Kapelle innerhalb der Grabeskirche, dorthin, wo das eigentliche Grab Jesu gewesen sein soll - dem Glauben nach war dies zugleich der Ort der Auferstehung.

"Die Grabeskirche ist eine Rotunde, die aus dem Felsen herausgeschält worden ist, damit ein kleines Stück Felsen, das Grab Jesu, in der Mitte stehen blieb ... und da hat man in der Tat den Eindruck, nicht nur dass die Zeit stehen geblieben ist, sondern dass ganz viel spät-antike Frömmigkeit unmittelbar erhalten geblieben ist."

Diese stehen gebliebene Zeit, die Christoph Markschies, Kirchenhistoriker an der Berliner Humboldt-Universität, in der Jerusalemer Grabeskirche sieht, ist auch weniger weit entfernt zu bestaunen, in Stralsund. Auch hier ist Zeit stehen geblieben, bei der ältesten astronomischen Kirchenuhr der Welt, in der St.-Nikolai-Kirche.

"Das ist noch ein Wunderwerk"

"Das Besondere an unserer Uhr ist vor allem, dass wir hier hinter dem Zifferblatt auch noch das originale Uhrwerk aus dem Mittelalter haben, also von 1394."

Der Pfarrer Hanns-Georg Neumann:

"Das war ein wahres Wunderwerk, das ist noch ein Wunderwerk, muss man ja sagen, obwohl sie ja schon seit über 500 Jahren steht. Aber wenn man sich vorstellt, dass diese Uhr die Zeit anzeigte, aber auch die Mondphase, den Lauf der Gestirne, den Sonnenaufgang, den Sonnenuntergang, Mondaufgang, Monduntergang, und das alles nur bewerkstelligt wurde mit sieben verschieden großen Zahnrädern, dann ist das eine wahre Wunderleistung der Mathematik und der Technik."

Die St.-Nikolai-Kirche in Stralsund. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)Die St.-Nikolai-Kirche in Stralsund. (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Die antike Zeit in Jerusalem, die mittelalterliche Zeit in Stralsund, alle Zeit ... die christliche Zeitrechnung beginnt von der Stunde Null an, der Geburt Christi. Alle Zeit davor ist wie die Zeit vor der Zeit, in jedem Fall die Zeit vor Christus, oder "vuZ", wie man in der atheistischen DDR sagte, "vor unserer Zeitrechnung". In der Kirche heute spielt Zeit immer noch eine große Rolle, sagt Christoph Markschies:

"Man sieht das vielleicht am besten im liturgischen Jahr. Das Jahr ist gegliedert, nicht nur naturräumlich mit der Ernte und dem Jahresschluss, sondern es ist als Kirchenjahr gegliedert. Weihnachten, Ostern als die großen geprägten Zeiten, vor denen es auch immer jeweils eine Fasten- und Vorbereitungszeit gibt. Den Advent, und die Fastenzeit. Also Zeit spielt eine große Rolle, und man könnte vielleicht sogar sagen, Christentum ist eine Religion, die Zeit prägen will. Die Lebenszeit prägen will, wenn man an die Taufe, die Konfirmation, die Kommunion, und dann die Hochzeit, die Taufe der eigenen Kinder, oder, wenn man katholisch denkt, den Eintritt ins Kloster, die Profess denkt, also Christentum möchte Zeit prägen."

Kalender ist nicht Kalender

Die vielleicht offensichtlichste Erscheinung der christlichen Zeit ist wohl der Kalender. Doch Kalender ist nicht Kalender.

Die Geschichte des Kalenders beginnt bei den Ägyptern. Aufgrund ihrer Himmelsbeobachtungen führten sie das 365-Tage-Jahr ein. Darauf fußte der von Julius Caesar konzipierte julianische Kalender. An seiner Maßeinheit musste noch gearbeitet werden, weil der vierjährige Schalttag im Laufe der darauf folgenden Jahrhunderte das Osterfest stets etwas weiter nach vorn rücken ließ.

1582 reformierte Papst Gregor XIII. den julianischen Kalender, und schuf den dann nach ihm benannten Gregorianischen Kalender, den wir heute noch benutzen. Bis dahin behalfen sich die Menschen des Mittelalters mit den 365 Heiligen als Zähleinheit, die als Patrone Tag für Tag im Jahr zur Verfügung standen. So sagte man demnach:

"An Johanni, drei Jahre nach der Großen Manntränke."

Oder Eligius, am 1. Dezember. Bischof Eligius von Noyon ist der Patron der Pferde. Von ihm spricht auch eine Bauernregel:

"Fällt auf Eligius ein starker Wintertag, die Kälte vier Monate dauern mag."

Markschies: "Die Geschichte ist ja in ganz besonderer kirchlicher Weise und im kirchlichen Kalender präsent. Wenn man beispielsweise daran denkt, dass es im römisch-katholischen Bereich Heiligenfeste gibt, also an Gestalten des Mittelalters erinnert wird, Elisabeth von Thüringen, oder an Franz von Assisi, wenn man an den jetzigen Papst denkt. Im evangelischen Bereich natürlich auch, da gibt es zwar keine Heiligen, aber wenn man an Martin Luther oder Dietrich Bonhoeffer denkt, dann sind das natürlich geschichtliche Figuren, die präsent sind, in dem zum Beispiel die Kirche Dietrich-Bonhoeffer-Kirche heißt, (...) also es ist in der kirchlichen Zeit auch noch einmal ein anderes Gedächtnis aufbewahrt, als in der umgebenden Gesellschaft."

Zeit als ein pädagogischer Charakter

Doch das christliche Zeitverständnis bleibt nicht nur bei der kalendarischen Aufarbeitung der vielen Heiligen, Schutzbefohlenen und außerordentlichen Kirchenleute stehen. Im kirchlichen Raum hat Zeit natürlich auch einen stark pädagogischen Charakter. Etwa das Stundengebet im Kloster.

Markschies: "Also an die Tatsache, dass vom ersten Hahnenschrei an bis zu dem Moment unmittelbar vor dem Ins-Bettgehen immer wieder in den Tag Ruhemomente geschoben sind, in denen eine mönchische Gesellschaft oder ein Priester das Stundengebet betet, also einen Psalm betet, und versucht das, was in den letzten Stunden passiert ist, im Lichte dieses Psalmentextes zu lesen. Das bringt sozusagen Phasen der Ruhe und des Nachdenkens und des Gesprächs mit Gott in einen Tagesablauf, das hat natürlich pädagogische Züge."

Doch auch in der profanen weltlichen Weiterverwendung der Kirchen war Zeit ein wichtiger Faktor. So auch in Stralsund.

Neumann: "Diese Uhren sind ja in die Kirchen gekommen, weil die Kirchen der öffentliche Ort schlechthin waren. Hier fand, grade zum Beispiel in der Ratskirche St. Nikolai, das ist ja eine der bedeutendsten Kirchen Nordeuropas, in diesen Kirchen fand das öffentliche Leben schlechthin statt. Hier wurden große Delegationen empfangen, hier fanden die Ratsversammlungen statt, hier wurden die Gesetze verkündet und traten damit in Kraft, und das waren dann natürlich, klimatisch geschützt, Räume, die prädestiniert waren für die Aufstellung der Uhren. Die natürlich auch einem großen Repräsentationswunsch entsprachen. Und es ist kein Zufall, dass diese Uhren immer im Chorscheitelpunkt, also im östlichsten Punkt der Kirche errichtet wurden, sozusagen rückseitig zum Hochaltar. Denn dieser Chorscheitelpunkt, das war der Ort, wo immer die vornehmste, die einflussreichste Zunft ihre Kapelle hatte. Und wenn die aus ihrer Kapelle heraustrat, hatte sie den Blick auf die großartige Uhr."

Doch kirchliche Zeit will auch Ruhe bringen, eine Art Entschleunigung der Zeit, die draußen die Menschen umtreibt. Etwa soll die Adventszeit vorweihnachtliche Besinnung bringen, die Fastenzeit im Vorfeld des Osterfestes eine Kontemplation und ein Nachdenken über das eigenen Leben. Und natürlich ein Nachdenken über das Ende aller Zeit, den bevorstehenden unausweichlichen Tod.

"Ich aber, Herr, hoffe auf Dich und spreche: meine Zeit ist in Deinen Händen." (Psalm 31, Inschrift auf einem Stundenglas)

Markschies: "Wenn Sie auf einen großen Altar zutreten, etwa einen barocken Altar, und da steht ein Gerippe mit einer Sense, sollen Sie daran erinnert werden, heute sind, ich formuliere das mal ganz barock: 'die Wangen rot und Dein Mund fröhlich geöffnet, morgen schon wird er geschlossen sein und Deine Wangen erbleicht sein, weil Du eine Leiche bist.' Das ist eine sehr drastische barocke Zeitpädagogik ... An verschiedenen Kanzeln gibt es noch die Stundengläser, die ja nicht nur den Prediger daran erinnern sollen, im 18. Jahrhundert nach einer Stunde sollte tendenziell Schluss mit der Predigt sein, sondern auch Menschen daran erinnern, alles steht unter dem Gesetz der Zeit. Wir alle werden einmal sterben müssen. Und das ist eine Pädagogik, die uns daran erinnern soll, dass keine Minute angesichts dieses Endes beliebig ist, sondern alle Minuten geführt werden sollen wie, jetzt verwende ich eine Formulierung von Martin Luther: '... so, dass man einmal getrost sterben kann.'  Also jeder Zeit zu wissen, dass Zeit endlich ist. Und daher ausgekauft werden kann, aber auch immer geschenkte Zeit ist."

Uhr mahnt an die Vergänglichkeit

Auch die astronomische Uhr in der Stralsunder St.-Nikolai-Kirche mahnt an die Vergänglichkeit.

Neumann: "Dass wir diesen Warnruf, diesen Weckruf: 'Lehre uns, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden', wie es im Psalm heißt, das finden wir ja an vielen Stellen in dieser Kirche. Das ist diese Uhr, das sind aber natürlich auch die Stundengläser auf den Kapellenschauwänden, der Sensenmann, das Totengerippe, was uns erinnert. Das sind auch die Grabplatten, über die wir gehen. Wir gehen ja hier in einer solchen gotischen Kirche praktisch über einen Friedhof. Und die Vergänglichkeit, damit aber auch die Verbundenheit der Lebenden und der Toten in der Gemeinschaft der Kirche wird natürlich hier ganz stark symbolisch zum Ausdruck kommen."

Beyer: "Er ändert die Zeit und Stunde, er setzt Könige ab und setzt Könige ein, er gibt den Weisen ihre Weisheit und das Wissen Einsichtigen. Er enthüllt das Tiefe und das Verborgene und weiß, was in der Finsternis ist."

Zeit ist ein Geschenk Gottes. An deren Ende steht nicht das Nichts, sondern die Vollendung, also die Begegnung mit dem Schöpfer. Doch in der Bibel steht die Gegenwart im Focus. So sagt Jesus im Neuen Testament:

"Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch."

Dieses Reich Gottes hier ist eingeteilt in den liturgischen Kalender aus Fasten- und Festzeiten. Dieser liturgische Kalender hat sich seit der Spätantike nicht viel verändert.

Markschies: "Man kann sagen, wir feiern noch heute einen aus der Spätantike stammenden Gottesdienst, und wir haben eine Zeitordnung, die auch noch ganz antik ist. Man könnte das beklagen. Ich beklage das nicht, das ist natürlich ungeheuer erfolgreich, das muss man erst mal hinkriegen, dass man vor vielen hundert Jahren eine Grundstruktur gestalteter Zeit zusammenbringt, die bis heute geht."

Zeit ist eine gottgegebene Substanz

Sich in der Zeit zu orientieren ist ein menschliches Grundbedürfnis. Dabei beruht das christliche Zeitverständnis auf einem zyklischen Konzept der Ewigkeit: Die ist zwar unendlich, doch Gott ist ständig allgegenwärtig, ist überall, zu allen Zeiten zugleich. Mehr noch: Zeit ist eine gottgegebene Substanz.

Doch es gibt auch ein lineares christliches Zeitverständnis. Das meint, Zeit hat einen Anfang und ein Ende, die Erlösung etwa. Dem Heilsdenken nach ist Zeit dabei nicht nur im Jahreszeitenwechsel zu sehen, sondern vor allem im Weg hin zur eigenen Erlösung und der der gesamten Welt. Und Zeit ist auch die Zeit, die von jetzt an bis zur Wiederkehr des Messias verstreicht. In Jerusalem wird darum das "Goldene Tor" freigehalten.

Das "Scha'har haRachamin", das "Tor des Erbarmens", ist eines der acht Tore der Jerusalemer Altstadt, und das einzige Tor, das direkt auf den Tempelberg zuführt. Nach christlichem Glauben kam Jesus durch dieses Tor nach Jerusalem. Und durch dieses Tor wird er am Ende aller Tage zurückkehren, und die Jünger versammeln, wie vor über 2000 Jahren im Abendsmahlsaal...

"Was aber die Zeiten und die Zeitpunkte betrifft, Brüder, so ... wisset ihr genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht."

Mehr zum Thema:

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