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Buchkritik | Beitrag vom 09.02.2021

Cho Nam-Joo: "Kim Jiyoung, geboren 1982"Jiyoung Musterfrau kann nicht mehr

Von Katharina Borchardt

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Buchcover: "Kim Jiyoung, geboren 1982" von Cho Nam-Joo (Kiepenheuer&Witsch / Deutschlandradio)
Der koreanische Roman "Kim Jiyoung, geboren 1982" ist eher ein Gebrauchstext – aber mit großer Wirkung. (Kiepenheuer&Witsch / Deutschlandradio)

Ein Bestseller aus Korea: Kim Jiyoung ist Anfang dreißig und verrückt geworden. Sie imitiert Stimmen. Ein Psychiater soll helfen. Aber die Frau hat kein individualpsychologisches, sondern ein sozialpolitisches Problem.

"I'm every woman" könnte Kim Jiyoung singen, wenn sie denn singen würde. Doch zum Singen hat sie keine Zeit. Sie hat viel zu viel damit zu tun, im Leben alles richtig zu machen.

"Kim Jiyoung, geboren 1982" ist die Hauptfigur in Cho Nam-Joos Debütroman, der die exemplarische Geschichte einer jungen Frau aus Seoul erzählt, die mit Anfang dreißig psychisch erkrankt.

Erduldet, in der U-Bahn betatscht zu werden

Schon als Kind lernt sie zu akzeptieren, dass ihr kleiner Bruder die besten Fleischbällchen und ein eigenes Zimmer bekommt, während sie sich alles mit der älteren Schwester teilen muss. Als fleißige Schülerin toleriert Jiyoung, dass die Mädchen ihre Referate immer erst nach den Jungen halten und dass sie auch keine Klassensprecherinnen werden dürfen. Sie erduldet, in der vollen U-Bahn von Männern betatscht und von einem aufdringlichen Mitschüler im Bus verfolgt zu werden.

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Natürlich führen "derartige Erlebnisse im Laufe der Zeit dazu, dass sie Männern gegenüber hauptsächlich Enttäuschung und Angst" empfindet, aber damit muss ein junges Mädchen eben leben. Im Studium arbeitet sie hart, bekommt anschließend aber nur mühsam einen Job. Immer wieder werden ihr männliche Bewerber vorgezogen, denen man mehr zutraut und die auch nicht ausfallen werden, sobald sie eine Familie gründen. Es sind schließlich stets die Frauen, die dann zu Hause bleiben, auch Jiyoung.

Erzählt in Form eines Rapports

Solche oder ähnliche Erfahrungen hat jede Frau auf dieser Welt gemacht. In manchen Ländern mehr, in anderen weniger. Jiyoungs Geschichte soll dezidiert nicht originell sein, und deshalb erzählt Cho Nam-Joo sie auch in Form eines Rapports, den die Übersetzerin Ki-Hyang Lee in ein schön nüchternes Deutsch übertragen hat.

Dieser Bericht besitzt zwar stilistisch keinerlei Reiz, hat in seiner konsequenten Umsetzung aber erstaunlich viel Wumms. Zumal der personale Erzähler Jiyoungs Leben nicht nur resümiert, sondern auch an vielen Stellen soziologisch einordnet und somit verallgemeinert.

Fußnoten verweisen in dem Roman auf wissenschaftliche Publikationen, die die Problemlagen einer jungen Frau wie Jiyoung statistisch unterfüttern. Jiyoungs Probleme sind also keine privaten, sondern entspringen der Tiefenstruktur einer patriarchalischen Gesellschaft.

Verkaufserfolg in Korea

Auch deswegen hat sich Chos Roman in Korea weit über eine Million Mal verkauft. Er wurde zudem in zwölf Sprachen übersetzt, und auch verfilmt. Die Leistungsgesellschaft an sich zweifelt Cho aber übrigens nicht an; ihr geht es nur um die strukturelle Benachteiligung der Frauen darin.

Ihre Hauptfigur habe viel von ihr selbst, notiert die Autorin im Nachwort. Auch wenn es sich um keine Icherzählung handelt und eine Befreiung beklemmenderweise ausbleibt, reiht sich der Roman in die diskriminierungszentrierten Selbsterkundungen ein, die gerade in vielen Ländern der Welt boomen.

Die literarische Qualität dieser autobiografischen Schriften ist unterschiedlich – auch Chos Roman ist eher ein Gebrauchstext –, ihre Wirkung aber ähnlich: Es entsteht ein Gruppenbewusstsein, das politisch wirksam werden kann.

Cho Nam-Joo: "Kim Jiyoung, geboren 1982"
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
208 Seiten, 18 Euro

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