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Im Gespräch | Beitrag vom 22.01.2019

Chirurgin über GenitalverstümmelungHilfe mit hoher Erfolgsquote

Cornelia Strunz im Gespräch mit Ulrike Timm

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Die Chirurgin Cornelia Strunz ist die ärztliche Koordinatorin des "Desert Flower Center", einer Einrichtung im Krankenhaus Waldfriede in Berlin, die Frauen mit verstümmelten Genitalien chirurgisch und psychologisch versorgt. (picture alliance / dpa)
Die Chirurgin Cornelia Strunz ist die ärztliche Koordinatorin des "Desert Flower Center", einer Einrichtung im Krankenhaus Waldfriede in Berlin, die Frauen mit verstümmelten Genitalien chirurgisch und psychologisch versorgt. (picture alliance / dpa)

Seit mehr als fünf Jahren behandelt die Berliner Chirurgin Cornelia Strunz Frauen, die Opfer von Genitalverstümmelung wurden - mit hoher Erfolgsbilanz: Fast jeder Patientin kann geholfen werden. Ihr Ziel ist, ein Umdenken zu erreichen.

Die Chirurgin Cornelia Strunz ist Ärztin aus Leidenschaft und auch ein bisschen aus familiärer Tradition. Seit Herbst 2013 behandelt sie Frauen, die Opfer von Genitalverstümmelung geworden sind. Desert Flower Foundation nennt sich die Stiftung, deren Generalsekretärin Strunz ist und mit deren Unterstützung im Berliner Krankenhaus Waldfriede rekonstruierende Operationen durchgeführt werden – mit sehr hoher Erfolgsquote: Fast jeder Frau kann geholfen werden. Diese Ergebnisse und die Dankbarkeit der Operierten, die endlich wieder Frauen sein dürfen, geben Cornelia Strunz die Energie, mit ihrer Arbeit weiterzumachen und bei all den schweren Schicksalen nicht den Mut zu verlieren.

Das Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede ist meist die erste Stelle, an die sich betroffene Frauen wenden.

"Ich merke, dass ich meistens die allererste Ansprechpartnerin bin in der Sprechstunde, mit der die Frauen sich überhaupt über ihr Erlebtes unterhalten können. Sie können sich weder mit ihren Geschwistern darüber unterhalten, geschweige denn mit den Eltern – und diese Frauen würden auch nie sagen, dass sie ihren Eltern das vorwerfen. Sie würden immer ihre eigenen Mütter auch in Schutz nehmen, weil ihre Mütter nur das Beste für sie wollten."

Kleines Umdenken als großer Erfolg

Das Bewusstsein dafür, dass Genitalverstümmelung weder religiös gefordert ist, noch irgendeinen sonstigen Nutzen haben könnte, müsse sich in den Gesellschaften selber erst durchsetzen. Und das wird sich vermutlich noch über Generationen hinziehen – auch heute noch gelten in vielen Ländern unbeschnittene Frauen nicht als Erwachsene und werden als "kleine Mädchen" betrachtet. Frauen, die ihre Heimat verlassen haben und beispielsweise in Europa leben, haben es einerseits selbst oft leichter. Denn sie sind oft nicht den traditionellen Einstellungen ausgeliefert, und können andererseits auch Positives für weitere Generationen bewirken:

"Jedes kleine Mädchen, was wir hier retten können, das ist für mich so ein Gewinn. Wir haben ja auch viele Frauen, die durch unsere Operationen schwanger werden konnten, und wenn die dann Kinder gebären und wenn das Mädchen sind, dann reden wir mit den Müttern natürlich darüber, dass sie ihre Mädchen auf keinen Fall genitalverstümmeln dürfen. Das wissen die Frauen, die sich bei uns behandeln lassen. Und das ist für uns ein kleiner Erfolg. Wir haben ja einmal im Monat diese Selbsthilfegruppe, wo sich bis zu 30, 40 Frauen vorstellen, wo wir immer wieder darüber reden. Und wenn in dieser Generation ein kleines Umdenken stattfindet, dann ist das für mich ein ganz großer Erfolg."

Wie man als europäische Ärztin das Vertrauen afrikanischer Patientinnen gewinnt, was Berliner Philharmoniker zum Erfolg ihrer Stiftung beitragen und welche Schritte die Ärzte und Aktivisten zur Vermeidung weiterer Verstümmelungen unternehmen - darüber spricht Ulrike Timm mit Cornelia Strunz.

(Diese Sendung ist eine Wiederholung vom 11.05.2017.)

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