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Lesart / Archiv | Beitrag vom 13.07.2016

Christine Finke: "Allein, alleiner, alleinerziehend"Alleinerziehende ernten Vorwürfe statt Hilfe

Christine Finke im Gespräch mit Joachim Scholl

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Eine Mutter sitzt mit ihren zwei Kindern auf einer Bank und hält ein Buch in den Händen. (Deutschlandradio / Sabine Demmer)
In Deutschland gibt es 1,6 Millionen alleinerziehende Mütter. (Deutschlandradio / Sabine Demmer)

Alleinerziehende Mütter haben es bei uns schwer: finanziell, vor allem aber gesellschaftlich. Die Bloggerin Christine Finke hat als Betroffene ein Buch darüber geschrieben. Ihr hartes Fazit: Alleinerziehende würden ignoriert und stigmatisiert wie Krebskranke, statt Hilfe und Trost gebe es Vorwürfe.

Alleinerziehende würden von der Gesellschaft als Gescheiterte und als Abschaum stigmatisiert, sagt Christine Finke, dreifache Mutter und seit sieben Jahren alleinerziehend. Das ist starker Tobak, doch es kommt noch härter, wenn die Autorin von "Allein, alleiner, alleinerziehend: Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt" über ihre Situation und die von 1,6 Millionen anderen Frauen spricht.

"Es wird weggeguckt. Das ist kein schönes Thema. Das ist ein bisschen wie bei Leuten, die Krebs haben: Damit möchte man sich eigentlich nicht beschäftigen. Entweder sind die Leute aus dieser Phase heraus und sagen: Nee, damit will ich nichts mehr zu tun haben. Oder sie denken, ihre eigene Ehe wird schon gut gehen. Und was dann mit den anderen passiert, ist im Prinzip wie ein Urteil."

Viel Resonanz von anderen Müttern

Sie empfinde es oft als hart, dass kaum eine freie Minute für sie selbst übrig bleibe, weil alle Zeit und Aufmerksamkeit von den Kindern beansprucht werde, sagt die Autorin. Doch statt Trost und Hilfe habe sie viele Vorwürfe von anderen bekommen.

Seit einiger Zeit betreibt Finke den Alleinerziehenden-Blog "mama-arbeitet". Je desillusionierter und kritischer ihre Beiträge dort gewesen seien, desto mehr Reaktionen habe sie darauf von anderen Müttern bekommen, die Ähnliches über Stress, finanzielle Not und Frustration im Alltag berichtet hätten. Daraus entstand die Idee zu ihrem Buch. 

Sie thematisiert darin auch die ausufernde Bürokratie, in der sich nur sehr Geübte zurecht finden könnten – etwa, wenn es darum gehe, seitenlange Formulare für die Beantragung von Wohngeld auszufüllen. Man habe manchmal den Eindruck, dass es Alleinerziehenden besonders schwer gemacht werde, das zu beantragen, was ihnen und vor allem den Kindern doch eigentlich zustehe.

Christine Finke: Allein, alleiner, alleinerziehend: Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt
Bastei Lübbe, Köln 2016
239 Seiten, 14,99 Euro

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