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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.01.2015

Christa Wolf an der Berliner SchaubühneEs menschelt auf der Bühne

Von André Mumot

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Jule Böwe und Kay Bartholomäus Schulze stehen in der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin während der Probe zu dem Stück "Der Geteilte Himmel" auf der Bühne.
Jule Böwe und Kay Bartholomäus Schulze spielen an der Schaubühne am Lehniner Platz das Stück "Der Geteilte Himmel".

Der Regisseur Armin Petras hat Christa Wolfs Erzählung "Der geteilte Himmel" für die Berliner Schaubühne bearbeitet - mit Distanz und Humor. Er bleibt historisch unscharf, ihm geht es um die Liebesgeschichte. Und so erwartet die Zuschauer "Menschentheater", bei dem auch der nachgeschobene Epilog keinerlei Provokation birgt.

"Es gab sie ja wirklich, diese andere Welt", stellt Jule Böwe am Ende fast staunend fest, "diesen anderen Versuch". Gemeint ist die DDR, gemeint ist die Idee von einem Sozialismus, der noch Hoffnung in sich getragen hat auf ein besseres, anständigeres Leben, oder, anders gesagt: der sich noch die großen, bald schon geplatzten Illusionen erlauben durfte. Christa Wolf hat damals, als sie 1963 ihre große Erzählung "Der geteilte Himmel" schrieb, jedenfalls noch ganz fest an eine gute Zukunft für die DDR geglaubt und sich eine tapfere Stellvertreterin in ihr Werk geschrieben: die Studentin Rita, die moralisch zutiefst verletzt ist, als ihr Verlobter, der Chemiker Manfred, kurz vorm Mauerbau nach West-Berlin geht. Zwar bricht sie zusammen, wird depressiv, aber sie folgt ihm trotzdem nicht.

Zarte Sensibilität

Ein erstaunliches Buch ist das, wenn man es heute wieder liest - im Grunde ein historischer Roman: Alltagsszenen aus einem Land, das es nicht mehr gibt, mit großer, zarter Sensibilität eingefangen, zugleich so ungeheuer lethargisch, trostlos und bitter, dass es Kraft kostet, überhaupt von einer Seite zur nächsten zu kommen.

Armin Petras, Intendant am Schauspiel Stuttgart, aufgenommen am 6.6.2013 (picture-alliance / dpa / Marijan Murat Ressort )Der Regisseur und Autor Armin Petras ist seit 2013 Intendant am Schauspiel Stuttgart. (picture-alliance / dpa / Marijan Murat Ressort )

Nun kehrt Regisseur Armin Petras, selbst im Sauerland geboren, aber in Ost-Berlin aufgewachsen und langjähriger Intendant des Maxim Gorki Theaters, für einen Besuch aus seinem Stuttgarter Theater zurück und präsentiert seine Bearbeitung des Stoffes ausgerechnet im tiefsten Berliner Westen, an der Schaubühne nämlich. Weil nirgendwo das Festhalten an der alten DDR-Idee eine größere Provokation abgeben könnte?

Freudiges Nacherzählen

Nun, provokant ist gar nichts an diesem Abend, und fast möchte man sagen: zum Glück. Zwar teilt er das Publikum in Ost und West und lässt die drei Darsteller auf einem mittleren Steg agieren, der mit Quarzsteinen belegt wird, die wie Eis glitzern und das Fortbewegen mühsam machen. Der Rest jedoch ist warmes, freudiges Nacherzählen einer Liebesgeschichte, wie es sie eben nur in diesem abwegigen und frustrierenden geteilten Deutschland hat geben können.

Die zerquälte Trostlosigkeit der Vorlage hellt Petras deutlich auf und rückt das zärtlich knuffige Beziehungsspiel der beiden großartigen Hauptdarsteller in den Mittelpunkt: Jule Böwe und Tilman Strauß erscheinen (oft auf riesigen Film-Projektionen rund ums Publikum) als fröhliches Pärchen am Frühstückstisch und abends vorm Schlafengehen. Sie dürfen direkt ins Publikum sprechen, meistens klug ausgewählte, prägnante Sätze aus Christa Wolfs Vorlage, auch mal dem Publikum ironisch zuzwinkern, die Sterne beobachten und über den ersten Kosmonauten jubeln. Und dann, natürlich, müssen sie eben ideologisch auseinanderdriften.

Nötige Distanz

Historisch ist das alles völlig unscharf, fast ort- und hintergrundlos. Wie schon bei Christa Wolf wird keineswegs eine Diktatur ausgeleuchtet, sondern stirnrunzelnd ein Land begutachtet, das dank kleinlicher Querelen innerhalb von Arbeitsbrigaden und Wissenschaftsprogrammen schlicht seinem eigenen Potential im Weg steht. Petras, der Grenzgänger, betrachtet und bestaunt dieses Hickhack mit der nötigen Distanz, mit Humor und großem Figurenverständnis, aber ohne jeden Wunsch, dorthin vorzudringen, wo es ernsthaft ungemütlich werden könnte. Die tiefere geschichtliche Auseinandersetzung, das macht er rasch klar, muss anderswo stattfinden, hier gibt's heute Menschentheater.

Einen eigenen Epilog hängt er aber immerhin noch an: Nach der Wende treffen sich Rita und Manfred wieder, als Entfremdete, die doch feststellen, dass sie nach wie vor vieles verbindet - und sei es nur der Blick auf eine junge Generation, die nichts mehr weiß von der DDR und nichts mehr von großen Illusionen oder dem "Vorgefühl vom Paradies", das sich so schrecklich rar macht. Dieser Knuff direkt ins Publikum ist, wie der ganze Abend, keine Provokation und keine große Sache, wird aber so charmant präsentiert, auch so unaufgeregt, ohne Häme und ideologisches Gezeter, dass man ihn nun doch ganz gern entgegennimmt.

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