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Profil / Archiv | Beitrag vom 04.04.2014

Chor der WocheVom Rand der Gesellschaft auf die Bühne

Der Berliner Straßenchor

Klaus Lockschen

Obdachloser Jugendlicher (picture alliance/dpa/Friso Gentsch)
Obdachloser Jugendlicher (picture alliance/dpa/Friso Gentsch)

Vor Bahnhöfen, Obdachlosenheimen und Drogenberatungsstellen sprach der erfolgsvewöhnte Konzertpianist und Kammerchorleiter Stefan Schmidt Menschen an und lud sie zu einer Chorprobe ein. Inzwischen ist der Berliner Straßenchor für viele seiner Mitglieder ein wichtiger Halt - mit anspruchsvollem Programm.

"Wer weiß schon, wohin der Weg führt, wohin der Tag fließt? - Nur die Zeit…", lauten übersetzt die Anfangszeilen im Enya-Lied "Only time". Es war das erste vom Berliner Straßenchor einstudierte Stück. Ende 2009 hatte der erfolgsverwöhnte Konzertpianist und Kammerchorleiter Stefan Schmidt die Idee, mit Chorarbeit Menschen vom Rand der Gesellschaft zurück in die Gemeinschaft zu führen. Vor Bahnhöfen, Obdachlosenheimen und Drogenberatungsstellen sprach er Menschen an und drückte ihnen Flyer in die Hand. "Von der Straße auf die Bühne", war darauf zu lesen.

"Ich hab' einfach dran geglaubt, dass ich da was bewirken und bei dem ein oder anderen vielleicht auch das Leben verändern kann – oder nicht ich, aber die Musik und die Disziplin, was er in dem Chor erlebt. Und das war meine Motivation, dass ich dachte, ich hatte viele Wettbewerbsgewinner – und da dachte ich: Gehen wir mal ein Stück weiter, gehen wir mal in die Bronx."

Zur ersten Probe erscheinen rund zwei Dutzend Männer und Frauen. Einer von ihnen ist Gotthold.

"Ich bin vor fünf Jahren auf den Chor gestoßen, bin aufmerksam gemacht worden mit einem Flyer und hab mir gedacht: Das sind doch Spinner. 'Von der Straße auf die Bühne', was is' denn das für ein Quatsch?"

Der schmächtige, heute 68-Jährige, ist dennoch neugierig und erscheint zur Probe. Zuerst ein wenig scheu. Doch der von einer Haft in Bautzen und vom Tod seines Lebenspartners aus der Spur Gerissene bleibt hängen, obwohl ihm das Singen fremd und er weit davon entfernt ist, stimmsicher zu sein.

"Ich hab' neben den Bassleuten gestanden und das habe ich gehört. Da habe ich gedacht: oh, du singst jetzt aber ein bisschen schräg." (Lachen)

Stefan Schmidt: "Also ich hatte gleich nach der ersten Probe eine Gänsehaut, weil mich das einfach so berührt hat, als sie drei Töne richtig gesungen haben."

Noch heute unkonventionell

Bald erscheinen zur wöchentlichen Probe mehr oder minder regelmäßig 30 bis 40 Personen zwischen 14 und 70 Jahren. Notenkenntnisse haben nur die wenigsten und bei englischen Stücken müssen die Texte mitunter der Aussprache wegen in Lautschrift gefasst werden. Viele sind zudem körperlich so ausgezehrt, dass erst einmal im Sitzen gesungen wird. Auch an Konzentration mangelt es lange.

"Am Anfang war totales Chaos, dagegen ist es mittlerweile richtig erholsam. Die neu dazu kommen, für die ist es noch Chaos, aber im Gegensatz zum Anfang, da war viel mehr Streit und Stress um Texte, um was wir machen und wie wir es machen."

Wiebke, eine Mittzwanzigerin aus dem "Schwarzen Block" der Gothic-Szene, ist ebenfalls eines der ersten Mitglieder im Straßenchor.

"Mittlerweile ist auch Stefan stärker geworden und sagt einfach: 'Das machen wir jetzt so und so', weil dann gibt es den Streit nicht. Es hat zwei Jahre gedauert, bis er sich mal getraut hat, 'Schnauze!' zu sagen, weil 'Ruhe bitte!' kommt bei den Leuten nicht an, bei den meisten. Wir haben immer wieder gesagt: 'Sei mal ein bisschen härter im Ton mit uns, dat brauchen 'se!'"

Zugegeben: Die Chorproben verlaufen auch heute noch unkonventionell. Zwar sind die Mitglieder durchaus mit Disziplin bei der Sache, aber eine gewisse Unruhe scheint dazuzugehören.

Stefan Schmidt: "Natürlich denkt man manchmal: Könnte es jetzt hier mal nicht ein bisschen schneller gehen? Und fragt sich einfach: Warum geht es nicht schneller? Aber es ist einfach so, man muss einfach das Tempo auch annehmen, und dann hat man richtig Spaß."

Der Mittvierziger mit den kurzen schwarzen Locken weiß, dass es Laienchöre gibt, die besser singen, aber auch, dass sein Straßenchor auf besondere Weise berührt. Und er scheut sich nicht davor, seinem Chor schwere Kost vorzusetzen. Die 40-jährige Transsexuelle Lilith:

"Wenn mir vor fünf Jahren, als wir mit dem Chor angefangen haben, jemand gesagt hätte: Du stehst mit 'nem Chor in der Philharmonie und singst die Carmina Burana, dann hätte ich gesagt: Du hast 'ne Meise, das krieg ich nicht hin. Wir standen in der Philharmonie und haben die Carmina Burana gesungen, 2011."

Kochen gehört zur Chorprobe

Wünsche, Träume, Hoffnungen sind ansonsten die Themen, die sich im Liedrepertoire des Chors wiederfinden, sagt Frank, der Vorsitzende des Straßenchor-Vereins.

"Die Lieder, die ausgesucht werden, sprechen natürlich viel über die Stimmung, über die Erfahrung, die die meisten Leute gemacht haben im Chor. Wie 'Wunder gescheh'n' von Nena. Von der Straße, von Hartz IV, von Zuhause vielleicht rausgeworfen zu sein, mit 16 auf der Straße zu Leben. Der Chor ist für die meisten ein Wunder, dass sie überhaupt hier akzeptiert werden."

Gemüseputzen, schnippeln, kochen, auch das gehört untrennbar zur Chorprobe. Wie in einer großen Familie wird der Abend mit dem gemeinsamen Essen an einer langen Tafel abgeschlossen.Der Chor hat den Mitgliedern inneren Halt und Perspektive gegeben. Keiner ist derzeit obdachlos. Und mancher hat wieder Arbeit gefunden, wie Arcana.

"Der Chor ist für uns Familie, Ruhepol, Kraftquelle und Freude. Was uns dann hilft, über die restlichen Tage der Woche und bis zur nächsten Woche so 'n bisschen hinwegzukommen, egal, was passiert."

Gotthold: "Und wenn ich aus der Chorprobe komme an jedem Donnerstag, da bin ich richtig gut drauf. Meine ganzen Depressionen, die ich sonst zu Hause habe und alles, was mich belastet mit Behörden und Pipapo, das ist verschwunden."

Lilith: "Ohne den Chor geht’s nicht mehr."

 

Deutschlandradio Kultur stellt jeden Freitag um 10:50 Uhr im "Profil" Laienchöre aus der ganzen Republik vor. Im "Chor der Woche" stehen nicht die großen, bekannten Chöre im Vordergrund, sondern die Vielfalt der "normalen" Chöre in allen Teilen unseres Landes, jeden Alters, jeder Formation und Größe oder Stilrichtung, seien sie Mitglied eines Chorverbands oder auch nicht.

Mit freundlicher Unterstützung des  Deutschen Chorverbands

 

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