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Religionen | Beitrag vom 14.03.2021

Christliche Popmusik"Wir sind auf der Suche danach, wie wir unseren Glauben singen können"

Eugen Eckert im Gespräch mit Kirsten Dietrich

Eugen Eckert mit seiner Band Habakuk beim Feierabendmahl in Holzappel 1978. (Eugen Eckert)
Eugen Eckert mit seiner Band Habakuk beim Feierabendmahl in Holzappel 1978. (Eugen Eckert)

In den 1970er-Jahren hielt die Popmusik Einzug in die Kirchen. Was damals Konflikte auslöste, ist heute fast schon Standard. Bei aller Freude an eingängiger Musik: Sie muss auch etwas zum Nachdenken bieten, sagt Pfarrer und Musiker Eugen Eckert.

Kirsten Dietrich: Die Kirche und der Pop – da ringen Gemeinden hierzulande immer noch um die richtige Form. In den großen Landeskirchen werden inzwischen Pop-Kantoren ausgebildet als Kirchenmusiker, die neuere Instrumente als die Orgel spielen, während vor allem in Freikirchen die frommen Hits der Lobpreisbands von aktueller Chartmusik fast nur noch unterscheidbar sind, wenn man die englischen Texte versteht.

Mit populärem Sound ins christliche Gesangbuch

Kirche und Popmusik, das ist ein schwieriges Verhältnis. Darüber möchte ich jetzt mit jemandem sprechen, der seit unglaublichen 45 Jahren geistliche Popmusik in der evangelischen Kirche macht.

Eugen Eckert ist Pfarrer in Frankfurt, in der Evangelischen Kirche in Deutschland inzwischen zuständig fürs Gebiet Kirche und Sport, und er hat während seiner ganzen Laufbahn immer Musik gemacht – poppige, geistliche Lieder. Neues geistliches Lied heißt das in der Sprache der Kirchenmusik oder – ein bisschen despektierlich vielleicht – "Sacropop". Mit dem Lied "Bewahre uns Gott" ist Eugen Eckert auch im ganz offiziellen evangelischen Gesangbuch vertreten und mit noch mehr Liedern im katholischen Gesangbuch "Gotteslob". Herr Eckert, ist das der Ritterschlag für einen Musiker?

Eckert: Na ja, neben Martin Luther und Paul Gerhardt zu stehen, ist schon bedeutungsvoll. Ich staune darüber, das kann man ja nicht planen, aber ich freue mich natürlich auch.

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Dietrich: In den 70ern und 80ern, da war die Musik, für die Sie stehen, durchaus umstritten. "Danke für diesen guten Morgen" und solche Lieder, die hat man in meiner Gemeinde nur im Kindergottesdienst gesungen, und es gab viel Widerstand gegen diese neumodischen Lieder. Warum haben Sie trotzdem genau solche Musik gemacht?

Pop-Offenbarung auf dem Kirchentag

Eckert: Zum einen bin ich selbst groß geworden in der evangelisch-methodistischen Kirche, und dort ist das Gesangbuch immer vierstimmig gesetzt, und die Gemeinde steht auf zum Singen. Der Methodismus war immer schon geprägt auch von amerikanischem Liedgut. Das hat mir natürlich sehr, sehr gut gefallen.

Und ich habe damals beim Kirchentag 1975 in Frankfurt zum ersten Mal richtig ausgiebig Peter Janssens erlebt, der mit seinem Gesangsorchester aus Telgte diese Musik geprägt hat. Ich war bis dahin klassisch aufgewachsen, hab in einer Kantorei Bach-Motetten gesungen, aber das war eine Musik, die mich gepackt hat und begeistert hat. Deswegen dachte ich, so was möchte ich auch gerne machen.

Dietrich: Hat sich denn das Verhältnis der Kirche zu solcher geistlicher Popmusik geändert im Laufe der Jahrzehnte, die Sie das machen?

Eckert: Na ja, Sie haben ja selbst gesagt in der Moderation, dass inzwischen Pop-Kantoren ausgebildet werden, insofern gibt es auch an dieser Stelle eine Art Ritterschlag: dass nämlich festgestellt worden ist, dass die Musik, die von einer Gitarre begleitet wird oder vom E-Piano, durchaus ihre Berechtigung und auch ihre Ausstrahlungskraft hat. Ich freue mich darüber.

Porträt des Pfarrers Eugen Eckert. (Nicole Kohlepp)Gotteslob mit Gitarre, Keyboard und Schlagzeug: Eugen Eckert bringt mit der Band Habakuk seit mehr als 40 Jahren Popmusik in Kirchenräume. (Nicole Kohlepp)

Als ich Gemeindepfarrer war, kam ich in eine Gemeinde damals, in der eine Elektroorgel war, und wir hatten einen Konzertpianisten als Kirchenmusiker. Damals war mein erstes Unterfangen, dass in dieser Gemeinde ein Flügel angeschafft wird, damit dieser Kirchenmusiker sein Handwerk auch am richtigen Handwerksgerät ausüben konnte.

Die Gemeinde zum Mitsingen einladen

Dietrich: Trotzdem ist diese Art der Musik in den meisten landeskirchlichen Gemeinden ja immer noch nichts Alltägliches. Man braucht eine Band im Idealfall oder zumindest eben ein anderes Instrument, wie Sie gerade erzählt haben, man braucht Soundtechnik. Man braucht einfach mehr als eine Orgel, die in der Kirche steht, die man sowieso hat. Wie sehr ist das eine Musik für das Besondere, für Großereignisse wie eben Kirchentage?

Eckert: Ich komme noch mal zurück zur gemeindlichen Realität. Meine scharfe Kritik an der kirchengemeindlichen Realität vor vielen Jahren war: Da ist jemand an der Orgel, zieht die Register, und es ist ihm oder ihr reichlich egal, ob Menschen mitsingen, ob es eine Ansprache gibt. Die Musiker, von denen Sie eben gesprochen haben, die mit einem Instrument vor der Gemeinde stehen, die wollen gerne mit einer Gemeinde singen.

Insofern ist das schon gemeindlich relevant, dass es diese neue Umkehrung von musikalischer Gestaltung gibt. Aber natürlich ist diese musikalische Form, "Neue geistliche Musik", "Neue geistliche Popmusik", sehr stark bewegt worden durch die Kirchentage, bei denen die Bands natürlich die Flexibilität geboten haben, auch auf den Straßen, auf den Plätzen zu singen.

Lieder brauchen Erklärungen

Dietrich: Das heißt, das macht einen Unterschied für die Musik, das macht einen Unterschied für das Singen, ob man den Gottesdienstraum als Bühne versteht?

Eckert: Ja, vor allen Dingen, ob man angeleitet wird, also ob jemand einlädt und auch manchmal erklärt. Als Gemeindepfarrer habe ich den Konfirmanden auch Luther-Lieder erklärt im Gottesdienst: Woher kommt dieses Lied? Was will dieses Lied? Warum singen wir das jetzt im Gottesdienst? Es reicht nicht aus, einfach eine Nummer an eine Tafel zu hängen und zu sagen: Das ist jetzt relevant für den Gottesdienst. Es braucht Erklärungen.

Dietrich: Mitte Mai findet in Frankfurt am Main der Ökumenische Kirchentag statt, also in Frankfurt in der Stadt und wegen Corona vor allem im Netz. Sie haben für diesen Ökumenischen Kirchentag – wieder einmal muss man fast sagen – ein Oratorium geschrieben mit dem Titel "Eins". Warum "Eins", dieser Titel?

Eckert: Ausgegangen sind wir von einem Text, der im Schreiben an die Gemeinde in Ephesus, also dem sogenannten Epheserbrief steht. Da mahnt derjenige, der geschrieben hat – wahrscheinlich war es ein Mann in dem Fall –, der mahnt die zerstrittene Christenheit darum, sich zu erinnern, dass es nur einen Gott, einen Glauben und eine Taufe gibt – das ist Epheser 4 – und dass damit ein Band des Friedens gewährleistet wird.

Ein Appell, auf das Verbindende zu schauen

Nun haben wir ja durch die Geschichte der Christenheit durch 2000 Jahre so viele Streitpunkte und so vieles, was uns scheinbar trennt, aber die Welt – die eine Welt – braucht eigentlich die eine Stimme von Christen, die sagen: Es ist die von Gott uns anvertraute Schöpfung, in der die Würde von Menschen, in denen die Ebenbildlichkeit Gottes ja zu sehen ist, gewahrt bleibt.

Deswegen ist es ein Appell, nicht auf das Trennende zu schauen, sondern eher auf das Verbindende, also etwas mit Einswerden, mit Einssein. So kommt dieser Titel zustande.

Dietrich: Wenn ich die ersten musikalischen Eindrücke anhöre, Lieder wie "Haben wir nicht letztlich einen Glauben?", dann höre ich eine sehr protestantische Mischung: ein durchaus anspruchsvoller, bisschen sperriger Text und eine ganz eingängige Melodie.

Eckert: Ja, aber wir wollen auch ein bisschen Bildungsarbeit leisten, und dazu gehört Denken.

Corona-Kompromiss: Vom Stadiongesang zum Kammerchor

Dietrich: Sie haben das geschrieben fürs Stadion mit Tausenden Sängerinnen und Sängern. Wie brechen Sie das denn im Mai jetzt runter auf eine Corona-konforme Aufführung?

Eckert: Das war ein schwieriger Akt, an dem wir bis heute intensiv arbeiten. Das Stadion hätte eine interaktive Produktion bedeutet, wir wollten das mit vielen Chören aus der Region und auch aus dem ganzen Bundesgebiet aufführen, 40.000, 50.000 Menschen. Dann hat der Kirchentag den ersten Schnitt bekommen, von 100.000, 130.000 Teilnehmern runter auf 30.000. Uns wurde angeboten, eine konzertante Aufführung zu machen in der Frankfurter Festhalle. Die ist inzwischen Impfzentrum, und von daher steht sie gar nicht zur Verfügung.

Inzwischen wird eine vorproduzierte Sendung, die am 14. Mai ausgestrahlt werden wird, daraus. Die Bedingung für eine vorproduzierte Sendung war, dass wir das Stück von 120 Minuten auf plus minus 90 Minuten kürzen mussten. Und jetzt sind wir mit scharfen Hygienekonzepten an der Frage, wie kann man eine solche Produktion mit 60 Musikerinnen und Musikern in einem Raum fahren. Sie können sich vorstellen, dass das – bis hin zu Schnelltests und ähnlichen Fragestellungen – eine unglaubliche Arbeit ist, die ganz viele Anspannungen und schlaflose Nächte bedeutet.

Dietrich: Trotzdem ist das ja auch ein Zeichen dafür, wie etabliert diese geistliche Popmusik als Teil des kirchlichen Lebens inzwischen ist. Ist das so etwas wie der Sound der Kirche geworden?

Eckert: Na ja, was wir mit dem Oratorium machen, ist ja eine Crossover-Verbindung zu suchen. Das Orchester – das spielt die Junge Philharmonie Frankfurt – ist bekannt durch Symphonic Rock, das heißt, die machen sowieso ein Crossover an klassischer Musik, und in diesem Stück sind 70 Prozent klassische Musik und 30 Prozent Jazzpop.

Viele Blumen im Garten christlicher Musik

Beides hat seine Berechtigung, das ist wie in einem schönen großen Garten, in dem viele bunte Blumen blühen. Es geht nicht darum, das eine abzulösen durch das andere, sondern das Miteinander deutlich zu machen.

Dietrich: Das heißt, Sie suchen da inzwischen auch schon wieder nach neuen Wegen jenseits der Popmusik

Eckert: Genau. Ich selbst mache mit meiner Band richtig Pop-Rock-Musik, aber ich liebe die Klassik natürlich weiterhin, aus der ich ja komme, und deswegen habe ich auch sie nie ausgeschlossen aus meinem Leben.

Eine historische Aufnahme zeigt Kinder, die sich tanzend an den Händen fassen, vor einem Landheim der Wandervögel in Döbeln in Sachsen 1915. (imago images / Artokoloro / Liszt Collection)Verlorene Tradition: Die Wandervogel-Bewegung, hier Kinder vor einem Landheim in Sachsen 1915, geriet durch den Nationalsozialismus in Verruf. (imago images / Artokoloro / Liszt Collection)

Dietrich: In charismatischen oder eher charismatisch orientierten Gemeinden, vielleicht auch eher freikirchlich orientierten Gemeinden hat ja Lobpreismusik einen riesigen Stellenwert, die viel konsequenter in Richtung Pop geht, vor allem vom Klang her. Ist das etwas, woran Sie sich auch orientieren - oder woran auch die Landeskirchen sich orientieren sollten?

Eckert: Ich persönlich habe mich nie daran orientiert, weil ich ein denkender Mensch bin und beim Lobpreis das Gefühl habe, dass der Kopf und das Denken ausgeschaltet werden - also, es wird ganz auf Emotionalität gesetzt. Die Musik, das gebe ich gerne zu, ist oft atemberaubend gut, der Inhalt ist für mich und für meine theologische Erwartung absolut minderwertig. Von daher tue ich mich ganz schwer mit dieser Lobpreismusik.

Das Verstummen einer Generation nach dem Zweiten Weltkrieg

Dietrich: Vielleicht muss die Kirchenmusik den Pop ja auch gar nicht neu aufrollen, wenn Stars wie Kanye West zum Beispiel Alben wie "Jesus is King" machen. Warum ist es in den USA eigentlich immer noch so viel selbstverständlicher, dass ganz weltliche Popstars von ihrem Glauben singen?

Eckert: In den USA gibt es ja so eine ungebrochene christliche Lebensfreude. Als ich in den 60er-Jahren bei einem Schüleraustausch in den USA in New Jersey war, bin ich auch an dieser Kirche gewesen, wo Whitney Houston Singen gelernt hat. Es gehört in den Gottesdiensten in den USA immer ein Chor dazu, und es gibt unglaublich viele sing- und musikbegabte Menschen. Die kommen aus dem Gospel, die kommen aus der Pop- und Rockmusik, und die übertragen ungebrochen ihren Glauben auch in die Musikwelt.

Bei uns in Deutschland haben wir eine ganz große Gebrochenheit des Singens erlebt durch den Zweiten Weltkrieg. Die frühere Wandervogel-Bewegung, die ja Lust hatte, in der Natur zu singen, Gotteslob zu singen, ist durch die Hitlerjugend und durch das Verändern von christlichem Liedgut in Naziparolen so scharf verändert worden, in ein schlechtes Licht gerückt worden, dass eine ganze Generation nach dem Krieg verstummt ist und nicht gesungen hat.

Wir sind eigentlich immer noch so richtig auf der Suche nach dem, wie wir unseren Glauben singen, artikulieren können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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