Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Sonntag, 22.09.2019
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Im Gespräch | Beitrag vom 28.06.2019

Chirurg und Autor Bernd HontschikHeilkunst ist mehr als reine Technik

Moderation: Gisela Steinhauer

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das Foto zeigt den Mediziner und Autor Bernd Hontschik. (Ute Schendel)
Der Mediziner und Autor Bernd Hontschik übt scharfe Kritik an der hochtechnisierten Medizin. (Ute Schendel)

Chirurg, Buchautor und Kolumnist Bernd Hontschik blickt auf mehr als 40 Berufsjahre zurück. Er kritisiert: Unser Gesundheitssystem ist zu sehr auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet. Das gehe zulasten der Patienten. Genauso wie die hochtechnisierte Medizin.

Im Laufe seiner Berufsjahre hat sich die Medizin deutlich zu ihrem Nachteil verändert, findet Bernd Hontschik. Es werde immer weniger mit den Patienten gesprochen und immer weniger körperlich untersucht, sagt der Chirug und Kolumnist:

"Ich glaube, wenn man das verstehen will, muss man nur der Spur des Geldes folgen. Hochtechnisierte Untersuchungen werden perfekt bezahlt, wenn ich mich aber eine Stunde mit Ihnen unterhalte, kommt nicht viel dabei rum. Das stört natürlich erheblich die Bilanz eines niedergelassenen Arztes."

Wirtschaftlicher Druck gefährdet medizinische Versorgung

Noch extremer sei aber die Ökonomisierung der Medizin in den Krankenhäusern, berichtet er. Dort müssten sich Ärzte inzwischen mehr mit der Abrechnung ihrer Leistungen als mit ihrer eigentlichen medizinischen Arbeit befassen.

Ursache dafür sei die grundsätzliche politische Ausrichtung der Gesundheits- und Sozialpolitik in Deutschland:

"Es hat sich seit der Agenda 2010 - seitdem der Staat gesagt hat, dass er sich immer mehr zurückzieht aus der Daseinsvorsorge - die ganze Richtung der Sozialsysteme gewandelt. Seitdem ist ein Bereich nach dem anderen geöffnet worden für sogenannte Investoren, die Krankenhäuser kaufen, Arztpraxen kaufen, medizinische Gesundheitszentren betreiben. Diese Richtungsänderung zieht Ärztinnen und Ärzten, Pflegerinnen und Pflegern immer mehr den Boden unter den Füßen weg."

Menschen reagieren nicht wie Maschinen

Bernd Hontschik übt außerdem scharfe Kritik an der hochtechnisierten Medizin. Das Menschenbild, das dieser Form der Medizin zugrunde liege, führe in die Irre. Es gehe davon aus, dass der menschliche Organismus eine Maschine sei, ein Ursache-Wirkungs-System. Es nehme an, dass man, wenn jemand krank werde, nur die Ursache finden und den Schalter wieder umlegen müsse - und schon werde der Patient wieder gesund.

"Da der Mensch aber ein Lebewesen ist, ist das Ganze sehr viel komplizierter. In einer technischen Maschine erfolgt auf eine technische Ursache immer die gleiche Wirkung. In einem Lebewesen erfolgt auf die gleiche Ursache immer eine andere Wirkung, nach Tageszeit, nach Stimmung, ob man Hunger hat oder keinen, das verändert alles total. Und der Arzt ist auch ein Lebewesen. Und wenn zwei Lebewesen zusammenkommen, da etwas Gescheites miteinander anfangen zu können, ist schon eine große Kunst. Das ist die Heilkunst."

Ohne Pflegepersonal bricht alles zusammen

Hontschik würdigt den Berufsethos die Krankenschwestern und Krankenpfleger. Es sei eine "Schande", wie das Pflegepersonal behandelt und bezahlt werde, schimpft er: "Es wird immer so viel von Ethos geredet. Wenn es in unserem Gesundheitswesen jemanden gibt, der jeden Morgen mit ganzem Herzen und einem ganz hohen Ethos zur Arbeit geht, dann sind das auch die Ärzte, aber in erster Linie die Schwestern und Pfleger. Wenn es das nicht gäbe, könnten wir den Laden schon lange zumachen."

Bernd Hontschik: Erkranken schadet Ihrer Gesundheit
Westend Verlag, Frankfurt / Main 2019
160 Seiten, 16,00 Euro

(ruk)

Mehr zum Thema

Ökonomisierung der Medizin - Junge Ärzte fordern andere Arbeitsbedingungen
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 27.05.2019)

Algorithmen in der Medizin - Wenn der Patient zum "Datenkörper" wird
(Deutschlandfunk Kultur, Breitband, 11.05.2019)

Besser heilen - Wie können wir traditionelle und moderne Medizin verbinden?
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 16.03.2019)

Im Gespräch

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur