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Religionen | Beitrag vom 03.06.2018

Chor der syrisch-katholischen Gemeinde KölnSchon beim ersten Lied ein Leuchten in den Augen

Von Cornelia Wegerhoff

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Die Frauen des Chores "Sonne der Aramäer" in Köln in traditionellen Gewändern (Ghaeda Sami)
Die Frauen des Chores "Sonne der Aramäer" in traditionellen Gewändern (Ghaeda Sami)

"Sonne der Aramäer" heißt der Chor, den aus dem Irak geflohene Christen in Köln gegründet haben. Jeden Samstag treffen sie sich, um jahrhundertealte Lieder zu üben. Doch der Chor bedeutet mehr für sie als nur regelmäßige Singpraxis.

Die Sopran-Stimmen müssen noch etwas näher zusammenrücken. Dann gibt Chorleiterin Ghaeda Sami ein kurzes Zeichen. Sogar die fünf, sechs Kleinkinder, die auf dem Schoss ihrer Mütter oder im Kinderwagen sitzen, werden ruhig.

Der Kirchenchor singt sich ein. Die Sängerinnen und Sänger sind Mitglieder der syrisch-katholischen Gemeinde in Köln. Jeden Samstag Mittag treffen sich die 17 Frauen und vier Männer zur Probe, in den Kellerräumen der St. Antonius Kirche im Stadtteil Mülheim.

Auch wer gerade noch abgehetzt zur Tür hinein kam, hat schon beim ersten gemeinsamen Lied ein frohes Leuchten in den Augen. "Sonne der Aramäer" ist der passende Name des Chors. Aramäer nennen sich Christen verschiedener Ostkirchen. Auch die Angehörigen der syrisch-katholischen Kirche benutzen noch oft diesen Namen, der auf die Antike zurückgeht. Die Chormitglieder selbst stammen allesamt aus dem Irak, sagt Ghaeda Sami.

Fast alle stammen aus Mossul und Umgebung

"Manche Leute denken, wir sind aus Syrien. Aber das stimmt nicht, wir sind alle Iraker. Es gibt auch 'syrisch' im Irak, Palästina und in Jordanien, weil wir auch 'syriany' sprechen. 'Syrisch' ist in diesem Fall die Sprache und die Kultur."

Und es ist auch gleichzeitig der Name der syrisch-katholischen Kirche, die in der irakischen Metropole Mossul über Jahrhunderte einen eigenen Bischofssitz hatte. Bis im Juni 2014 die Terroristen des sogenannten "Islamischen Staates" die Stadt eroberten und die Christen verfolgten. Wer sein Leben und seinen Glauben retten wollte, musste fliehen. Fast alle hier im Chor stammen aus Mossul und Umgebung.

Boushra ist erst vor einem halben Jahr von dort ihrem Mann nach Deutschland gefolgt.

"All unsere Kirchen dort sind ausgebrannt. Wir gehen jeden Morgen in die Messe, aber es war dort nicht mehr schön. Die Einrichtung war verbrannt. Es roch immer noch nach Rauch. Die Situation hat uns gezwungen, unser Land zu verlassen. Unsere Kinder hätten zur Uni in Mossul gehen müssen, aber allein die Vorstellung ist beängstigend. Wir haben kein Vertrauen mehr in den Ort Mossul."

Die Zahl der Christen im Irak sei deutlich zurück gegangen, bestätigt auch Chorleiterin Ghaeda Sami.

"Wir waren circa eine Million Christen im Irak, jetzt sind es nur noch 250.000. Dreiviertel der Christen haben das Land verlassen. Die meisten hier bei uns sind schon vor drei, vier, fünf Jahren gekommen."

Vor vier Jahren hat die 38-Jährige auch den Chor der syrisch-katholischen Gemeinde in Köln gegründet. Sie sei zwar keine ausgebildete Musikerin, erzählt die zweifache Mutter und Hausfrau. Aber Ghaeda Sami hat als Kind im Kirchenchor gesungen. Und ist pingelig…

Inzwischen ist auch Andy angekommen. Der junge Mann begleitet die Sänger am E-Piano.

Neuanfang in Deutschland ist nicht einfach

Der Gesang im Kirchenchor sei mehr als nur eine Abwechslung, sagt Boushra, die ihre 15-Jährige Tochter Dima mitgebracht hat. Die beiden sprechen noch kein Deutsch. Der Neuanfang in Köln ist nicht einfach:

"Meine Tochter und ich haben erst gedacht, dass wir hier keine Bekannten finden würden, als wir ankamen. Aber Gott sei Dank ist es anders. Es ist schön, auch hier in der Gemeinde mitwirken zu können. In unserer Heimat waren wir sehr eng verbunden mit der Kirche. Bei jedem Ereignis waren wir da. Ich versuche hier, so weit ich kann, dasselbe zu tun."

"Wir waren auch im Irak im Chor und da wollten wir das hier auch machen", sagt Andro, einer der wenigen Männer im Chor. "Das sind aramäische Lieder und arabische Lieder. Also bei uns sagt man: Wenn man singt, wenn man in der Kirche singt, dann betet man zweimal."

"Wenn wir singen, sind wir näher bei Gott", bestätigt auch sen Freund Aws. Inzwischen geht die "Sonne der Aramäer" musikalisch nicht nur bei den eigenen Kirchenfesten auf. Der Chor wird auch zu Konzerten eingeladen. Die Irakerinnen treten dann in bunten orientalischen Gewändern auf, so wie die Frau, die Harfe spielend auf dem Gesangbuch des Chores abgebildet ist. Die roten Papp-Umschläge der dicken Liedersammlung sind schon ein wenig abgegriffen. Ghaeda Sami hat sie eigens mit Unterstützung von Chorsängern, die noch im Irak leben, angefertigt.

Der abgegriffene Einband des Gesangbuches des syrisch-katholischen Chors "Sonne der Aramäer" in Köln. Das Bild zeigt eine Frau in traditionellem Gewand, die Harfe spielt.  (Deutschlandradio / Cornelia Wegerhoff)Der abgegriffene Einband des Gesangbuches des syrisch-katholischen Chors "Sonne der Aramäer" in Köln. Das Bild zeigt eine Frau in traditionellem Gewand, die Harfe spielt. (Deutschlandradio / Cornelia Wegerhoff)

"In diesem Buch stehen alle Lieder. Ein anderer Chor hat sie für uns gesammelt, einen Ordner angelegt und sie mir geschickt. Wir haben das dann kopiert."

Allerdings stehen nur Texte im Liederbuch, keine einzige Note. Nicht nötig, schmunzelt Ghaeda. Keiner im Chor kann Noten lesen, auch sie selbst nicht. Die zum Teil Jahrhunderte alten Melodien können ohnehin alle auswendig. Viele der alten Weisen stammen vom Heiligen Ephräm, dem Syrer, wie er genannt wird, Theologe und Kirchenvater aus dem vierten Jahrhundert. "Er ist für alle Syrer wie ein großer Lehrer", sagt Ghaeda. "Er hat viel geschrieben. Auch viele Melodien hat er selbst aufgeschrieben."

Auch für den Heiligen Ephräm war Christenverfolgung schon ein Thema. Bei ihren Konzerten setzen die Flüchtlinge gern seine Zitate ins Programmheft. Etwa das vom "Ölbaum voll Zuversicht", der sich nicht vor der Kälte fürchtet. "In der Verfolgung fielen die Leugner ab, wie Blätter, die nicht an Bäumen bleiben", schrieb Ephräm. "Die Christen hängen an Christus, wie die Blätter des Ölbaums im Winter."

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