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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.04.2015

Chris Dercon als Castorf-Nachfolger Der Neue am Traditionshaus

Von Elisabeth Nehring

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(picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
Der designierte Intendant der Volksbühne Berlin Chris Dercon stellt sich am 24.04.2015 in Berlin der Presse. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Chris Dercon, designierter Intendant der Berliner Volksbühne, holt ein fünfköpfiges Künstlerteam an das Theater. Fünf Namen aus den Bereichen Theater, Tanz und Film präsentiert Dercon: zwei Choreographen sind dabei - für die Tanzlandschaft Berlins ein Gewinn.

"Heute geht es nicht um einen neuen Krach. Der Krach der Volksbühne dauert schon 100 Jahre. Das sind Punkte, das sind Durchbrüche, das ist wichtig. Das sind Events. Weil das Wort Event kommt nicht von Spektakelkultur, das Wort Event hat Jacques Derrida damals definiert als einen Punkt und als ein Durchbruch."

Chris Dercon, der zukünftige designierte Intendant der Volksbühne, sitzt in einem kahlen, neonbeleuchteten Saal des Berliner Rathauses gefühlt 100 skeptischen Journalisten gegenüber; kraftvoll, fast beschwörerisch im Tonfall stellt der wortgewandte, elegant ergraute Belgier sein Konzept für die Volksbühne ab 2017 vor, sekundiert von dem bisher wenig in Erscheinung getretenen Kultursenator Michael Müller:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD). (Imago / Metodi Popow)Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD). (Imago / Metodi Popow)

"Ich will noch mal deutlich sagen, wenn wir über die Volksbühne reden, wenn wir über die Veränderung und Weiterentwicklung von Konzepten reden, dann ist das kein Angriff auf irgendjemanden oder irgendeine Institution; dann soll da auch niemandem etwas weggenommen werden. Wir wissen, was wir haben an unserer Kulturlandschaft und dass gerade die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit Berlin auch ausmacht."

Noch mehr Eventtheater, noch mehr große oder kleine Gastspiele, das Ende des Ensembletheaters - das sind die berechtigten Sorgen der Berliner Theaterszene, die dieser Pressekonferenz vorausgingen. 'Wir wollen kein Festival sein', machte Dercon auch gleich zu Beginn klar, sondern einen vollen Spielplan 365 Tage im Jahr.

Die Hauptbühne - das große Haus der Volksbühne - solle, so Dercon, von Satelliten umkreist werden; neben dem Prater werden der Hangar 5 des Flughafens Tempelhof, das Kino Babylon und - man höre und staune - das Internet zu Spiel-, Produktions- und Experimentierorten -- aber die Ambitionen Chris Dercons gehen noch darüber hinaus:

"Die Volksbühne hat immer die Stadt als Bühne mitinszeniert und das interessiert mich enorm, die Stadt als Bühne mitinszenieren - indoor und outdoor."

So weit, so gehabt; denn auch das HAU, die Berliner Festspiele und diverse Berliner Festivals haben sich seit Jahren auf die Fahnen geschrieben, ihre Kunst in den Stadtraum zu erweitern. Etwas theoretisch und ein bisschen schwammig visioniert Chris Dercon über eine' programmatische Achse zwischen den zukünftigen Strategieräumen Mitte und Tempelhofer Feld/Neukölln und die Aktualisierung des historischen Konzepts der Bauhausbühne.

Für die Tanzlandschaft Berlins ein großer Gewinn

Konkret wird es da, wo es um die zukünftig mit der Volksbühne assoziierten Künstler geht. Fünf Namen aus den Bereichen Theater, Tanz und Film präsentiert Dercon: Die Regisseurin Susanne Kennedy, die Filmemacher Romuald Karmakar und Alexander Kluge sowie die Choreographen Boris Charmatz und Mette Ingvartsen sollen ab 2017 das Haus mit neuen künstlerischen Impulsen füllen. Dass unter den fünfen immerhin zwei Choreographen sind, ist - das muss betont werden - für die Tanzlandschaft Berlins ein großer Gewinn.

"Boris Charamatz arbeitet mittlerweile überall mit seinem Musee de la danse, geht hier nach Berlin, geht nach London, New York, nach Frankreich. Aber er will gerne weiter, er will gerne an einem Haus arbeiten, ein Haus von Vertrauen, wie man in Belgien sagt, gerne mit Schauspielern arbeiten, mit einem Ensemble, ein heterogenes Ensemble von Schauspielern, Tänzern, Musikern. Er will gerne in einem Haus arbeiten mit wunderbarer Werkstatt, um seine Tanzkunst, die die Grenzen der Kunst anfasst - um die weiter zu entwickeln."

Ein festes Ensemble mit Gästen wird es also geben - und auch eine der drängendsten Fragen: Wird die Volksbühne, wie so viele andere Häuser Berlins, zu einem Ort fahrender, in diesem Fall: International tätiger Künstler, die zwar ein- und ausgehen, aber weder mit Stadt noch Publikum vertraut sind, beantwortet Dercon mit einem klaren Nein.

Frank Castorf, Intendant der Volksbühne in Berlin (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)Frank Castorf, Intendant der Volksbühne in Berlin (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)

Boris Charmatz zum Beispiel wolle mit Sack und Pack nach Berlin ziehen und hier seine Kunst machen. Doch wie weit die Verbindlichkeiten gehen, wie viele Produktionen im Jahr rausgebracht werden, wie sich das Ensemble zusammensetzen soll - ist alles noch offen. Immerhin:

"Wir wollen gerne ein Programm bauen, ein Repertoire, dass man auch weiß, in sechs Monaten kann man dieses Stück wiedersehen; es ist denke ich, viel wichtiger, das weiter zu machen, damit man auch wieder Stücke von Herrn Castorf oder wem auch in das Programm nehmen kann. Die Volksbühne wird nicht anders sein, sie wird sich weiterentwickeln."

Auch wenn vieles in Chris Dercons Konzept noch diffus erscheint: Der Plan, Künstlers verschiedener Genres und Generationen auf ein Ensemble mit Gästen loszulassen und ihnen die raffinierten technischen Möglichkeiten des Volksbühnenhauses über längere Zeit zur Verfügung zu stellen - ist erst einmal überhaupt keiner, der Anlass zur Sorge gibt. Im Gegenteil kann seine Realisierung, für die immerhin noch zwei Jahre Zeit ist, mit Neugierde erwartet werden.

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