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Tonart | Beitrag vom 01.08.2019

Chorprojekt für Kinder in JordanienDem Frieden mit Gesang näherkommen

Von Cornelia Wegerhoff

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Drei Kinder laufen auf einer staubigen Straßen des Flüchtlingscamps Azraq in Jordanien und halten dabei die Hände. (picture alliance / APA / picturedesk.com / Barbara Buchegger)
Qualitative Musik in schwierigen Verhältnissen: Mit dem Projekt "Music for Peace" soll Kindern in Flüchtlingslagern Hoffnung gegeben werden. (picture alliance / APA / picturedesk.com / Barbara Buchegger)

"Music for Peace" heißt eine Initiative der Hilfsorganisation "Caritas" in Jordanien. Es soll Kindern helfen, den friedvollen Umgang miteinander zu üben – durch gemeinsamen Gesang. Unterstützung bekommt das Projekt von den Wiener Sängerknaben.

Den Gänsemarsch auf die Bühne haben sie geübt. Trotzdem dauert es ein Weilchen, bis alle Kinder stehen: 140 Jungen und Mädchen. Sie wollen in Jordaniens Hauptstadt Amman für einen Konzertabend proben.

Dirigent Tareq Jundi muss seine aufgeregten Schützlinge aber erst mal zur Ruhe bringen. Kinder aus fünf arabischen Nationen üben hier den Gleichklang: Flüchtlingskinder aus den Nachbarländern Syrien, Irak und den palästinensischen Gebieten, der Nachwuchs ägyptischer Gastarbeiter in Jordanien und auch einheimische Kinder aus sozial schwachen Familien – alle zwischen sechs und zwölf Jahre alt. Dass sie fröhlich im Chor singen, grenzt für Tareq Jundi an ein Wunder.

Auf einer Bühne steht ein Chor mit vielen Kindern. Im Vordergrund ist ein Orchester. Im Hintergrund ist ein Transparent mit der Aufschrift "Music for Peace" zu sehen. (Deutschlandradio / Cornelia Wegerhoff)Im Gleichklang vereint: Das Projekt "Music for Peace" bringt Kinder aus dem Nahen Osten zusammen. (Deutschlandradio / Cornelia Wegerhoff)

"Ich erinnere mich noch daran, wie die Kinder sich zu Beginn verhalten haben", erzählt Tareq Jundi. "Die meisten konnten einem nicht mal in die Augen schauen. Viele kamen aus dem Krieg, hatten den Tod gesehen und jedwedes Vertrauen in die Menschheit verloren. Ich denke, dass man ihnen einfach etwas anbieten muss, wodurch sie die erlebten Desaster vergessen können. Und der Nebeneffekt ist, dass wir soziales Miteinander vermitteln und vor allem Spaß haben, wenn wir gemeinsam üben und sogar auf die Bühne gehen und auftreten."

Der Chor als neue Heimat

"Music for Peace" heißt das Projekt der Caritas Jordanien, das den Kindern das Vertrauen zurückbringen soll, auch zu sich selbst. Eissa, zehn Jahre alt, freut sich schon auf seinen großen Auftritt:

"Da werden viele Zuschauer kommen", weiß der Junge schon vom Konzert im vergangenen Jahr, als er das erste Mal im Chor dabei war. "Das war richtig gut. Die Leute haben hinterher ganz lange für uns applaudiert."

Das Erfolgserlebnis macht Eissa sichtlich stolz. Er stammt aus Syrien, musste zusammen mit seiner Familie vor Bombenangriffen fliehen. Jordanien und der Chor sind seine neue Heimat geworden.

"Früher, als ich Musik gehört habe, habe ich mir immer gewünscht, dass ich auch mal singen kann", erzählt Eissa. "Und als wir dann in Jordanien von dem Chorprojekt gehört haben, hat meine Mutter mich gleich angemeldet. Das hat mich echt gefreut."

"Das Musikprojekt von Caritas Jordanien hat 2017 begonnen", erklärt Lana Snobar. Sie ist Psychologin und betreut mit ihrem Team gleich mehrere Kinderchöre in verschiedenen jordanischen Städten. Beim Konzert in der Hauptstadt Amman singen alle gemeinsam. Und ein kleines Kinderorchester für die, die begonnen haben, Instrumente zu erlernen, gibt es auch.

"Wir haben diese Idee von Superar, einer Initiative der Wiener Sängerknaben", sagt Lana Snobar. "Sie haben uns das Chorprojekt als eine Art Therapie vorgeschlagen, um den Kindern aus ihrer schwierigen psychologischen Lage zu helfen. Herr Gerald ist zu uns nach Jordanien gekommen und hat uns das erklärt."

Gerald Wirth ist Präsident und künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben, die sich mithilfe der Organisation "Superar" weltweit sozial engagieren:

"Die Idee ist, Kindern, die keine Möglichkeit haben an Musikunterricht teilzunehmen oder die in Gegenden leben, wo schwierige soziale Verhältnisse herrschen, aus welchen Gründen auch immer, diesen Kindern hochqualititativem Musikunterricht anzubieten."

Musikunterricht in schwierigen Verhältnissen

Für das Projekt in Jordanien bedeutet das: Die Fachleute der Wiener Sängerknaben unterstützen die ortsansässigen Musiker, Psychologen und Sozialarbeiter:

"Wir können sie unterstützen, mit unserem künstlerischen und pädagogischen Know-how und mit Materialien. Aber machen, müssen es letztlich die Leute vor Ort. Die haben auch einen viel besseres Gefühl und Erfahrungen, gerade in der Caritas."

Aber das Konzert des großen "Music for Peace"-Chores lässt sich Gerald Wirth nicht nehmen. Dafür ist er eigens nach Amman gereist.

Lana Sobar von der Caritas erhofft sich, dass aus diesem Projekt noch mehr wird als ein Chor:

"Wir schauen nicht, aus welchem Land sie kommen, welche Religion sie haben. Wir achten nur auf die Musik, die wir gemeinsam machen. Wir hoffen, wir können mithilfe dieser Musik Frieden verbreiten."

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