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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.12.2016

Christlich-jüdisches Gespräch über "Weihnukka""Hey, wir sind spirituelle Menschen"

Moderation: Anne Françoise Weber

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Ein Chanukka-Leuchter auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor in Berlin, Dezember 2014 (picture alliance / dpa)
Rabbiner Walter Rothschild über Chanukka: "Man verschenkt die Idee: Hey, wir sind spirituelle Menschen. Wir sind nicht nur laufende Mägen, die man vollstopfen muss, sondern es gibt auch ein Gehirn, eine Seele." (picture alliance / dpa)

In diesem Jahr fallen Heiligabend und der Beginn des jüdischen Lichterfests Chanukka zusammen. Auch wenn die beiden Feste eigentlich nichts miteinander zu tun haben, finden Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au und Rabbiner Walter Rothschild viele Berührungspunkte.

Die zweite Stunde unserer Sendung vom Heiligabend können Sie hier nachhören:

"Das Öl, das absolut unerwartet acht Tage lang gehalten hat, das Kind, das zur Welt kam – ich glaube, ein Geschenk ist bei beiden Festen die Grundlage", sagt die evangelische Theologin Christina Aus der Au.

Christina Aus der Au im Porträt (36. DEKT )Christina Aus der Au (36. DEKT )

An Chanukka (24./25.12.2016 – 1.1.2017) feiern Juden ein Wunder: Bei der Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels durch die Makkabäer im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung soll eine kleine Menge geweihten Öls gereicht haben, um acht Tage lang den Tempelleuchter brennen zu lassen. Symbol des Festes ist ein achtarmiger Leuchter, an dem jeden Abend eine weitere Kerze angezündet wird.

"Chanukka ist ein schwieriges Fest für mich und für viele, denn die Geschichte ist nationalistisch und nicht sehr schön", sagt Rabbiner Walter Rothschild.

Landesrabbiner Walter Rothschild spricht am Sonntag (24.06.2007) in Bad Segeberg vor der Einweihung des ersten Synagogenneubas Schleswig-Holsteins seit Ende des Zweiten Weltkrieges. (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)Landesrabbiner Walter Rothschild 2007 in Bad Segeberg vor der Einweihung des ersten Synagogenneubas Schleswig-Holsteins seit Ende des Zweiten Weltkrieges. (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)

Die Grundfrage bleibe aber: Wofür ist man bereit zu sterben? Das Chanukka-Fest werde unterschiedlich interpretiert:

"Man versucht, in friedlichen Zeiten eine friedliche Botschaft daraus zu schaffen – und wenn man wirklich eine unfriedliche Botschaft braucht, wenn man sich angegriffen fühlt, wenn man im Ghetto sitzt und einen Aufstand vorbereiten muss, dann sucht man in den Makkabäern ein Vorbild für Widerstand."

Für Walter Rothschild bieten Weihnachten wie Chanukka die Möglichkeit, daran zu erinnern, dass es im Leben nicht nur um Kommerz und Konsum geht.

"Man verschenkt die Idee: Hey, wir sind spirituelle Menschen. Wir sind nicht nur laufende Mägen, die man vollstopfen muss, sondern es gibt auch ein Gehirn, eine Seele."

Auch für Juden in England sei es nicht ungewöhnlich, einen Weihnachtsbaum zu haben, wenn auch ohne christliche Symbole, erzählt der in Großbritannien aufgewachsene Rabbiner. Er hat nichts gegen Einladungen zu religiösen Festen:

"Aber wenn jemand zu mir kommt und sagt: Komm vorbei und lass uns beten, dann wird es unbequem."

Rothschild, der zehn Jahre lang Landesrabbiner von Schleswig-Holstein war, ist häufig zu Veranstaltungen des interreligiösen Dialogs in Kirchen oder Moscheen eingeladen.

"Wenn die Leute beten, bin ich nicht Teil davon, dann bin ich nur Zuschauer und Zuhörer."

"Weihnukka" als Alternative?

Schöner als ein gemeinsames "Weihnukka", das Elemente von Chanukka und Weihnachten verbindet, findet auch Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au gegenseitige Besuche zu den unterschiedlichen Festen:

"Ich mache nicht dein Fest zu meinem, denn das kann ich nicht, mir fehlen wirklich die Wurzeln dahinter. Wie kann ich Chanukka feiern, wenn ich nicht dieselbe auch emotionale Verbindung habe zu diesem Fest, zu dieser jahrhundertealten, jahrtausendealten Tradition?"

Andere zum Feiern einzuladen, sei dagegen eine gute Sache:

"Es ist ja auch häufig so, wenn man mit Menschen ins Gespräch kommt, die die eigene Tradition nicht teilen, dass man dann auch noch mal bewusster und tiefer darüber nachdenkt: Warum mache ich das eigentlich, oder warum mache ich das nicht?"

Luther und das Reformationsjubiläum 2017

Die Schweizer Theologin, die zur Zeit den Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg im Mai 2017 vorbereitet, möchte das Reformationsjubiläum nicht nur an der Person Martin Luthers festmachen,

"weil Reformation nicht nur der eine große Fluss ist, der alles mit sich reißt und zum Meer fließt, sondern viele Bächlein, die aus verschiedenen Regionen mit verschieden gefärbten Wassern da zusammenfließen, auch wieder auseinanderfließen. Ich finde das nicht nur historisch näher, sondern auch spannender und interessanter, wenn man das auch gegeneinander reiben kann und schaut, was da rauskommt, wenn man nicht nur Luther rückwärts und vorwärts zitiert, sondern auch sagt: Wie ist das hier ausgegangen und wie ist das dort kontextualisiert worden? Also Reformationen und weniger Reformation."

In der Auseinandersetzung mit den antijüdischen Schriften Martin Luthers hält sie es für wichtig, sich deren spätere Verwendung anzuschauen und nach dem modernen Antisemitismus zu fragen: 

"Was uns zu denken geben muss, ist, dass wir nicht aufgestanden sind und dagegen gehalten haben."

Walter Rothschild, dessen Großvater von den Nationalsozialisten seines Amtes als Richter in Hannover enthoben und deportiert wurde, ordnet Luthers Äußerungen in seine Zeit ein, ohne sie zu entschuldigen:

"Wir reden von jemand, der aufgewachsen ist in einer Tradition, wo Juden immer beschuldigt wurden, christliche Babys zu fressen und Ähnliches. Der Mann ist aufgewachsen in dieser Kultur. Er versuchte dann, das Judentum ernst zu nehmen – vielleicht ernsthafter als die Juden, die er kannte. Er wurde dann enttäuscht und aus seiner Enttäuschung kamen Texte, die eigentlich nicht sehr nett sind. Lassen Sie uns das in seinem Kontext sehen, ich will es nicht schönreden, aber zugleich will ich nicht hysterisch schreien, dass alles verboten werden muss und dieser Mann ein Monster ist."

Was Mission heute bedeutet

Walter Rothschild und Christina aus der Au begrüßen, dass sich die Evangelische Kirche in Deutschland in einer Erklärung ihrer Synode ganz explizit vom Gedanken der Judenmission verabschiedet hat; gerade beim Evangelischen Kirchentag sei das schon lange Konsens, betont Christina Aus der Au. Die theologische Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich will Mission aber nicht grundsätzlich negativ sehen:

"Wenn Mission bedeutet: Du musst glauben so wie ich, sonst kommst Du in die Hölle – ich glaube, das wird heute nur noch von sehr fundamentalistischen Kreisen vertreten. Aber Kirche entdeckt ja wieder, dass sie eine gesandte Kirche ist, eine missio hat, und ausstrahlt, dass hier Menschen am Werk sind, die von einer Zukunft und einer Hoffnung getragen werden und aus dieser Hoffnung heraus sich engagieren hier in der Welt für die Schwachen und die Starken, dass sie diese Welt gestalten wollen so, dass sie lebenswert wird, und dass sie auch eine Hoffnung haben, die trägt im Sterben und über den Tod hinaus. Wenn sie das ausstrahlen, dann ist das Mission in einem Sinne, wie ich dazu stehen kann."

Rabbiner Rothschild sieht heutzutage auch eine Aufgabe darin, Religion nicht zu dominant werden zu lassen:

"Ein Großteil der Welt ist areligiös geworden, ein anderer Teil der Welt ist superreligiös geworden. Das heißt liberale Christen, liberale Juden und liberale Muslime suchen Gemeinsamkeiten. Wir haben in der Geschichte gesehen, wie furchtbar es sein kann und immer noch ist, wenn Menschen andere Menschen im Namen Gottes töten möchten. Das heißt, wir müssen auf der einen Seite Religion verteidigen und sagen: Es ist nicht nur das. Und auf der anderen Seite müssen wir Religion ein bisschen herunterschrauben und sagen: Bitte, bitte, bleiben Sie nicht zu fromm, nicht zu fundamentalistisch, nicht zu intolerant! Das ist ein Widerspruch, und das ist schwierig für uns alle."

In ihrer Minderheitensituation sei für Juden Humor oft die beste Waffe, sagt Walter Rothschild, dem sowohl britischer als auch jüdischer Humor zugeschrieben wird:

"Humor ist ein Versuch, zurechtzukommen in einer Welt, in der es Ungerechtigkeit, Brutalität und Trauer gibt. Man muss sich ein klein wenig davon distanzieren, und zugleich nicht so weit, dass man in einer Blase verschwindet und alles nur Friede, Freude, Eierkuchen und rosarot ist. Man sagt: Etwas ist falsch, etwas ist dumm und man lacht darüber, und das erleichtert, das entspannt, das befreit."

 

Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, über Chanukka
Wort zum Tage vom 23.12.2016 (2:58 min.)


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