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Religionen | Beitrag vom 13.09.2020

Christliche Feste in CoronazeitenFür Weihnachten von Ostern lernen

Heinrich Bedford-Strohm im Gespräch mit Christopher Ricke

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Können wir von Ostern für Weihnachten lernen? (imago images / Panthermedia)
Covid macht erfinderisch: Der Improvisationsgeist vieler Gemeinden in den Ostertagen stimme ihn hoffnungsvoll für Weihnachten, sagt Heinrich Bedford-Strohm. (imago images / Panthermedia)

Wie können wir Advent und Weihachten 2020 feiern? Sicher nicht in vollen Kirchen. Was die evangelische Kirche von Ostern in Coronazeiten für Weihnachten gelernt hat, erklärt der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm.

Christopher Ricke: Es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass wir in drei Monaten wirklich alle schon gut geimpft und Corona-immun sind. In drei Monaten ist aber schon dritter Advent, kurz vor Weihnachten. Das ist einmal dramatisch für all die, die ihr Geld mit Glühwein auf Weihnachtsmärkten verdienen und möglicherweise nicht so richtig Umsatz machen, aber es hat natürlich auch eine Bedeutung für die Kirchen.

Fernsehgottesdienst statt Kirche

Volle Weihnachtsgottesdienste kann ich mir momentan noch nicht so richtig vorstellen, aber ich spreche jetzt mit Heinrich Bedford-Strohm, den Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Herr Bedford-Strohm, fangen wir doch mal bei Ihnen ganz persönlich an: Haben Sie schon eine Idee, wie Sie als Theologe, als Pfarrer die Weihnachtsfeiertage gestalten werden?

Heinrich Bedford-Strohm: Ja, ich habe natürlich bestimmte Dinge vor, wo ich selbst Gottesdienste halte, etwa den Fernsehgottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag. Der wird natürlich ein bisschen anders ablaufen als sonst, mit mehr Abstand – so ist jedenfalls zu erwarten – und so, wie wir das jetzt inzwischen ja auch schon fast gewohnt sind, dass man bestimmte Regeln einhalten muss.

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Aber Fernsehen ist natürlich eine Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen, die dann zu Hause auch eng zusammensitzen können, wenn sie ein Haushalt sind. Die also wirklich auch diese Erfahrung, die sie sonst machen, auch dieses Weihnachten machen können.

Aber wir werden Formate haben, die draußen stattfinden, und dann eben auch bestimmte Möglichkeiten haben, die weniger riskant sind, als wenn man sich auf engem Raum innen versammelt. Ich habe an Heiligabend immer einen Besuch in einer sozialen Einrichtung, entweder bei einer Pflegeeinrichtung oder bei einer Flüchtlingseinrichtung, manchmal bin ich in der Strafanstalt, predige da. Das sind Dinge, die werde ich auch dieses Weihnachten machen, nur eben so, dass niemand einem Risiko ausgesetzt ist.

Keine Messen im Stundentakt

Ricke: Weihnachten ist ja der Zeitpunkt, an dem tatsächlich viele Menschen in die Kirche gehen. Das ist ja eigentlich schön, aber es ist jetzt so schwierig. Corona-Abstand in der Kirche könnte ja auch heißen, man macht Gottesdienste mit Voranmeldung und die dafür im Stundentakt. Kann so etwas sinnvoll sein?

Bedford-Strohm: Ich glaube, so wird es nicht laufen. Was klar ist, ist, dass dieses Weihnachten in mancher Hinsicht, auch was den geistlichen Gehalt betrifft, ein besonderes Weihnachten sein wird, denn die Menschen stehen ja jetzt vor Grenzerfahrungen. Sie merken, das Leben ist nicht kontrollierbar. Die Verletzlichkeit des menschlichen Daseins ist wie selten zuvor für alle Menschen spürbar.

Und gerade da spricht die Weihnachtsbotschaft hinein, gerade da spricht hinein das, was der Engel den Hirten sagt: Fürchtet euch nicht! Das ist ja ein wesentlicher Teil der Weihnachtsbotschaft, und das wird, da bin ich ganz zuversichtlich, gerade dieses Jahr viele Menschen erreichen. Man spricht nicht zu Unrecht von Weihnachten als dem Fest der Liebe. Die Liebe spielt eine zentrale Rolle, und die brauchen wir jetzt in der Gemeinschaft miteinander.

Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche. (Getty Images / Pacific Press)Feiern im Freien: Heinrich Bedford-Strohm ist optimistisch, dass die Kirchen im Advent geeignete Wege finden, um uns auf das Weihnachtsfest einzustimmen. (Getty Images / Pacific Press)

Also, dieser innere Aspekt, der wird wichtig sein. Und das andere, daran arbeiten jetzt schon viele, die sind schon mitten in den Vorbereitungen, dass man Weihnachtsfeiern und Gottesdienste so gestaltet, dass Menschen eben keinem Risiko ausgesetzt sind – etwa draußen.

Mit Ochs und Esel auf freiem Feld

Wir wollen auf die Marktplätze, wir wollen auf die großen Plätze mitten in die Städte und Dörfer hinein, und man kann auch Weihnachten auf dem Feld machen, eine Waldweihnacht vielleicht sogar mit Ochs und Esel. Da gibt es viele Möglichkeiten, das zu berücksichtigen, was eben jetzt geht, und das nicht zu machen, was nicht geht.

Ich bin überzeugt davon, dass wir das wieder erleben werden, was wir Ostern erlebt haben: ganz viele neue, kreative Formate, die die Gemeinden vor Ort sich einfallen lassen, sodass nicht eine Pfarrerin, ein Pfarrer zehn Gottesdienste hintereinander halten muss, wo er vielleicht beim fünften schon fast umfällt.

Ricke: Also, die Begeisterung über die Oster-Erfahrung, die kann ich jetzt tatsächlich nicht teilen. Ich hatte schon den Eindruck, dass die Kirchen Ostern nicht das allerbeste Bild abgegeben haben, dass viele hilflos agiert haben. Das ist überhaupt kein Vorwurf, sondern das war ja der Corona-Schock ganz am Anfang. Da gab es die geschlossenen Kirchen, da gab es die verriegelten Türen – wir sind zu wegen Corona. Da hat man schon draus gelernt, oder?

Bedford-Strohm: Da sind die Erfahrungen offensichtlich tatsächlich sehr unterschiedlich, Sie haben offensichtlich schlechte Erfahrungen gemacht. Die Kirchen waren in den meisten Ländern Deutschlands überhaupt nicht zu. Ich bin bayrischer Landesbischof, ich habe natürlich Bayern jetzt auch speziell vor Augen, da waren die Kirchen alle offen. Gerade da waren die Kirchen offen – da sind die Leute reingegangen, haben beten können.

Viele Gläubige suchen die Gemeinschaft

Ich weiß aber auch, dass die Bestimmungen da in den Bundesländern unterschiedlich waren. Da sind wir als Kirchen natürlich auch machtlos, wenn es da unterschiedliche Regelungen gibt, an die wir uns eben auch halten müssen.

Aber wir haben an Ostern noch nie so viele Menschen in den letzten Jahren erreicht mit unseren Gottesdiensten wie genau dieses Jahr. Zehn Millionen Menschen waren es, die wir mit unseren Gottesdiensten erreicht haben. Die Einschaltquoten in den Fernsehgottesdiensten sind in die Höhe geschnellt, ganz viele neue digitale Formate sind gefunden und von den Gemeinden ganz blitzschnell umgesetzt worden.

Die Menschen haben sicher unterschiedliche Erfahrungen gemacht, manche wie Sie, aber ich weiß auch von vielen, die sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Ich könnte Ihnen jetzt, wenn wir mehr Zeit hätten, lange erzählen über die vielen unterschiedlichen Beispiele, wo das gelungen ist.

Gott und die Weihnachtsmärkte

Ricke: Es gibt ja noch ein Weihnachtsthema, das auch was mit Corona zu tun hat, aber weniger mit der Ankunft des Herrn: Das sind die Weihnachtsmärkte. Wenn überhaupt, gibt es die mit Hygieneregeln, Einbahnstraßen wird es geben, zwischen den Marktständen deutlich weniger Glühwein. Ihr katholischer Kollege, der Kölner Kardinal Woelki, sieht da ja schon eine große Chance für die Kirchen, die ursprüngliche Weihnachtsbotschaft wieder zu platzieren, also: dank Corona jenseits des Konsums. Wie ist es da bei Ihnen?

Bedford-Strohm: Erst mal würde ich die Weihnachtsmärkte nicht schlecht machen. Das ist auch eine ganz wunderbare Erfahrung, dass man die Gemeinschaft auch beim Glühwein, beim Duft von Lebkuchen erlebt. Aber es ist richtig, dieser kommerzielle Aspekt von Weihnachten, der kann schon auch in den Weg geraten und das andere verdrängen, das darf nicht sein.

Oder es kann in der Tat sein, dass dieses Jahr, wenn dieser kommerzielle Aspekt eine geringere Rolle spielt, schlicht weil die Möglichkeiten dazu nicht so da sind, dass dann diese Grundbotschaft von Weihnachten stärker ins Zentrum rückt, nicht zugedeckt wird. Ich sag noch mal: auch weil es innerlich bei den Menschen so aussieht, dass sie diese Botschaft brauchen.

Die christliche Kernbotschaft stärken

Deswegen würde ich das nicht gegen die Weihnachtsmärkte stellen. Auch die Lichter an den Tannenbäumen in den Weihnachtsmärkten oder auf den Plätzen, die erinnern uns ja an den Kern von Weihnachten. Wenn wir da sinnlich bestimmte Gefühle mit verbinden, dann soll man das nicht abtun, sondern dann führt uns das genau hin auf den Kern von Weihnachten.

Und das immer wieder zu unterstützen, den Inhalt von Weihnachten: dass Gott Mensch wird, dass ein Zeichen der Hoffnung dadurch gesetzt ist, dass Jesus in die Welt gekommen ist und die Liebe, die radikale Liebe ausgestrahlt hat und diese Liebe nie mehr kleingekriegt werden kann, am Endes des Lebens siegt, auch an Ostern, das ist es, was wir feiern.

Das ist die Botschaft, auch an Weihnachten. Die wieder neu im Zentrum zu sehen, dafür wird es an diesem Weihnachtsfest vielleicht ganz besonderen Grund geben.

Gemeinschaft auch im Digitalen

Ricke: Und da gibt es ja dann auch die neuen Wege, die digitalen Wege – Rundfunkgottesdienste, Fernsehgottesdienste, Podcasts, Onlinegemeinschaften, geistliche Statements. Aber das Risiko bleibt natürlich groß. Das Gemeinschaftserlebnis, gemeinsam zu glauben, das gerät mehr und mehr ins Hintertreffen. Schleppen wir uns da mit digitalen Krücken durch die Zeit?

Bedford-Strohm: Es ist richtig – so geht es mir jedenfalls auch –, dass das Digitale nie die physische Gemeinschaft ersetzen kann. Natürlich sehnt man sich danach, sich umarmen zu können, sich nahezukommen, physisch nahezukommen, insofern ist es nachvollziehbar, dass manches Mal dann das Gefühl aufkommt, es ist nicht so wie sonst. Aber wir haben es erlebt, es gibt wirklich viele Berichte davon, ich hab’s selbst auch erlebt, dass man Neues entdeckt und dann sagt, das haben wir so noch nie gemacht.

Ich nenne mal ein Beispiel: einen Zoom-Gottesdienst, also ein Gottesdienst, wo du nicht nur in eine Richtung über Livestream zuschaust, wie einer da predigt oder Liturgie macht, sondern wo alle zusammen sich in den Gesichtern sehen können, weil die auf dem Bildschirm sichtbar sind. Wo während der Predigt oder während dem gesprochenen Gebet parallel die Menschen beten. Das habe ich erlebt, und das hat mich sehr berührt, dass Menschen mitmachen, dabei sind beim Gottesdienst. Das war eine Erfahrung, wo ich mir hinterher gesagt hab, das hast du so vorher noch nicht erlebt, das hat mich erfüllt.

Ich hoffe auf viele solche Erfahrungen, auch an Weihnachten. Niemand hat sich das ausgesucht. Jetzt lasst uns die Kraft von Weihnachten auch unter diesen Bedingungen, so weit wie möglich wir es immer tun können, auch ausstrahlen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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