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Im Gespräch | Beitrag vom 17.05.2021

Christine Thürmer Die Wander-Extremistin

Moderation: Ulrike Timm

Selbstporträt der Langstreckenwanderin Christine Thürmer. (Christine Thürmer)
Ein "Leben im Dreck": Selbstporträt der Langstreckenwanderin Christine Thürmer. (Christine Thürmer)

Christine Thürmer hat ihre Karriere als Managerin aufgegeben, um zu wandern. In den 17 Jahren seitdem hat sie 54.000 Kilometer zurückgelegt. "Laufen, essen, schlafen": Das ist ihr täglicher Rhythmus, ihr Leben und ihr Beruf.

Sie sei nicht besonders sportlich, sagt Christine Thürmer über sich - eher der "Typ gemütliche Hausfrau". Außerdem habe sie Plattfüße, X-Beine und einen Hausarzt, der ihr wiederholt diskret nahegelegt habe, ein paar Kilos abzunehmen. Was als Aufzählung sportlicher Defizite erscheint, hat die 54-Jährige aber nicht davon abgehalten, in den letzten 17 Jahren 54.000 Kilometer zu Fuß zurückzulegen: Christine Thürmer gilt als "meist gewanderte Frau der Welt".

Ein Leben im Dreck

Sie ist von Kanada bis Mexiko gelaufen, die amerikanische Ostküste entlang und durch Europa, stets dem Rhythmus folgend: "Laufen, essen, schlafen". Pandemiebedingt musste Christine Thürmer ihre Tour nach Polen und ins Baltikum gerade abbrechen, will nun aber von Griechenland aus über den Balkan nach Deutschland zurückwandern. Ihr Prinzip: jeden Schritt gehen, ohne Ausnahme. "Ich halte mich nicht immer an die Route, aber sie wird immer durchgängig gegangen."

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Eine zu romantische Vorstellung sollte man vom Leben als Weitwanderin nicht haben. Sie führe "ein Leben im Dreck", sagt die gebürtige Fränkin. Schließlich finde alles, was sie tue –"schlafen, kochen, essen" - auf dem Boden statt.

Wenn keine Wasserstelle in der Nähe ist, sei sie manchmal tagelang von einer Mischung aus "Sonnencreme, Schweiß und Dreck" bedeckt. Sechs Nächte in der Woche verbringt sie während ihrer Wanderungen üblicherweise im Zelt, am siebten Tag gönnt sie sich ein Hotelzimmer mit Dusche.

Hauptberufliches Wandern ist kein Urlaub

Der "Urlaub ihres Lebens" sei das Wandern keineswegs, sagt Christine Thürmer, sondern ihr Beruf, dem sie Tag für Tag nachgeht. Dabei ist sie Quereinsteigerin: In ihrer ersten Karriere war sie als Managerin für die Sanierung von Unternehmen zuständig. Als sie ihren Job verliert und kurz darauf ein Freund einen Schlaganfall erleidet, beschließt sie, ihr Leben zu ändern. Sie habe erkannt, dass "die wichtigste Ressource nicht Geld, sondern Lebenszeit" sei, betont sie. Heute lebt sie von ihrem Ersparten und dem, was sie durch Vorträge und Bücher einnimmt.

Die Langstreckenwanderin Christine Thürmer steht auf einer Wiese und blickt in die Kamera. (Peter von Felbert)Christine Thürmer: "Die wichtigste Ressource ist nicht Geld, sondern Lebenszeit." (Peter von Felbert)

Beim Wandern helfen ihr ihre Erfahrungen als Managerin, schließlich ist auch bei ihren Touren gute Planung unerlässlich. "Ich wandere nicht nur mit den Füßen zu neuen Zielen, sondern auch mit den Gedanken."

Die Kunst des Packens

Nicht zuletzt beim "konsequenten Optimieren" ihres Gepäcks kommt Christine Thürmers Vorwissen zum Tragen. Rucksack, Zelt, Kleidung und andere Notwendigkeiten wiegen zusammen nur etwa fünf Kilogramm – weil sie aus den Kleidern die Etiketten heraustrennt, die Zahnbürste absägt und die Unterhose im Sommer auch mal zuhause lässt. Zusammen mit Wasser und Proviant komme sie eigentlich nie über zehn Kilo, berichtet sie.

Das Gewicht ihres Smartphones nimmt Christine Thürmer mittlerweile gern in Kauf, und das nicht nur wegen des praktischen digitalen Kartenmaterials: Rund vier bis fünf Stunden Hörbücher und Podcasts hört sie täglich.

"Ob man einen Trail schafft, entscheidet sich zu 80 Prozent im Kopf und nur zu 20 Prozent in den Füßen", sagt die Langstreckenwanderin. 30 Kilometer am Tag gehen – das sei eine Frage der Zeit und des Willens, nicht so sehr der sportlichen Herausforderung. "Das Problem ist nicht die Strecke. Das Problem ist, das jeden Morgen wieder zu tun." Und dazu ist Thürmer fest entschlossen. Der älteste Langstreckenwanderer, von dem sie gehört hat, ist noch mit 82 Jahren unterwegs: "Ich habe noch 30 gute Wanderjahre vor mir."

(era)

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