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Tacheles | Beitrag vom 12.06.2021

Christie's-Chef über Kunstmarkt und CoronaDa geht noch was

Dirk Boll im Gespräch mit Thorsten Jantschek

Das Logo des britischen Auktionshauses Christie's an einer Tür des Gebäudes in der King Street in London. (picture alliance / dpa / Yui Mok)
Global Player des Kunstmarktes: das Auktionshaus Christie's. (picture alliance / dpa / Yui Mok)

Corona hat den Kunstmarkt voll erwischt. Doch Dirk Boll, Chef des Auktionshauses Christie’s, sieht auch die Chance zur Selbstreinigung des überhitzten Markts: Digitalisierung und Regionalisierung werden den globalen Kunsthandel prägen.

40 Prozent Umsatzrückgang im Jahr 2020. Das hat der Verband der deutschen Galerien in einer Studie ermittelt. Ein kräftiger Einschlag in einem Wirtschaftssystem, von dem in Deutschland rund 14.000 Künstlerinnen und Künstler leben, ganz abgesehen von all den Rahmenbauern, Transportunternehmen, den Messebauern und Eventagenturen, die vom schillernden Kunstmarkt ökonomisch abhängig sind.

Auch 2021 standen im Lockdown alle Räder still: Galerien und Museen geschlossen, Auktionen online, Messen abgesagt. Für Dirk Boll, Chef des Global Players Christie’s, ist das eine existenzielle Angelegenheit für alle Unternehmen im Kunstmarkt und allen voran für die Künstlerinnen und Künstler.

Chance zur Selbstkorrektur

Andererseits bietet die Krise für Boll auch die Chance zur Selbstkorrektur eines Marktes, der sich zu einem globalen Reisezirkus von einer Messe zur nächsten und einer Biennale zur nächsten entwickelt hat. Immer mehr Marktteilnehmer lernen, digital zu handeln, wenn es um das globale Kunstgeschehen geht, und um persönlich zu erleben, was vor der eigenen Haustür an Kunst, Kunstproduktion und Kunsthandel stattfindet.

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Auch aus der Perspektive des weltweit führenden und agierenden Auktionshauses Christie’s, dessen Spielfeld der Sekundärmarkt mit seinen millionenschweren Deals zwischen Sammlern ist, erweist sich die Graswurzelarbeit der Galerien als besonders wichtig. Denn auch die Sekundärmärkte brauchen ständig Nachschub. Nur wer heute im Primärmarkt der Galerieszene bekannt wird, hat in zehn Jahren die Chance, diese Werke in den Bietgefechten der Auktionssäle zu erleben.

Die Sendung wurde erstmals am 9. Januar 2021 ausgestrahlt.


Das Gespräch im Wortlaut:

Deutschlandfunk Kultur: Covid hat die Wirtschaft im Ganzen getroffen. Ist denn der Kunstmarkt besonders betroffen?

Dirk Boll: Ich glaube, der große Unterschied zu früheren Krisen ist in der Tat, dass die Krise ganzheitlicher ist. Das bedeutet, die Angebotsseite wie die Nachfrageseite sind erfasst. Und ganz konkret, wenn wir das vergleichen mit der letzten Krise, der globalen Finanzkrise 2008, 2009, haben wir den Unterschied, dass die großen Vermögen bislang noch nicht erfasst worden sind von dieser Krise. Ich will damit nicht andeuten, dass ich vermute, dass sie es werden, aber das ist der große Unterschied. 2009 gab es eine extreme Unsicherheit in allen Bereichen, wie sich die Vermögen entwickelt hatten und wie viel Vermögensbestandteile diese Krise weggenommen hatte. Das ist jetzt nicht der Fall.

Hier haben wir eine Krise, die mehr eine Strukturkrise ist für die Kunstmärkte und die ein katalytisches Moment darstellt, um Strukturentwicklungen auch in diese Märkte zu bringen, und jetzt im frühen Jahr 2021, kann man sagen, gebracht haben.

Deutschlandfunk Kultur: Darüber werden wir auf jeden Fall noch sprechen, welches diese – Sie sagen ja – Selbstreinigungsprozesse sind, die Sie eben angesprochen haben. Zunächst einmal muss man sagen, dass Covid etwas in den Kulturbetrieb bringt, was da eigentlich nicht hingehört, nämlich Distanz. Gerade bei der Kunst, also der Ansehung von Kunst im Original in Museen, aber eben auch in Galerien, hat das ja im Moment Bedeutung und damit auch eine Bedeutung für den Kunstmarkt.

Der Kunstmarkt in der Krise

Boll: Das ist ganz sicher so. Hier muss man allerdings unterscheiden zwischen Kunstrezeption und Kunstdistribution. Für die Rezeption ist es natürlich furchtbar. Die  Künstlerinnen und Künstler, die jetzt ihr Publikum nicht mehr treffen können – in der darstellenden Kunst, in der Musik, das ist furchtbar und das ist enttäuschend und das ist karrieregefährdend.

Es ist auch schrecklich für die jungen bildenden Kunstschaffenden, die sich noch nicht etabliert haben, weil: Wo findet man interessante neue Positionen? Indem man sein Haus verlässt, indem man Galerieausstellungen anschaut, Kunsthallen besucht, Akademieausstellungen, Akademieklassen besucht. Das ist alles im Moment nicht möglich.

Das ist aber nur die eine Seite dieser Kunstmedaille. Die andere ist eben die Distribution. Hier haben wir im letzten Jahr gesehen, dass die Kunstmärkte, die kommerziellen Kunstmärkte sich doch sehr stark an die Distributionssysteme der Luxusgüter, der Bücher, der Musik orientiert haben.

Deutschlandfunk Kultur: Und da geht’s aber auch bergab, um 30 Prozent bei den Luxusgütern, habe ich gelesen.

Boll: Diese Umsatzentwicklungen reflektieren natürlich allgemeine ökonomische Entwicklungen. Im Kulturbereich sehen wir allerdings trotzdem die Entwicklung hin zu einer Distributionsform, die an die Distributionsformen für industriell gefertigte Luxusgüter angenähert ist.

Auch dort gab es eine Entwicklung, die ist nun da 15, 20 Jahre her, dass man ursprünglich dachte, der Mensch möchte unbedingt das Objekt in die Hand nehmen, wenn er es kauft, sei es eine teure Handtasche, sei es eine Langspielplatte oder später eine CD. De facto hat es sich gezeigt, dass der Konsument da sehr viel weniger Interesse daran hat und vor allen Dingen, je jünger er ist oder sie ist, desto weniger Interesse daran besteht.

Es gibt auch Krisengewinner

Deutschlandfunk Kultur: Schauen wir doch noch mal ganz genau auf die Krisen im Einzelnen. Denn es ist sehr merkwürdig. Also, es gab 1990 die große Asienkrise mit dem Einbruch der Finanzmärkte. Es gab 2001 einen Einbruch mit der Internetblase, die damals geplatzt ist. Die neuen Techkonzerne sind damals eingebrochen. 2008 haben Sie eben schon angesprochen, die Wirtschafts- und Finanzkrise. Immer hat es auch den Kunstmarkt total kalt erwischt. Er ist dann eingebrochen, kam zum Teil zum Erliegen. Aber immer war auch die Kunst der große Profiteur von globalisiertem Handel bis hin dazu – kann man sagen –, dass die Bildende Kunst eine Phase hatte, in der sie die Leitwährung der Gegenwartskultur geworden ist. Ist das jetzt auch so?

Boll: Ich würde das vielleicht noch ein bisschen anders formulieren. Wir sind uns wohl einig, dass jede Krise Gewinner und Verlierer hat und dass die Welt nach einer Krise durch die Gewinner definiert wird. Das meint allgemeine Wirtschaftsentwicklungen. Das meint aber auch Kunstrezeption, sprich, der Geschmack auf den Märkten. Das ist etwas, was wir im Rückblick sehen können. Bei den anderen Krisen, die Sie eben aufgezählt haben, gab es Gewinner, deren Geschmack hinterher eine gewisse Dominanz auf den Märkten bekam mit den Folgen von Wertentwicklung in einzelnen Sammelbereichen. Das ist etwas, was sich in dieser Krise nun auch wieder andeutet.

Deutschlandfunk Kultur: Was heißt denn das genau, dass es die Gewinner gab? Wenn ich mir die Entwicklung im Kunstmarkt anschaue, habe ich eine fast lineare Entwicklung, dass sich rund um das Jahr 2000 so etwas wie Mega-Galerien, wie Gagosian, gebildet haben in den USA, die mittlerweile so viel Umsatz haben wie der ganze deutsche Kunstmarkt. Zur gleichen Zeit haben sich aber auch Mega-Sammler gebildet, Typ François Pinault, der in Venedig und wo auch immer in der Welt seine Kunst in eigenen Museen präsentiert.

Und es haben sich aber auch Auktionshäuser wie Ihres, Christie‘s, herausgebildet als absoluter Mega-Player in diesem Kunstsystem. Was sich nicht so gut entwickelt hat, sind die Galerien im mittleren Bereich.

Boll: Ja, das ist richtig. Ich denke, die lineare Entwicklung, die Sie beschreiben, das ist eine Strukturentwicklung. Da haben wir in unserer Industrie eine Internationalisierung im ausgehenden 20. Jahrhundert und eine Globalisierung im frühen 21. Jahrhundert gesehen. Und hier haben ganz klar die großen Unternehmen profitiert, die zum einen die Tiefe in Personal und in den Budgets hatten, um zu expandieren in die sogenannten "Emerging Regions" und auf der anderen Seite auch eine Marke hatten, die stark genug war, um dort neue Kundschaft zu finden.

So sind die Auktionshäuser und die großen Galerien in den 90ern, aber vor allem in den frühen 2000er-Jahren nach Asien gegangen, in den Mittleren Osten gegangen, einige nach Südamerika gegangen. Der Kunstmarkt ist in dieser Zeit globalisiert worden, wie andere Industrien das schon vorher gesehen haben.

Investition oder Spekulation?

Deutschlandfunk Kultur: Dann kommt so eine Krise. Schauen wir doch noch mal auf die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/09. Da sind die großen Auktionen, also auch Ihr Business ordentlich betroffen gewesen. Also, von den ganzen vielen Losen, die da möglich waren, da gabs ja Saalauktionen, sind oft sechzig Prozent der angebotenen Werke nicht verkauft worden. Und zur gleichen Zeit gab es auch einen Preisverfall im Bereich der Gegenwartskunst, die vorher sehr extrem gehypt worden ist. Was passiert in so einer Krise eigentlich genau ökonomisch?

Boll: Da gibt es zwei Aspekte. Der eine Aspekt ist das tatsächliche finanzielle Vermögen der Nachfrager. Sprich: Haben die Sammlerinnen und Sammler überhaupt noch das Geld, um etwas zu kaufen? Und bezüglich dieses Geldes gab es eine große Unsicherheit. Und die Finanzkrise hat ja auch Vermögen vernichtet. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist die Frage: Wenn man das Geld hat, traut man sich, in einer Krise viel Geld auszugeben für etwas, was dann eben doch als Luxus angesehen werden kann? Und wenn man das tut, was sind so die eigenen Rahmenbedingungen, mit denen man diese Ausgabe absichert? Da kann man jetzt sagen: Als Sammlerin oder Sammler kauft man nur, was einem gefällt. Man kann aber auch sagen: Ich mache Hintergrundrecherche. Ich versuche zu verstehen, wie sich künstlerische Oeuvre, die mich interessieren, entwickelt haben. Und deswegen kaufe ich etwas, das Bestand hat, und zwar in einer künstlerischen wie auch in einer finanziellen Ebene.

Deutschlandfunk Kultur: Was heißt das genauer? Haben sich in der Zeit noch viel stärker noch als vorher – sagen wir – "Investmentgedanken" breitgemacht oder da waren Spekulationsgedanken? Wenn ich in eine Galerie gehe, was ich auch wirklich ab und zu tue und auch ab und zu mal ein Bild kaufe, dann wird immer gesagt: "Na ja, man soll nicht darauf achten, ob das eine Wertsteigerung oder Wertentwicklung haben könnte." Das könnte man in dem Preissegment, in dem ich unterwegs bin, sowieso nie absehen. Man soll nur das kaufen, was man auch wirklich haben möchte oder was einem gefällt. Das kommt mir aber wie eine große Verschleierung der eigentlichen Entwicklung im Kunstmarkt, in dem Segment, in dem Sie unterwegs sind, vor, wo es tatsächlich um Investment geht und auch um Spekulationsgewinne.

Boll: Ich denke, Spekulationen haben Sie vor allen Dingen in einem wachsenden Markt. Das ist zum Beispiel etwas, was wir gesehen haben vor 2008. Das ist ein Markt, der in großen Schüben gewachsen ist in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts und mit einer besonderen Fokussierung auf sehr junge Kunst.

Das ist natürlich auch Teil des Sammelns. Jeder möchte den Künstler-Star von morgen entdecken, und zwar nicht nur aus Investmentgründen, sondern auch aus intellektuellen Gründen. Man möchte das Auge haben. Man möchte die Kunst von morgen verstehen.

Das bedeutet natürlich auch, dass ein solches Investment, wenn man es denn so sieht, riskant ist. Und das ist durchaus vergleichbar mit dem Aktienmarkt. Man muss sehr viele Aktien kleiner Startups kaufen. Und einige von diesen Unternehmen werden dann erfolgreich. Und man hat einen überproportional hohen Gewinn. Auf der anderen Seite hat man auch Aktien, die hinterher nichts mehr wert sind, weil die Unternehmen sich nicht durchsetzen konnten. Das ist in der Künstlerschaft vergleichbar.

Nach einer Krise dann bedeutet das, dass das Ausgabeverhalten konservativer wird. Und das bedeutet dann bedauerlicherweise bei der Kunst auch, dass der Geschmack konservativer wird. Das könnten Sie sehen, wenn Sie zum Beispiel Messekataloge oder Auktionskataloge des Jahres 2007 mit denen des Jahres 2010 vergleichen.

Sammeln – nur was für Milliardäre?

Deutschlandfunk Kultur: Was sieht man da genau? Das heißt also, klassische Moderne, haben Sie in Ihrem Buch geschrieben, ist letztlich dann wieder aufgetaucht als besonderes Hochpreissegmentmotiv, um das in die eigenen Sammlungen zu kriegen und auch die eigenen Sammlungen hochwertiger zu machen, also museumstauglicher letztendlich zu machen. Ist das eine komplett verselbstständigte Veranstaltung mittlerweile der Superreichen?

Boll: Nein. Die Kunstwelt ist ein Organismus. Und dieser Organismus lebt davon, dass es immer wieder neue künstlerische Ideen gibt. Dazu muss es Nachschub an neuen Kunstschaffenden geben. Und gleichzeitig muss es Nachschub an neuen Rezipienten geben. Das heißt, das ist ein Markt, der sich selbst erneuert und der sich auch selbst sozusagen kommuniziert. Wenn Sie sich für Kunst interessieren und wenn Sie mit Kunst umgehen, das bedeutet ja nicht nur, dass man sie kauft. Das bedeutet, man geht in Galerien, in Museen. Man liest über Kunst. Man spricht mit anderen Menschen über Kunst. Das hat ja eine Ausstrahlung in Ihr Lebensumfeld. Und so setzen sich diese Märkte und diese ja Personengruppen sozusagen fort durch die Generationen.

Ich würde denken, dass Kunstsammeln, und die Statistiken über Durchschnittstransaktionen in Europa untermauern das auch, Kunstsammeln ist nicht notwendigerweise eine Milliardärsveranstaltung. Es ist nur so, dass die Wahrnehmung in diesem Bereich besonders ausgeprägt ist.

Denn wenn der Zahnarzt um die Ecke sich eine Grafik kauft für 2.000 Euro, dann landet das in aller Regel nicht in den Medien. Aber wenn ein Großsammler für dreißig Millionen etwas anschafft und hinterher öffentlich zeigt, dann wird es doch vermeldet.

Deutschlandfunk Kultur: Es gibt ja ein Paradox, wenn wir jetzt auf die Gegenwartssituation schauen, also auf den Kunstmarkt in Zeiten der Pandemie: Es gibt eine Umfrage der Art Basel, also der wichtigsten und größten Kunstmesse, die natürlich abgesagt worden ist. Aber da gibt’s den Covid-Report. Der sagt, dass 92 Prozent der Sammlerinnen und Sammler im vergangenen Jahr während der Pandemie Kunst gekauft haben. Und trotzdem, andere Studie, der Verband der deutschen Galerien spricht von massiven Einbußen um vierzig Prozent des Umsatzes flächendeckend, auch bei den kleinen, mittleren und großen Galerien, und rechnet vielleicht sogar mit einer Schließungsrate von Galerien um die dreißig Prozent.

Wie erklärt sich diese Diskrepanz? Fast alle Sammler kaufen in der Zeit und trotzdem geht’s den Galerien furchtbar schlecht.

Boll: Das sind die Wunder der Statistik, natürlich. Also, diese Art-Basel-Reports, das sind unglaublich aufwendig und solide gemachte Berichte, die wir alle sehr bewundern. Da steckt sehr viel Arbeit drin. Gleichwohl darf man nicht verkennen, dass die Öffentlichkeit, deren Meinung und deren Ansichten und deren Angaben dort einfließen, sehr limitiert ist, und zwar sowohl quantitativ als auch qualitativ.

Der befragte Personenkreis ist ein kleiner. Und der befragte Personenkreis ist natürlich ein gefilterter. Weil, das sind Menschen, die bei Galerien kaufen oder kaufen würden, die auf der Art Basel ausstellen. Und wie Sie ganz richtig sagen, "die führende Kunstmesse der Welt". Das ist so, als machten Sie eine Umfrage unter Rolls-Royce-Fahrern über das Autofahren. Das Ergebnis wird ein anderes sein, als wenn Sie mit allen Autofahrern sprechen.

So sind diese Unterschiede zu erklären. Die Galerien sprechen da als Struktur, als ökonomisches System und können natürlich ganz klar ihre eigenen Umsatzzahlen vergleichen, und zwar egal, auf welchem Level von Wert sie operieren, wissen sie, zehn Prozent weniger Umsatz sind zehn Prozent weniger Umsatz, egal, ob sie mit Picasso handeln oder mit ganz jungen Künstlern.

Kunsthandel ist Kulturarbeit

Deutschlandfunk Kultur: Ja, bei den Auktionen, wenn es nicht Spezialauktionen sind, fließen die Auktionsgewinne beziehungsweise die Erlöse von Sammler zu Sammler. Es ist ja eigentlich nur ein Eigentumswechsel, während bei der Galeriearbeit es den Künstlern und Künstlerinnen zugutekommt. Zumindest fünfzig Prozent in aller Regel der Galerie fließen an die Künstler und stärken in gewisser Weise wirklich das Kunstsystem. Wenn da jetzt vierzig Prozent Einbußen sind, dann hat man ein ernsthaftes Problem, was den Kultursektor betrifft.

Boll: Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Und das ist nicht nur die intellektuelle Kulturarbeit, die da bedroht ist, sondern es ist natürlich auch das Marktsystem in seiner Fortsetzung. Weil der Sekundärmarkt nur existieren kann, wenn es einen funktionierenden Primärmarkt gibt. Sonst gibt es schlichtweg in zehn Jahren nur ein eingeschränktes Angebot.

Und man darf nicht vergessen: Märkte müssen wachsen. Märkte brauchen neue Nachfrage. Und interessante Kunst ist natürlich das, was die nächste Generation von Nachfragern, von Sammelnden inspiriert.

Deutschlandfunk Kultur: Nun rufen dann immer wieder Leute auch nach dem Staat und nach staatlichen Unterstützungsleistungen. Völlig zu Recht finde ich, also, dass wir Solo-Selbstständige unterstützen, die jetzt keine Einnahmen haben, weil sie keine Ausstellungen haben, also, Künstlerinnen und Künstler bis hin vielleicht zu Rahmenbauern und Ausstellungsbauern und so weiter. Da hängt eine ganze Industrie dran, jetzt, wenn man nur den Kunstbereich anschaut.

Aber zugleich könnte man ja auch sagen: "Eigentlich könnte gerade dieser Bereich des Kunstmarkts, der ja extrem gehypt ist, doch auch funktionieren, wenn die Leute schlicht und einfach in ihre Galerien gehen und kaufen. Mittlerweile ist der Ankaufsetat der Bundeskunstsammlung von 500.000 Euro auf drei Millionen Euro erhöht worden, was in gewisser Weise auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann. Ich meine, bei drei Millionen Bundesankaufsetat, da lachen Sie sich doch tot. Da ist jedes Werk in Ihrer Abendauktion von Gerhard Richter teurer als drei Millionen Euro.

Staatliche Kunstmarkt-Unterstützung?

Boll: Da muss man natürlich auch ganz klar sagen: Die Aufgabe einer solchen staatlichen Sammlung sollte ja nicht sein, ein künstlerisches Oeuvre auf dem Höhepunkt oder in einer Endphase des künstlerischen Schaffens zu erwerben, sondern das soll künstlerisches Schaffen im Staat, in der Gesellschaft reflektieren. Deswegen hat man da ja auch ein Expertengremium zusammengebracht, was sich sehr gut auskennt mit junger Kunst, mit jungen Positionen, die sich mit der gesellschaftlichen Zukunft befassen. Und diese Werke sind natürlich sehr viel günstiger.

Drei Millionen ist ein interessantes Budget, mit dem man sehr gut arbeiten kann. Ich finde das sehr bewundernswert, dass der Staat in diesen Zeiten sich zu diesem Schritt entschlossen hat.

Deutschlandfunk Kultur: Was muss denn durch diese Erfahrung in der Pandemie im Kunstmarkt passieren? Ich meine, jetzt geht der Kunsthandel verstärkt und auch Sie mit Ihrem Auktionshaus ins Internet, also in Online-Auktionen. Zugleich hat sich das noch nicht wirklich durchgesetzt. Die Galerien machen Viewing-Rooms. Die Auktionshäuser setzen stark auf Private-Sales. Alle versuchen, alternative Geschäftsmodelle zu entwickeln. Sogar die Messen bieten virtuelle Kojen an. Zugleich merkt man aber auch eine gewisse Zurückhaltung beim Publikum.

Boll: Ich denke, wir haben eine negative Seite und eine positive Seite. Die ganz klar negative Seite ist, dass die Digitalisierung dieser Märkte es für jüngere Positionen schwieriger macht, sich durchzusetzen, überhaupt entdeckt zu werden. Denn, wen man nicht kennt, nach wen man nicht sucht, der oder die hat es schwerer im Internet und leichter in Galerieausstellungen oder auf Messen, was im Moment eben nicht passieren kann. Das ist die negative Seite, die ich sehe.

Die positive Seite, die ich sehe, ist, dass viele Sammlerinnen und Sammler im Moment nicht reisen können, auch eigentlich diese Reduzierung ihres Stundenplans, dem sie bislang gefolgt sind zumindest im letzten Jahr, genossen haben und verstärkt sich dafür interessieren, was vor ihrer eigenen Haustür passiert. Und das hilft natürlich dem lokalen Kunstgeschehen. Das hilft den lokalen Institutionen. Das hilft den lokalen Galerien und idealerweise auch den lokalen oder regionalen Kunstschaffenden. Es ist zu hoffen, dass diese Entwicklung, dass die Galerien ihre Sammler eigentlich gar nicht mehr in der eigenen Stadt treffen, sondern nur noch auf irgendwelchen Messen in exotischen Destinationen, dass sich das wieder ein bisschen zurückentwickelt und dass die Menschen wieder Galerieausstellungen anschauen, statt von Messe zu Biennale, zu Messe, zu Biennale zu jetten.

Lernen aus der Krise

Deutschlandfunk Kultur: Was würde es denn bedeuten? Wenn sich eine, sagen wir, "Re-Regionalisierung" ereignen würde, dann würde das ja auch Auswirkungen auf vielleicht die Kunstentwicklung haben, die ja – wenn man so ganz grob auf die Gegenwartskunst schaut – immer "homogener" wird. Also, da gibt es die ganz großen Stars und jeder hat seinen, was weiß ich, Serra oder seinen Pettibon irgendwo hängen, wenn auch in einer Edition oder seinen Jeff Koons. Ich will jetzt gar nicht die ganzen "Marken" aufzählen. Aber letztendlich ist das doch eine relativ homogene Veranstaltung geworden. Durch eine Re-Regionalisierung könnten wieder eigene Kunststile entstehen und regionale Ausprägungen bedeutender werden.

Boll: Das könnte in der Tat so sein. Man darf allerdings nicht vergessen, dass das Entstehen von Kunst ja nicht nur von der Nachfrage und der Struktur der Nachfrage definiert wird. Und wenn Sie schauen, was inspiriert junge Kunstschaffende heute, dann ist die globalisierte Welt natürlich nicht mehr wegzudenken. Eine künstlerische Position, die sich verschließt gegenüber dem, was außerhalb der eigenen Zelle oder Kapsel oder Region passiert, das ist, glaube ich, eher die Ausnahme.

Ich denke, dass eine gewisse globalisierte Ebene auf der Seite der Kunstproduktion bleiben wird. Aber natürlich ist es einfacher, sich zu etablieren als Künstlerin oder Künstler, wenn man zunächst eine regionale Sammlerschaft sich erobern kann. Und das wäre meine Hoffnung, dass das vielleicht eine Folge dieser Situation jetzt ist.

Deutschlandfunk Kultur: Was bedeutet es denn für Ihr Geschäft, also für Auktionen, die ja oft im Hochpreissegment angesiedelt sind, wenn es sich um Saalauktionen handelt, das heißt, wenn man normalerweise die Kunstwerke richtig vorbesichtigen kann und dann auch vielleicht anwesend sein kann oder wenigstens per Telefon zugeschaltet ist, wenn das jetzt alles nicht stattfindet wie so eine Saalauktion und nur online präsentiert wird, man auch gar nicht mehr die Sicherheit hat, das Ding wirklich in Augenschein genommen zu haben, bevor man es im "Wohnzimmer" hängen hat. Was bedeutet das denn für das Auktionsgeschäft?

Ich habe gelesen, dass im Jahr 2019 von den 64 Milliarden Dollar, die im Kunstmarkt umgesetzt worden sind, nur rund knapp sechs Milliarden im Onlinehandel umgesetzt worden sind. – Hat sich das jetzt verändert?

Auktionen im Netz

Boll: Ja, das hat sich natürlich massiv verändert, einfach aufgrund des Umstandes, dass wir vier Monate keine Live-Auktionen machen konnten. Seither hat sich die Situation verändert. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich entwickelt, weil die verschiedenen Staaten gesehen haben, dass man sehr sicher Saal-Auktionen auch durchführen kann, selbst wenn das Publikum da nicht zugelassen ist. Sprich: Sie haben eine Auktionatorin, einen Auktionator, der im sogenannten Rostrum, das ist diese kleine Kanzel des Auktionators, steht und die Auktion durchführt. Und die Teilnehmer sitzen allerdings nicht im Saal, sondern bieten per Internet. Die schauen über den Schirm und können mit dem Mausklick bieten, natürlich auch per Telefon oder E-Mail – wie gehabt.

Da ist eigentlich etwas, was sich herauskristallisiert hat für die höherwertigen Auktionsformate in der zweiten Jahreshälfte. Von daher sind wir zuversichtlich, dass die Zahlen dieses Jahres anders aussehen werden, also die Prozente von Online only und von Saalauktionen, die per Livestream übertragen werden, weil, das sind jetzt die beiden Organisationsmodelle. Es ist aber so, dass die Phase im Frühjahr, als man nur Online-only durchführen konnte, dazu geführt hat, dass immer mehr Menschen sich an diesen Auktionen beteiligt haben. Das allgemeine Preisniveau ist gestiegen durch diese Nachfrage. Und das wiederum hat das Vertrauen geschaffen für Verkäufer, dort Werke einzuliefern, die dann wiederum teurer als bisherige Angebote noch höhere Preise erzielt haben aufgrund der besonderen Situation.

Also, diese gläserne Decke zwischen der Online-Only-Auktion und der Saalauktion, die im Jahr 2019 noch bei unter 10.000 Dollar lag, liegt heute satt im fünfstelligen Dollarbereich. Das bedeutet, dass Menschen das Vertrauen haben, auch teurere Objekte Online-only und – wie Sie ganz richtig sagen – ohne Vorbesichtigung zu erwerben.

Digitaler Kunsthandel ist eine Vertrauensfrage

Deutschlandfunk Kultur: Hat das auch eine Konsequenz oder ist das auch eine Folge von einer veränderten Sammlergeneration oder Sammlerinnengeneration? Also, weil ja jüngere Leute und andere Auktionshäuser, um mal Ihren Konkurrenten Phillips zu nennen, setzen ja extrem auf sozusagen digitale Möglichkeiten um mit zu steigern über Apps und sonst was. Und das ist natürlich ein erlerntes Verhalten vor allen Dingen von jüngeren Kundinnen und Kunden.

Boll: Absolut. Wir gehen davon aus, dass die Struktur der Nachfrage unsere Struktur der kommerziellen Vermittlung massiv beeinflussen wird, nämlich dann, wenn die Kernnachfragegruppe diejenige Generation ist, die mit dem Internet so aufgewachsen ist wie ältere Generationen mit dem Telefon und völlig selbstverständlich mit diesen ganzen Instrumentarien spielen und so auch zum Kaufen von allerlei, und darunter eben auch Kunstwerken, einsetzen. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist auch die regionale Distribution von Nachfrage. Es ist natürlich so, dass der Kunstmarkt des 20. Jahrhunderts sich vor allen Dingen zentriert hat in den Metropolen der westlichen Welt, der Nato-Staaten. Und das ist eben heute nicht mehr so. Und wenn man sich vorstellt, man fängt an zu sammeln und man interessiert sich für eine internationale Position und ein Werk kommt zur Auktion, man lebt aber in einer chinesischen Großstadt oder man lebt in Indien oder man lebt auf dem afrikanischen Kontinent oder in Südamerika, dann kann man nicht so ohne Weiteres nach Hongkong fliegen, um dort eine Galerie-Ausstellung anzuschauen oder um dort eine Auktionsvorbesichtigung wahrzunehmen. Das bedeutet, dass diese neue globale Nachfragegruppe ohnehin sehr viel einfacher auch Objekte erwirbt, die sie nicht vorher gesehen hat.

Hier kommt dann wieder die Vertrauensfrage ins Spiel. Wie sehr vertraut man der Distributionsform, sprich, der Marke des Händlers, der Marke der Galerie oder eben der Marke des Auktionshauses? Wie viel Vertrauen hat man zu einem Zustandsbericht? Wie zuverlässig werden solche Sachen behandelt, auch im Sinne von rückabgewickelt, falls das Probleme gibt? Und dieses Vertrauen schlägt sich dann nieder in der Nachfrage bei den etablierten Kunstmarktunternehmen.

Nachhaltige Veränderung des Kunstmarktes

Deutschlandfunk Kultur: Herr Boll, wir sprechen die ganze Zeit so, als würde diese Pandemie nie enden. Nun sind die Impfungen bei Ihnen in Großbritannien sogar schon etwas früher losgegangen. Bei uns gehen sie jetzt so langsam richtig los. Mittlerweile rechnen wir damit, dass wir Mitte des Jahres weitgehend mit Impfen durch sind.

Wir reden aber so, als würde diese Pandemie nie enden. Glauben Sie denn, dass die Pandemie tatsächlich den Kunstmarkt und das Kunstsystem verändert? In Ihrem Buch habe ich zum Beispiel gelesen, dass Sie glauben, dass der Kunstmarkt mittlerweile eine gesellschaftliche Funktion hat. Und ich dachte immer, es sei eine wirtschaftliche vor allen Dingen, während die Museen die kulturelle Funktion, eine gesellschaftliche Funktion haben.

Boll: Nein. Da würde ich aufs Strengste widersprechen, und zwar völlig unabhängig von Corona-Krise. Wenn wir sehen, dass die Durchschnittswerte für Kunstkäufe in den versammelten EU-Staaten bei weit unter 10.000 Euro liegen, nämlich je nach Land zwischen 2.000 und 4.000 Euro im Durchschnitt, dann kann man sehen, dass die Märkte – und in dem Fall sind das natürlich vor allen Dingen die Primärmärkte für Kunst – einen großen Beitrag leisten zur Popularisierung von Künsten, von Kunstwerken, von künstlerischem Schaffen. Und das ist das Galeriesystem, was diese außerordentlich wichtige Funktion hat.

Dass man auf der einen Seite natürlich das Objekt kommerziell vermittelt, nämlich das Kunstwerk verkauft, Ware gegen Geld, auf der anderen Seite aber eben das künstlerische Oeuvre des eigenen Programms auch inhaltlich vermittelt. Und das ist eine außerordentlich wichtige gesellschaftliche Funktion. Denn es braucht ja eine Zeit, bis künstlerisches Schaffen so ausgereift ist, dass die Museen diese Werke in ihre Sammlungen übernehmen.

Also, wenn man jetzt sagen würde, die Galerie, die Gesellschaft verlässt sich ausschließlich auf die Museen in der Wahrnehmung dieser Aufgabe, dann würde sich dieser ganze Prozess massiv verzögern.

Deutschlandfunk Kultur: So. Und was bleibt jetzt von Corona in dem Markt hängen sozusagen? Wir haben ja schon über Re-Regionalisierung und Digitalisierung gesprochen. Und wenn jetzt der berühmte Herden-Immunitätsfaktor greift und der 1. September gekommen ist und die Kunstmessen wieder aufmachen, die Galerien wieder fröhliche Partys feiern, dann ist das alles wieder vorbei?

Kunst und Klima

Boll: Ja und nein. Ich glaube, diese berühmte fear of missing out, die Angst, etwas zu versäumen, wird die Menschen wieder auf die Partys treiben. Das ist ja auch gut und schön und macht ja auch Spaß, manchmal zumindest. Es wird hoffentlich so sein, dass einiges bleibt. Eigentlich eher mit den medizinischen und ökonomischen Risiken dieser Krise ging ja auch eine neue Betrachtung von anderen Rahmenbedingungen aus. Und das reicht von Anti-Rassismus, Gleichberechtigung bis hin zu Nachhaltigkeit. Also, es ist zu hoffen, dass besonders die jüngere Nachfragegruppe darauf ein Auge behält. Die Krise hat das jetzt herausgeschält. Und die industriellen Strukturen arbeiten daran, die Situation zu verbessern.

Ich denke, dass Formate, wo alles irgendwo hingebracht werden muss, also, jedes Kunstwerk, jede Flasche Weißwein und jede Sammlerin und jeder Sammler, weil einfach vor Ort nichts ist, die werden es künftig schwieriger haben. Da wird man genauer auf den Carbon-Food-Print, den ökologischen Fußabdruck schauen.

Ich denke, diese Krise hat eine Verhaltensänderung gebracht. Auch wenn einiges in dieser Verhaltensänderung wieder zurückschwingen wird, wird da ein Erfolg bleiben, nämlich, dass die Menschen bewusster damit umgehen, was sie tun, wohin sie reisen, wie sehr sie Sachen verschicken.

Das trifft ja für die Ausstellungsindustrie genauso zu. Die Blockbuster-Ausstellungen verursachen ja auch viel CO2. Und gleichzeitig sind Menschen, glaube ich, jetzt besser daran gewöhnt, digital zu agieren. Das meint dann vor allen Dingen eine ältere Generation, was ja eigentlich die Kernnachfragegruppe der Kunstmärkte ist.

Dirk Boll:"Was ist diesmal anders? Wirtschaftskrisen und die neuen Kunstmärkte"
Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 2020
256 Seiten, 18 Euro

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