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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.11.2020

Christian Drostens SchillerredeBrauchen wir einen "pandemischen Imperativ"?

Von Christian Gampert

Porträt von Christian Drosten (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)
Er selber stehe in der Verantwortung, Wissenschaft transparent zu machen und mit der Öffentlichkeit in einen Dialog zu treten, sagte Christian Drosten in seiner Schillerrede. (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)

Wie bringt man Menschen dazu, sich in einer Pandemie freiwillig einzuschränken? Reicht ein Appell an die Vernunft oder muss es schon ein strenger Hinweis auf Pflicht und Verantwortung sein? Eines der Themen der Schillerrede von Christian Drosten.

Christian Drosten gab sich bescheiden: Er wolle sich nicht als Schiller-Interpret aufspielen und den Dichter auch nicht für sich selbst vereinnahmen. Er sehe Schiller als Freiheitskämpfer, als "Weltbürger, der keinem Fürsten dient". Und er selber sei dankbar, unter liberaleren Verhältnissen als der Dichter "frei und unabhängig" forschen zu können.

Ausgehend vom vielfach drangsalierten Schiller hielt Drosten dann ein Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaft und für die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen, die vor allem in der Coronapandemie gefragt sei. Das mutet teilweise etwas allgemein an. Wenn man genauer hinhört, grenzt Drosten sich vor allem von den Zumutungen der Politik ab, von der der Wissenschaftler sich nicht instrumentalisieren lassen dürfe.

Fasziniert von Viren und wissenschaftlich unabhängig

Schon bei der Wahl seines Lebensthemas sei er immer frei gewesen, sagte Drosten: Er fand "Viren schon immer faszinierend". Er arbeite nach universell gültigen wissenschaftlichen Regeln und sei "unabhängig von möglichen Erwartungen und Interessen Dritter".

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Die Abhängigkeit der Forschung von privaten und staatlichen Geldgebern ließ Drosten großzügig weg und verwies lieber auf die Freiheit, Forschungsergebnisse "ungehindert mit anderen teilen zu können". Er selber stehe in der Verantwortung, Wissenschaft transparent zu machen und mit der Öffentlichkeit in einen Dialog zu treten. Das sei mindestens so wichtig wie die Entwicklung neuer Impfstoffe.

Schiller versus Kant

Letztlich bestimmten wir alle durch unser Verhalten, "ob die Lage sich verschlimmert oder verbessert". Und Drosten brachte den Dramatiker Friedrich Schiller gegen den Philosophen Immanuel Kant in Stellung:

"Was aber bedeutet verantwortliches Handeln? Reicht es – frei nach Schiller – aus, die Menschen auf ihre freie Entscheidung hinzuweisen, in der Pandemie nur aus Neigung und ohne äußeren Zwang das Richtige, Vernünftige zu tun? Werden sie dann freiwillig mitmachen? Oder brauchen wir – frei nach Immanuel Kant – einen eher strengen Hinweis auf Pflicht und Verantwortung? Eine Art pandemischen Imperativ: ‚Handle in einer Pandemie stets so, als seist du positiv getestet und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an’?"

Das ist in der Tat das Dilemma. Aufschlussreicher waren Drostens Bemerkungen zur Rolle der Wissenschaft im täglichen Corona-Meinungskampf. Auch hier eine Absage an die Politik: Der Forscher müsse authentisch, also bei sich "und dem erlernten methodischen Rüstzeug" bleiben und dürfe "keinem Fürsten" dienen.

Er habe den Job, unangenehme Wahrheiten zu kommunizieren und "ausgemachten Unsinn beim Namen zu nennen". Zur Unterscheidung von Biologie und Politik fand Drosten eine prägnante Formel: "Das Virus verhandelt nicht und geht keine Kompromisse ein."

Das Präventionsparadoxon

Das war dann der eigentliche Knackpunkt von Drostens Rede: die hochgefährliche, explosive Pandemie von der "linearen Entwicklung" zu unterscheiden, an die wir alle als politisch denkende Menschen gewöhnt seien. "Viren haben das Potenzial, sich exponentiell zu vermehren." Daraus ergebe sich das sogenannte "Präventionsparadoxon":

"Aktuell werden die von der Politik erlassenen Beschränkungsmaßnahmen noch allzu oft auf Basis des Status quo beurteilt. Dem exponentiellen Viruswachstum wird nur von Teilen der Gesellschaft Rechnung getragen. Dementsprechend werden die Maßnahmen nur allzu oft als übertrieben oder verfrüht gebrandmarkt. Noch schwieriger ist die rückblickende Bewertung von Maßnahmen der Vorbeugung, also die Anerkennung dessen, was nicht eingetreten ist, weil es mit Kraftanstrengungen vermieden wurde."

Es gebe, sagte Drosten, leider nur ein begrenztes öffentliches Verständnis für die Logik wissenschaftlicher Erkenntnis: Theorien könnten sich als falsch erweisen und trotzdem wichtige Aufschlüsse liefern. In der Politik aber würden Kurskorrekturen immer als Scheitern des Politikansatzes gesehen. Das sei falsch, und man müsse in der Pandemie letztlich zu einer Politik der kleinen Schritte kommen.

"Auch Friedrich Schiller würde Maske tragen"

In diesen Teilen, Naturwissenschaft gegen Politik, war das eine provokante Rede, die von Drosten mit großer Bescheidenheit und fast demütig vorgetragen wurde. Man mag vieles daran auch enttäuschend unspezifisch finden und Drostens Vertrauen in das von den ökonomischen Bedingungen gebeutelte Wissenschafts- und Gesundheitswesen naiv.

Aber Drosten ist ein hoch spezialisierter Forscher, der sich politisch nicht aus dem Fenster lehnen darf. Drosten vermied es, Maßnahmen der Politik zu kommentieren, etwa die späte Schließung der Grenzen im ersten Lockdown, und auf die Einschränkung der Grundrechte oder das Dilemma der Triage einzugehen. Er hielt sich lieber an Schiller und dessen "Xenien" - und endete positiv:

"Die Freude an der Erkenntnis darf also auch in der jetzigen Situation unser verantwortungsvolles Handeln antreiben. Von daher bin ich mir recht sicher: Auch Friedrich Schiller würde Maske tragen."

(ckr)

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