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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.12.2018

Chinelo Okparanta: "Unter den Udala Bäumen" Verbotene Liebe in Nigeria

Von Birgit Koß

Mit ihrer wenigen Habe kehren nach der Kapitulation Biafras und dem Ende des Krieges die Flüchtlinge zurück in ihre Dörfer in der ehemals abtrünnigen Republik Biafra, aufgenommen am 20.01.1970. Am 30.05.1967 feierten die rund 14 Millionen Einwohner des erdölreichen Biafra die Unabhängigkeit von Nigeria und die Gründung der Republik. Schon ein Jahr später tobte der erste Krieg seit der Entkolonialisierung auf dem schwarzen Kontinent. Der Name Biafra wurde zum Synonym für Elend, Hunger, Verzweiflung und Massensterben. (Wunderhorn Verlag / picture alliance / dpa / UPI)
Für ihr Roman-Debüt ist Chinelo Okparanta bereits mehrfach ausgezeichnet worden. (Wunderhorn Verlag / picture alliance / dpa / UPI)

Chinelo Okparantas Debüt-Roman erzählt von einer Liebesbeziehung Ende der 1960er, die in dreifacher Hinsicht nicht sein durfte: Ijeoma ist Christin und eine Ibo, Amina eine Muslimin und eine Haussa. Und beide sind Frauen.

2014 setzte der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan ein Gesetz in Kraft, das gleichgeschlechtliche Beziehungen sowie deren Unterstützung kriminalisiert und mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft. In den nördlichen Bundesstaaten erfolgt für diese "Vergehen" die Steinigung. Chinelo Okparanta möchte mit ihrem Debüt "Unter den Udala Bäumen" der LGBTQ-Community Nigerias eine Stimme geben.

Die Autorin erzählt die Entwicklungsgeschichte der elfjährigen Ijeoma, die 1968 im Biafra-Krieg, im Süden Nigerias, bei einem Bombenangriff ihren Vater verliert. Ihre schwer traumatisierte Mutter kann diesen Verlust und die damit einhergehende Verarmung nicht verwinden und gibt ihre einzige Tochter zu einer befreundeten Familie, wo Ijeoma als Hausmädchen arbeiten muss. Hier trifft sie – eine christliche Ibo – auf die gleichaltrige muslimische Amina, eine Haussa, die ihre gesamte Familie im Krieg verloren hat. Die beiden Mädchen aus verfeindeten Ethnien teilen sich die Arbeit, das Zimmer, das Bett. Aus anfänglicher Freundschaft entwickeln sich weitergehende Gefühle, doch beim ersten Versuch, diesen nachzugehen, werden sie "erwischt". Sie haben gesellschaftliche, ethnische und religiöse Grenzen überschritten.

Angst vor gesellschaftlicher Verfolgung

Ijeoma muss zu ihrer streng christlichen Mutter zurückkehren, die ihr durch ein hartes Bibelstudium ihre Verfehlung – "das Gräuel" – klarmachen und austreiben will. Als die beiden Mädchen sich nach Kriegsende in der Schule wiedertreffen, wird ihre Beziehung von Angst überschattet. Amina heiratet nach ihrem Schulabschluss und auch Ijeoma geht schließlich den gleichen Weg, obwohl sie vorher die junge Lehrerin Ndidi kennen- und lieben lernt, die sie in homosexuelle Kreise in ihrem Ort einführt. Doch Angst vor gesellschaftlicher Verfolgung und der Druck ihrer Mutter, ein "normales" Leben zu führen, sind stärker.

Chinelo Okparanta gelingt es, inhaltlich und sprachlich überzeugend aus der Perspektive einer Jugendlichen zu erzählen: ihre ersten schüchternen Liebeserfahrungen und die fürchterliche Strafe durch ihre streng christliche Mutter, die nur das Beste für ihre Tochter will. So gibt es diverse Bibelzitate aus dem Alten Testament, die die Homosexualität verdammen. Doch stellt sich Ijeoma die Frage, ob man alle Bibelstellen wörtlich nehmen muss oder ob es nicht auch Allegorien sein könnten, die andere Deutungen zulassen.

Berührendes, facettenreiches Debüt

Eindrucksvoll schildert die Autorin das Elend während des Biafra-Krieges Ende der 60er-Jahre im Südosten Nigerias. Erstmals gingen damals Fernsehbilder von verhungernden Kindern rund um die Welt. Sie beschreibt die fortwährende Hexenjagd gegenüber Homosexuellen in Nigeria, die bis heute anhält und die tiefe, innere Zerrissenheit ihrer Protagonistin. Ihre verschiedenen Charaktere zeichnet sie äußerst facettenreich: Ijeomas Mutter, die sich schließlich doch noch mit dem "Anderssein" ihrer Tochter arrangiert und auch Chibundu, der Jugendfreund und spätere Ehemann von Ijeoma, der sich nicht von religiösen Vorurteilen leiten lässt, aber einfach nicht verstehen kann, warum seine Frau ihn nicht liebt. Und schließlich Ijeoma, die am Ende doch ihren eigenen Weg findet.

Chinelo Okparanta ist im Alter von 10 Jahren mit ihrer Familie in die USA emigriert. Nach einigen Kurzgeschichten ist "Unter den Udala Bäumen" ihr erster Roman. Für ihr berührendes und facettenreiches Debüt ist sie mehrfach ausgezeichnet worden.

Chinelo Okparanta: "Unter den Udala Bäumen"
Aus dem nigerianischen Englisch von Sonja Finck und Maria Hummitzsch
Wunderhorn Verlag, Heidelberg, 2018
336 Seiten // 25,80 Euro

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