Mittwoch, 16.10.2019
 

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 13.01.2014

Christen in PakistanLeben mit der Gefahr

Der schwierige Alltag einer religiösen Minderheit

Von Gerd Brendel

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Christen sind eine Minderheit im muslimischen Pakistan. (picture alliance / dpa / Shahzaib Akber)
Christen sind eine Minderheit im muslimischen Pakistan: Hier beten Hinterbliebene für die Opfer eines Anschlags. (picture alliance / dpa / Shahzaib Akber)

Christen haben es in Pakistan schwer, sie stehen an unterster Stelle im gesellschaftlichen System. Das beeinflusst sie in ihrem täglichen Leben und kann bei Übergriffen tödlich sein. Besonders das Blasphemie-Gesetz macht ihnen das Leben schwer, wird es doch gern von Muslimen benutzt, um ihnen eine Lehre zu erteilen. Doch die Christen sind nicht allein - es gibt noch weitere religiöse Minderheiten im Land.

Sonntagmorgen in der St. Antonys Church in Lahore - die neogotische  Kirche verschwindet fast hinter der hohen Mauer. Am Eingang Polizeikontrollen und ein privater Sicherheitsdienst. So wie vor fast jeder christlichen Kirche an einem Sonntagmorgen in Pakistan. In der Kirche erinnert Pfarrer Gulfam an das letzte Attentat auf ein Gotteshaus in Peshawar vor ein paar Wochen.

"Wir werden auf vielen Ebenen diskriminiert. Der Anschlag auf die Kirche in Peshawar hat uns verunsichert und verängstigt. Können wir uns jetzt noch nicht einmal in unseren Kirchen sicher fühlen?", ...

...sagt der Kapuzinerpriester nach der Messe. Aber an diesem Sonntagvormittag steht die Gemeinde in ihrer Angst nicht alleine da. Vor dem Gotteshaus haben sich ein paar hundert Demonstranten versammelt, um ein Zeichen zu setzen gegen die Gewalt: Junge Frauen und Männer. Die meisten tragen Jeans, auch die Frauen. Nur wenige tragen Dupatta, einen leichten Schleier und das traditionelle Shalwar Kamiz, eine langärmelige Bluse mit weiter Hose. Ein bekannter Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist ist gekommen, Studenten, Intellektuelle.

Aroosa Shaukat schreibt für den „Express Tribune“ eine der führenden Tageszeitungen des Landes.

"Die Idee ist ziemlich einmalig, dabei ist es lebenswichtig, dass die Mehrheit für die Minderheiten Partei ergreift und sagen: Es reicht."

"So abgestumpft sind wir schon"

Der Mann hinter den Protesten ist ein junger Rechtsanwalt aus Karachi: Jibran Nassir. Bei den letzten Wahlen hat  er mit seinem Programm für ein säkulares Pakistan als unabhängiger Kandidat kandidiert und nur ein paar hundert Stimmen bekommen. Entmutigt hat ihn das Ergebnis nicht.

"Komischerweise hat mich die Nachricht von den Anschlägen in Peshawar gar nicht so berührt, so abgestumpft sind wir schon. Aber dann hat mir ein Freund vorgeschlagen, wenigstens eine Mahnwache zu organisieren",...

...erinnert sich Nassir. Während der Mahnwache trat ein Christ ans Mikrofon und bat die anwesenden Muslime um einen einfachen Akt der Solidarität

"Er sagte: Ich bitte Sie, der Opfer in ihrem Freitagsgebet zu gedenken. Und ich hab mich gefragt: Wie stellen wir das an, denn die Mehrzahl unserer Imame protestiert nur, wenn ein wichtiger islamischer Geistlicher erschossen wird oder eine Moschee angegriffen wird. Also fragte ich: Wer von uns, besucht seine Moschee, um seinen Imam aufzufordern die Anschläge zu verurteilen."

Und so kam es, dass Jibran Nassir zum ersten Mal seit Jahren seine Nachbarschaftsmoschee besuchte –  ein moderner Betonbau mit nachgemachter Moghul-Kuppel, in der sich die Geschäftsleute des Viertels treffen und die Taxifahrer, die mittags ein kleines Schläfchen im Innenhof halten.

"Ich habe mich eine halbe Stunde mit dem Imam gestritten. Er fing an über die Machenschaften Amerikas und Indiens zu klagen. Aber ich bat ihn einfach den Anschlag zu verurteilen, denn die Opfer waren Pakistanis und weder US-Marines oder Mossad-Agenten. Und dann geschah etwas Überraschendes: Ein älterer Herr, der zufällig zugehört hatte, unterstützte mich und schließlich konnten wir den Imam überzeugen."

Zur nächsten Freitagspredigt saß Jibran Nassir in der ersten Reihe.

"Von 20 Minuten Predigt sprach er ganze 30 Sekunden über das Thema."

Aber statt zu resignieren startete Jibran Nasser die Initiative: Jibran Nassir besuchte die Kirchen in seiner Nachbarschaft und organisierte Solidaritätsdemos. Die zweite findet an diesem Sonntag in Lahore statt. Nach der Messe stehen der Gemeindepfarrer und ein islamischer Geistlicher gemeinsam am Mikrophon.

Denn für den Mufti Mohammed Faruk von der renommierten konservativen islamischen Jamia Aschrafia  Hochschule in Lahore ist klar: Die Anschläge sind mit dem Islam nicht vereinbar. Friedlich sei der Islam und tolerant.

Die Bombenanschläge sind nur die Spitze des Eisbergs

Ganz wohl in seiner Haut scheint sich der Geistliche allerdings nicht zu fühlen, als die Demonstranten ihre Slogans skandieren.

"Nieder mit den Taliban."

Aber als sich alle die Hände zu einer Menschenkette reichen, strahlt er über das ganze Gesicht. 

Die Bombenanschläge sind nur die Spitze des Eisbergs. Christen wie andere religiösen Minderheiten werden in Pakistan auf vielen Ebenen diskriminiert. Ein Druckmittel sind die berüchtigten Blasphemie-Paragraphen aus der Zeit des Militärdiktators Zia-Ul-Haqs.

"Paragraph 295 b sieht für die Schändung des Korans lebenslange Haft vor. 295 c für  jede Form der Beleidung des Prophetennamens zwingend die Todesstrafe. In einem der wenigen Fälle, wo die Todesstrafe tatsächlich verhängt wurde, gab es nicht ein Fitzelchen von Beweisen. Die angeblich blasphemischen Briefe hat das Gericht nie gesehen, weil der Kläger sie verbrannt haben will. Trotzdem wurde der Angeklagte verurteilt und wartet seit über zehn Jahren im Gefängnis auf seine Berufungsverhandlung."

Allein die Anklage reicht, um die soziale Existenz des Beschuldigten und seiner Nachbar zu  zerstören. Es ist ein offenes Geheimnis in Pakistan, dass Geschäftsleute Anzeige erstatten, um lästige christliche Konkurrenten loszuwerden oder Fabrikbesitzer, um an die Grundstücke christlicher Anrainer zu gelangen, so wie im März in Lahore.  Wieviele Menschen wurdenwegen Blasphemie angeklagt?

"Die Regierung veröffentlicht keine Daten, aber schätzungsweise gibt es zur Zeit zwischen 1200 und 1300 Blasphemie-Fälle."

Betroffen sind nicht nur Christen, vor allem auch Mitglieder der islamischen Reformsekte der Ahmadyias werden oft der Blasphemie beschuldigt. Vor Gericht stehen die Angeklagten oft allein da.

"Wegen der sozialen und politischen Begleitumstände wird ein Rechtsanwalt, der noch Karriere machen will, so einen Fall lieber nicht übernehmen. Lassen Sie mich ehrlich auf Ihre Frage antworten: Ich würde vermutlich ablehnen, weil ich mit Sicherheit auch bedroht werden würde und ich Angst um mich und meine Familie hätte."

Oft steht ein Streit am Anfang des Blasphemie-Verfahrens

Sich öffentlich für die Abschaffung des Paragraphen zu engagieren, kann lebensgefährlich sein: Vor fast vier Jahren wurde erst der Gouverneur des Punjab Salman Taseer ermordet und zwei Monate später der christliche Minister Shabbaz Bhatti., weil sich beide gegen das Gesetz ausgesprochen hatten und die wegen Blasphemie zum Tode verurteilte Christin Asia Bibi unterstützt hatten. Oft steht ein Streit zwischen Nachbarn und Bekannten am Anfang eines Blasphemie-Verfahrens.

"Es geht ums Trinken oder um Geld, und dann droht der Muslim: Wir werden Dir schon noch eine Lehre erteilen. So fing es im März in St. Joseph in Lahore an. Zwei Tage später schlug der Mob los", ...

...erzählt Azya Indria, zuständig für Frauenarbeit in der anglikanischen Diozöse von Lahore. Für den Nachmittag hat sich in die Galiläa Gemeinde eingeladen, eine Arme-Leute-Gegend im Norden der Stadt. Qasurpura: Ein Labyrinth aus Gassen eingeklemmt zwischen Stadtautobahn und einen Riesensupermarkt, so eng, das ein  Auto kaum durchkommt. Graue Fassaden. Vor dem einzigen Laden des Viertels liegt welkes Gemüse.

Nein, Häuser brannten noch nicht, sagt Pfarrer Karamat Masih, auch wenn es immer wieder zu Streit kommt. Circa 2000 Mitglieder gehören zu seiner Gemeinde. Die meisten Familien wohnen in der Nachbarschaft. Wer von den Männern Arbeit hat  - als Putzkraft, Gepäckträger oder Müllsammler -  muss eine mehrköpfige Familie durchbringen.

"Viele der Jugendlichen hier im Viertel sind ohne Arbeit und können weder lesen noch schreiben. Da kann es schnell zu Streit kommen, und wenn die Religion ins Spiel kommt, werden wir böse beschimpft."

Direkt gegenüber dem winzigen Wohnzimmer der Pfarrwohnung rattert unaufhörlich der Generator eines Supermarktes. Die schlichte Kirche nebenan hat die Gemeinde selbst gebaut. Zum Sitzen Teppichboden statt Kirchenbänke. Eine Kanzel, ein Kreuz aus Neonröhren – das ist alles an Ausstattung.  

"Die Männer sitzen unten auf dem Boden, die Frauen oben auf der Empore, Die Kirche hat sich Gemeinde selbst gebaut, ohne Unterstützung."

Die Gasse der Christen liegt hinter einem schweren Eisentor. Unverputzte  Betonwände, Dächer aus Wellblech, zwei Zimmer höchstens für Eltern, Kinder und vielleicht noch die Großeltern. Die Wohnungen der ärmsten in den obersten Etagen sind nur über Leitern erreichen. Hier stehen oft nur ein Bett und ein Schrank. Türen oder Fenster gibt es nicht. Shazias Familie zählt zu den Besserverdienenden, die im Erdgeschoss leben. In ihrem Wohn-, Ess- und Schlafzimmer steht ein Fernseher, an den Wänden hängen Familienfotos.

"Ich hab ne Menge mit dem Haushalt zu tun, die Kinder zur Schule schicken, kochen und so weiter. Er arbeitet als Bürobote in einer Behörde und als Schuhverkäufer. Sein muslimischer Chef im Büro schikaniert ihn ganz schön, manchmal muss er schon zwei Stunden vor Dienstbeginn im Büro sein."

Aus der offenen Tür nebenan kommt Musik. Die Nachbarfamilie hat Besuch.

Hohe Analphabeten-Rate - besonders unter den Frauen

"Die Gäste vom anderen Ende der Stadt sind angereist um die bevorstehende Hochzeit ihrer Tochter mit dem Sohn des Gastgebers zu besprechen."

Die beiden Familien sind sich einig: In drei Wochen soll geheiratet werden. Der junge Bräutigam sitzt in Anzug und Krawatte auf einer Sofaecke und lächelt verlegen.

"Meine Familie hat die Hochzeit arrangiert und bis jetzt habe ich nur ein Bild meiner Braut gesehen. Zur Hochzeit  werde ich sie zum ersten Mal  treffen."

„Wenn Gott für uns ist, kann uns niemand etwas anhaben“, singen alle zum Schluss. Wer Arbeit hat im Viertel, verdient sein Geld als Bürobote, Gepäckträger oder Arbeiter. Im islamischen Pakistan bestimmen Familien und Religionszugehörigkeit, ganz ähnlich wie die Kasten im hinduistischen Indien den sozialen Status. Christen stehen in diesem System an unterster Stelle. Die Analphabetenrate ist hoch, besonders unter den Frauen:

"Es ist unglaublich, wie viele Mädchen nicht zur Schule gehen: Ich erinnere mich an eine Schülerin, die nicht mehr weiter zur Schule gehen durfte, weil sie auf ihre behinderte Schwestern aufpassen sollte. Aber ihre Brüder durften natürlich weiter zur Schule gehen."

Ayra Indrias will das ändern. Für die anglikanische Church of Pakistan organisiert sie die Erwachsenenbildung und die Frauenarbeit.

"Wir bieten Schreib- und Lese-Kurse für  junge Erwachsene an, junge Frauen können sich in unseren Kursen zum Beispiel zur Kosmetikern ausbilden lassen, damit sie eigenes Geld verdienen können."

Der Lese- und Schreib-Kurs am Abend ist gut besucht. Er findet im Gästehaus der anglikanischen Bischofskirche  im Zentrum von Lahore statt. Die neogotische Kathedrale könnte genauso gut irgendwo in England stehen. Vor dem schweren Eisentor rauscht der Verkehr auf der Mall-Road, der alten Hauptstraße des kolonialen Lahore. Gegenüber steht das mächtige Gerichtsgebäude mit seinen Kuppeln aus der Zeit,  in der Lahore noch die Hauptstadt des britisch-indischen Punjab war.

Das koloniale Erbe - auch das prägt die Situation der Christen in Pakistan: Dazu zählen die vielen Privat-Schulen und Bildungseinrichtungen, die die Kirchen unterhalten. Besucht werden sie von Kinder der muslimischen Ober- und Mittelschicht. Ein Widerspruch zur prekären sozialen Lage der meisten Christen?

"In der Tat gehören den Kirchen einige sehr gute Schulen. Aber unsere Mittglieder stehen sozial und wirtschaftlich am Rand der Gesellschaft. Unsere Schulen spielen für uns die Robin-Hood-Rolle: Wir haben hier auf unserer Schule 1400 Schüler, mit deren Schulgeld bezahlen wir die Ausbildung von siebenhundert armen christlichen Kindern auf dem Land", ...

...erklärt der Vorsitzende der anglikanischen Bischofskonferenz Samuel Azariah die  teuren christlichen Bildungseinrichtungen. Als führender Repräsentant seiner Kirche ist er immer wieder an Religionsgesprächen beteiligt und fordert von seinen muslimischen Gesprächspartnern mehr als Lippenbekenntnisse:

"Es reicht nicht, wenn meine muslimischen Gesprächspartner versichern, dass Gewalt und Bombenanschläge nicht dem Islam entsprechen. Die Gewalttäter behaupten das Gegenteil und treten im Namen ihrer Religion auf, also ist es die Verantwortung aller Muslime, sich damit auseinander zu setzen."

Politischer Schulterschluss mit anderen religiösen Minderheiten

Das gleiche könnten seine muslimischen Brüder und Schwestern auch von ihm erwarten:

"Es reicht nicht, wenn ich sage, Terry Jones, der amerikanische Pfarrer, der den Koran verbrannt hat, oder die Leute in Skandinavien, die Mohammed karikieren, haben nichts mit mir zu tun. Ich muss darüber mit meinen Glaubensgefährten im Westen ernsthaft auseinandersetzen."

Gespräche mit Vertretern der islamischen Mehrheitsgesellschaft sind ein Weg, um das Leben der Christen in Pakistan zu erleichtern. Ein anderer ist der politische Schulterschluss mit den anderen religiösen Minderheiten des Landes: den Hindus, Sikhs, Schiiten, den Angehörigen der Ahmedyia-Gemeinschaft - sie alle sind den gleichen Repressalien ausgesetzt.

"Wenn in Pakistan alle Religionen respektiert werden sollen, müssen Staat und Religion getrennt werden. Ohne diese Trennung wird es nie Frieden geben, nie Gerechtigkeit und nie Gleichheit."

Die Überzeugung des Bischofs teilen auch die Organisatoren der Solidaritätsdemo vor St. Antony. Die Gesellschaft, von der sie träumen, an diesem Sonntag scheint sie ein kleines Stück näher gekommen zu sein.

"Kurzfristig sehe ich keine Hoffnung. Wir werden noch eine Weile mit den Blasphemie-Gesetzen leben müssen, wir werden bluten und  noch viele Tränen vergießen."

Der Rechtsanwalt Asad Jamal wird trotzdem weiter demonstrieren, genauso wie sein  Kollege Jibran Nassir. Ja, auch er wurde bedroht:

"Aber wissen  Sie, ich wohne in  Karachi, da kann es einem passieren, dass man wegen eines Smartphones erschossen wird. Ein Gerät, für das der Mörder vielleicht 20 US Dollar von seinem Hehler bekommt. Wieso soll ich dann nicht versuchen, einen höheren Preis für meinen Kopf herauszuschlagen und die mir verbleibende Zeit mit was Vernünftigem zu nutzen?"

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