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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.06.2007

Christliche Botschaften in Richtung G8-Gipfel

Präses Schneider zum Auftakt des Evangelischen Kirchentages

Moderation: Christopher Ricke

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Eine Kirchentagsfahne weht vor dem Kölner Dom. (AP)
Eine Kirchentagsfahne weht vor dem Kölner Dom. (AP)

Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, hofft, dass die Positionen des heute beginnenden Kirchentages auch von den Teilnehmern des G8-Gipfels gehört werden. Es sei ein Skandal, dass 800 Millionen Menschen vom Hunger bedroht seien und täglich 10.000 Kinder sterben würden, sagte Schneider.

Christopher Ricke: In Heiligendamm beginnt der G8-Gipfel, in Köln der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag. Was die beiden Veranstaltungen verbindet, ist das Thema Globalisierung. Bei Armutsbekämpfung, bei Zukunft Afrikas und Klimaschutz will man in Köln die Stimme in Richtung Heiligendamm erheben und hofft auch, gehört zu werden. Der Präses der Rheinischen Landeskirche ist Nikolaus Schneider, das Amt des Präses entspricht dem des Landesbischofs in anderen Landeskirchen. Guten Morgen, Herr Präses.

Nikolaus Schneider: Schönen guten Morgen.

Ricke: In Köln treffen sich ja die, die guten Willens sind, in Heiligendamm die, die die Entscheidungen treffen. Wie groß ist denn Ihre Hoffnung, dass die Appelle von Köln in Heiligendamm gehört werden?

Schneider: Ich gehe davon aus, dass die schon gehört werden. Wie weit sie in die Verhandlungen wirklich noch einfließen, ist eine zweite Frage, weil das ja immer ein sehr langer und intensiver Verhandlungsprozess vorher war. Aber dass sie gehört werden, da bin ich ganz sicher, denn ich gehe davon aus, dass es auch hinter dem Zaun in Heiligendamm Menschen gibt, die sich selber als Christenmenschen verstehen oder zumindest als religiös gebundene Menschen und die von daher schon ein Interesse haben, auf das zu hören, was nun hier von Köln aus gesagt wird. Denn wir werden am Donnerstagabend nicht nur eine Botschaft in Richtung Heiligendamm auf den Weg bringen, sondern das werden mehrere sein. Es ist hier im Augenblick eine Konferenz von Religionsführern aus der ganzen Welt, auch nicht nur Christen, sondern auch Muslime, Buddhisten, also Menschen anderen Glaubens, die eine Botschaft senden. Wir hatten einen Vorkongress zum Thema "Die Macht der Würde", der war auch international besetzt, der auch eine Botschaft senden wird. Und es werden auch einige Einzelpersonen etwas sagen. Ich gehe davon aus, dass das schon Aufmerksamkeit findet.

Ricke: Der Kirchentagspräsident Reinhard Höppner hat dieser Tage erklärt, der Kirchentag und die Protestbewegung beim G8-Gipfel gehörten eng zusammen, Christen sollten mit Blick auf moderne Marktwirtschaft und neoliberales Denken ihre Positionen deutlich und schärfer vertreten. Nun ist dieses Schärfer natürlich ein Spiel mit dem Titel des Kirchentages, aber es ist auch eine klare Ansage. Wie deutlich und wie scharf müssen diese Positionen denn sein?

Schneider: Ich glaube, sie sollen ein bisschen aufrütteln, denn wir können nicht damit weiterleben, dass in einer Welt, die immerhin über die Mittel verfügt, dass alle Menschen satt werden, dass da weiter Menschen – über 800 Millionen Menschen – vom Hunger bedroht sind in ihrem Leben, dass täglich 10.000 Kinder sterben, die eigentlich nicht sterben müssten. Das sind ja Skandale, die eine solche Gesellschaft sich eigentlich nicht erlauben kann, denn wir haben andere Möglichkeiten.

Ricke: Am Freitag gibt es im Kölner Dom einen ökumenischen Gottesdienst, die Zelebranten sind Sie und der katholische Bischof Joachim Kardinal Meisner. Es wird denn das nicht geben, was sich so viele katholische und evangelische Christen wünschen: ein gemeinsames Abendmahl. Ist das ein Problem?

Schneider: Natürlich ist das ein Problem und ist im Grunde auch ein Skandal. Dass wir das bisher als verantwortliche Menschen für die Kirchen noch nicht hinbekommen haben, so miteinander zu reden, dass wir auch die Fragen, die uns im Abendmahlverständnis noch so weit trennen, dass Gemeinschaft nicht möglich ist, dass wir sie nicht schon überwunden haben, das ist wirklich auch nicht in Ordnung. Wir machen ja im Augenblick einen neuen Anlauf. Wenn ich das richtig beobachte, dann war ja die Tauferklärung, die in Magdeburg jetzt unterschrieben wurde, der Versuch, einen neuen Zugang zu mehr Gemeinsamkeit zu finden, die Taufe als das Band der Einheit zu verstehen. Wir erkennen sie gegenseitig an. Die Taufe ist ein Sakrament. Und hier ist der Punkt, wo man sicher weiterdenken muss. Wenn es bei dem Sakrament Taufe möglich ist, sich gegenseitig anzuerkennen, dann müsste man fragen, wie das Gemeinsame, was im Sakramentsverständnis und in der Sakramentspraxis bei der Taufe zum Ausdruck kommt, vielleicht übertragen werden kann auf das Abendmahl.

Ricke: Jetzt muss ich aber doch ein bisschen Wasser in den Wein gießen: Der Aspekt der Ökumene wird zwar auch in ihrer gemeinsamen Bibelarbeit mit Kardinal Meisner sicherlich erneut aufscheinen, aber wir wissen natürlich auch, dass es auf der katholischen Seite nicht überall die heftigsten Kämpfe für die Ökumene gibt. Ich erinnere mich an die Weisung Meisners, multireligiöse Schulfeiern zu unterlassen. Sehen wir wirklich ein Miteinander oder kann es nur ein Nebeneinander sein?

Schneider: Also bei den anderen Religionen ist das auch eine andere Frage, das muss man unterscheiden. Von daher ist das Wasser ein bisschen in ein anderes Glas geschüttet worden und nicht in das Glas der evangelisch-katholischen Ökumene. Aber im anderen Glas ist er schon richtig. Wir tun uns im Augenblick schwer, und das gilt ja allerdings nicht nur für die römisch-katholische Kirche, sondern die EKD-Schrift "Klarheit und gute Nachbarschaft" hat ja doch auch für Irritationen und zum Teil auch für erheblichen Ärger bei den Muslimen gesorgt. Hier geht es darum erst mal, sich noch wirklich tiefer zu verständigen, denn ich bin davon überzeugt, es gibt nur einen Gott. Also insofern können die nicht andere Götter anbeten, aber sie haben natürlich andere Gottesbilder. Und wie wir in den Gottesbildern und damit jetzt verbunden mit unseren Wahrheitsansprüchen so umgehen, dass sie nicht Gewalt hervorbringen, dass das nicht Gewalt legitimiert, sondern dass wir die friedensstiftende Kraft der Religion wirksam werden lassen, das wird ein wichtiges Thema werden bei den interreligiösen Gesprächen hier in Köln.

Ricke: Es gibt ja verschiedene Dialogebenen, es gibt einmal die mit den monotheistischen Religionen, also mit Juden, Muslimen, aber es sind ja auch andere Religionen zu Gast. Gibt es da qualitative Unterschiede, gibt es da Dissens?

Schneider: Es gibt qualitative Unterschiede und es gibt auch Dissense. Die qualitativen Unterschiede sind darin, dass in den monotheistischen Religionen, eben den Eingott-Religionen, wir uns darauf verständigen können, dass es nur diesen einen Gott gibt. Und da gibt es auch immer Unterschiede: Der Apostel Paulus sagt ja, dass wir mit den Juden in der Wurzel verbunden seien. Also das Alte Testament, die Heilige Schrift der Juden, die Thora, ist ja auch mit unsere Bibel. Das ist eine andere Qualität, als mit einer Religion zu sprechen wie dem Islam, der ja sagt, dass die Juden und wir sozusagen diese Offenbarung verfälscht hätten oder nicht richtig verstanden haben und von daher unsere Heilige Schrift eben nicht richtig ist und nicht die richtige Wahrheit offenbart, sondern erst der Koran. Also das sind da noch mal qualitative Unterschiede. Hier, glaube ich, wird man sehen müssen, wie weit wir über die Frage der Betrachtungsweise der Heiligen Schrift ein Stückchen weiterkommen, denn wir sagen ja nicht etwa, dass die Bibel von Gott diktiert ist, das ist aber das Verständnis des Korans. Und dann wird es schwierig, über die Interpretation zu reden, weil man dann so festgelegt ist.

Ricke: Vielen Dank. Nikolaus Schneider ist der Präses der Rheinischen Landeskirche.

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Evangelischer Kirchentag beginnt in Köln

Externe Links:

31. Deutscher Evangelischer Kirchentag

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