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Tonart | Beitrag vom 29.10.2018

Christian Kjellvanders neues Album "Wild Hxmans"Musik, die die Zeit anhält

Von Andreas Dewald

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Christian Kjellvander steht bis zur Hüfte im Wasser. (schvarcz Agentur)
"Ich verliere die Hoffnung, wenn ich für lange Zeit in der Stadt bin", sagt der Singer-Songwriter Christian Kjellvander. (schvarcz Agentur)

Der schwedische Singer-Songwriter Christian Kjellvander hat mit Einflüssen aus Americana, Alternative-Country sowie kammermusikalischen und jazzigen Elementen gearbeitet – und sich sich mit den brennenden Themen der Gegenwart beschäftigt.

Im Videoclip zu seinem Song "Faux Guernica" braust Christian Kjellvander in einem schönen alten Porsche durch die nächtlichen schwedischen Wälder. Zu getragenen, geheimnisvollen Klängen, fast wie in einem David-Lynch-Film oder einem dieser melancholischen Skandinavien-Krimis. Der schnelle Sportwagen gehöre ihm selbst, sagt der Singer-Songwriter aus Schweden. Er sei, was Autos angeht, gerade in seiner deutschen Periode.

Musikalisch allerdings geht Christian Kjellvander auf "Wild Hxmans" sehr langsam und bedächtig vor und lässt seiner Musik reichlich Raum zur Entfaltung. Kjellvander, der in den USA mit amerikanischer Pop-Kultur aufgewachsen ist, spielte mit der Band Loosegoats in den 90er-Jahren einen beherzten, aber doch epigonalen Alternative-Country. Bekannt wurde er jedoch als Solokünstler mit einem schwermütigen Americana-Sound, der ihm auf seinen jüngsten Alben immer subtiler, kammermusikalischer, entrückter, beinahe schon sakral geraten ist. Musik, die sich auch gegen die beschleunigte Informationsflut des digitalen Zeitalters stemmt.

"Heilige Musik, also kontemplative, monotone Musik hat stets einen Platz in meinem Herzen gehabt. Von den Orgelkonzerten von Johann Sebastian Bach bis hin zu Mönchsgesängen. Alles, was die Zeit anhält. Musik, die die Zeit anhält, ist mir sehr wichtig."

"Ich habe schon immer das Gefühl gehabt: Die Erde ist mein Gott. Schon als Kind im Nordwesten der USA. Das ist Indianer-Gebiet, dort leben viele Amerikaner indianischer Abstammung. So bin auch ich mit dem Glauben und dem Gefühl aufgewachsen, dass die Erde uns Leben spendet. Ich muss möglichst jeden Tag unberührte Natur sehen, um Hoffnung zu empfinden. Ich verliere die Hoffnung, wenn ich für lange Zeit in der Stadt bin."

Christian Kjellvander lebt mit seiner Familie in Schweden am Rande eines kleinen Dorfes etwa zwei Autostunden von Stockholm entfernt. In einer alten Kirche, ganz aus Holz. Er hat sie zum Wohnen und Musikmachen umgebaut und dort auch die Stücke seines neuen Albums eingespielt. In der Musik, den Songtexten und dem Artwork von Christian Kjellvander kommt ein besonders inniges Verhältnis zur Natur zum Ausdruck. Der Titel "Wild Hxmans" ist jedoch eher als Kommentar zum Zustand der conditio humana in diesen Tagen zu verstehen.

"Wir kommen offenbar zurück ins 17. Jahrhundert. Ins Zeitalter der Kolonisation und der Unbewusstheit. Als wir noch nicht fähig waren, zu verstehen, dass jeder ein Mensch ist. Manche scheinen sich heute für zivilisierter zu halten als andere. Sie ziehen die Möglichkeit nicht in Betracht, dass es verschiedene Arten von Zivilisation gibt. Darum geht es in den Songs des Albums. Wir sind gewissermaßen alle wild und gleich gestellt in der Wildnis."

"Wir hatten einer Familie aus Syrien geholfen, wieder mit ihren Kindern zusammenzukommen. Gemeinsam feierten wir eine Party, weil sie alle wieder zu Hause in Schweden waren. Sie hatten ihren Garten wunderbar hergerichtet, den Rasen gemäht, Blumen gepflanzt, die Hecke geschnitten. Diese fünf Personen in diesem Garten waren einfach ein schöner Anblick. Aber mit welchen Blicken die Nachbarn sich das ansahen! Diese Syrer sind doch nicht seltsam! Es sind ganz normale Menschen! Ich finde es erschütternd, dass wir so abweisend sind und nicht neugieriger auf andere Kulturen."

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