Dienstag, 02.03.2021
 

Zeitfragen | Beitrag vom 15.02.2021

Chinas SoftpowerstrategieMit Videospielen zur kulturellen Weltmacht?

Von Tassilo Hummel und Jan Karon

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Ein Bild aus dem Fantasy-Spiel: "Genshin-Impact". (Genshin-Impact)
Politische Diskussionen unerwünscht: Die Wörter "Hongkong und "Taiwan" sind bei Chinas erstem internationalen Gaming-Kassenschlager "Genshin Impact" tabu. (Genshin-Impact)

Unpolitisch, bunt, unverfänglich: So inszenieren sich die neuen chinesischen Kulturexporte, etwa Videospiele wie Genshin Impact, und begeistern damit junge Leute. Doch eigentlich geht es dabei vor allem um Imagepflege Chinas - und um Einfluss.

Die Welt im Frühjahr 2020. Ausgehend von China erfasst das neuartige Coronavirus den Erdball. Die Menschen bleiben zu Hause, schotten sich ab. Überall herrschen Ungewissheit und Angst. Fast überall.

Bei TikTok ist beste Stimmung und Klamauk. Tausende User nehmen an der "Horse Riding Challenge" teil. Die Idee: Eine Person stellt sich mit dem Rücken vor die Kamera, eine weitere tritt ins Bild, beugt sich zur Kamera vor und schüttelt gemächlich die bestenfalls langen Haare, die so dem Schweif eines hin und her wiegenden Pferdehinterns gleichen. Zusammen mit dem Vordermann, der jetzt noch einen breitkrempigen Hut schwenken muss, ergibt sich das skurrile Bild eines Cowboys, der davonreitet – vermutlich in den Sonnenuntergang.

Purer Schabernack, lustig, harmlos. Doch für viele ist es dennoch hochpolitisch:

"Jeder Bürger Chinas und jedes Unternehmen muss mit dem staatlichen Geheimdienst kooperieren. Das ist Gesetz!", betont der Journalist Yi-Zengh Lian. Beobachter wie er sehen in TikToks durchschlagendem Erfolg ein Sinnbild für Chinas gestiegenen Einfluss in unserem Alltag. Denn nicht nur TikTok, auch der Videodienst Zoom hat chinesische Wurzeln. Genauso wie der Tencent-Konzern, der sich von "Fortnite", "League of Legend" und "Zelda" bis hin zu Handygames in so ziemlich jede Sparte der westlichen Videospielindustrie eingekauft hat.

All das passt zur Politik von Staatschef Xi Jingping: Staat, Bürger, Unternehmen sollen mit anpacken, um Chinas Stellung in der Welt zu verbessern. Doch mit Militär und harter Machtpolitik hat dies nichts zu tun. Die digitalen chinesischen Kulturexporte sind praktisch, unterhaltsam und unverfänglich. Gerade deshalb sind sie so beliebt. Das Land, das bis vor wenigen Jahren noch als Werkbank der Welt galt, hat so einen Weg gefunden, in bislang verschlossene Bereiche vorzudringen: China wird zur Soft Power.

Ein positives Image vergrößert den politischen Einfluss

"Soft Power ist ein sehr schwer zu definierender Begriff", sagt Mareike Ohlberg, Forscherin im Asienprogramm des German Marshall Funds. Sie ist eine der Expertinnen zum Thema Chinas Einfluss in Deutschland – und zum Thema Soft Power.

"Es geht bei Soft Power vor allen Dingen um kulturelle Ressourcen, kulturelle Beliebtheit, das eigene Image samt quasi sämtlichen weichen, kulturellen Sachen, durch deren Beliebtheit ein Land, so die Idee, Einfluss erreichen kann."

Das Paradebeispiel für diese kulturellen Ressourcen sind Hollywood, Coca-Cola und Popmusik. Kaum verwunderlich also, dass der Erfinder des Begriffs ein Amerikaner war, Joseph Nye von der Harvard University. Seine These:

"Man sagt, dass die eigene Kultur in anderen Ländern beliebt ist und deshalb andere Länder sich automatisch auch mit den Zielen dieses Landes identifizieren. Also, alle finden Hollywood-Filme toll, deshalb ist es jetzt einfacher für die USA, beliebt zu sein."

Mit Glückskeksen wird man nicht zur Soft Power

Die USA galten immer als die Soft-Power-Supermacht schlechthin. Danach kommen Länder wie Großbritannien, "das Land des guten Stils" von den Royals bis James Bond. Frankreich mit seiner reichen "Kultur und Lebensart". Italien mit seiner "Geschichte", der Oper, den Renaissance-Malern. Deutschland, das Land der "Ingenieure und Erfinder". Viele dieser Zuschreibungen und Vorurteile sind durch aktive Imagekampagnen der Staaten am Leben erhalten oder verstärkt worden. Selbst koreanischer K-Pop und japanische Mangas wurden wahre Exportschlager und vermitteln ein positives Bild von ihrem Ursprungsland.

China – so die verbreitete Meinung – war bisher bei all seiner wirtschaftlichen Macht und Größe softpowertechnisch immer unterlegen. Oder wann waren Sie das letzte Mal in einem chinesischen Kinofilm oder haben einen chinesischen Popsong im Radio gehört? Mit Glückskeksen und Peking-Ente und noch dazu einem Regime, das die kreative Freiheit unterdrückt und zensiert, werde man eben nicht zum kulturellen Hegemon. Weit gefehlt:

"Ein sehr berühmter Harvard-Professor", sagt Yizengh Lian mit Blick auf Joseph Nye, den Erfinder der Soft Power, "der hat mal gesagt, China habe keine Anziehungskraft als Soft Power, egal ob wirtschaftlich oder kulturell betrachtet. Das Gegenteil ist der Fall."

Yizengh Lian ist Wirtschaftsprofessor und Journalist. Ursprünglich kommt er aus Hongkong, wo er eine große Tageszeitung leitete. Heute lebt er in Japan im selbst gewählten Exil und schreibt eine China-Kolumne für die New York Times. Lians These: Durch seine Apps, durch soziale Netzwerke und Computerspiele ist China längst zu einer ernst zu nehmenden "Soft Power" geworden.

"Die Menschen im Westen können es sich heutzutage nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, wenn ein Staat totalitär ist, so wie China", sagt er. "TikTok etwa gehört zum chinesischen Bytedance Konzern. Dieser wurde gegründet, als Xi Jingping bereits an die Macht kam."

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Die kommunistische Partei Chinas beschäftigt sich in der Tat schon länger mit dem Begriff der Soft Power. 2007 wurde er erstmals im Abschlusskommuniqué des Parteikongresses erwähnt. Ein Jahr später waren die Olympischen Spiele in Peking. Ähnlich wie für Deutschland 2006 die WM im eigenen Land eine gute Gelegenheit für den Gastgeber, sich selbst aktiv zu vermarkten.

"Und da war dann natürlich die Idee, wir können jetzt unsere eigene Soft Power aufbauen, und es ist sogar wichtig für uns, unsere eigene Soft Power aufzubauen, damit wir nicht nur wirtschaftlich und militärisch ein starkes großes Land sind, sondern auch eine große kulturelle Macht werden können."

Zu Zeiten von Hu Jintao, dem Vorgänger des heutigen Parteichefs, lag das Augenmerks Peking noch ganz auf der klassischen Kulturförderung. Durch den Export traditioneller chinesischer Kunst und Kultur wollte das Land sein Image aufpolieren – mit mäßigem Erfolg.

"Ich gehöre tatsächlich auch zu denen, die sagen, in der Regel entsteht so ein beliebtes kulturelles Produkt, was international gut ankommt. Entsteht normalerweise nicht, weil das Politbüro eine Anweisung an jemanden gibt, das zu kreieren."

Ironischerweise wurde unter Hus Regentschaft ausgerechnet einer seiner schärfsten Kritiker zum so gut wie einzigen international wirklich anerkannten Künstler: Ai Weiwei. Doch 2012 kam dann der heutige Staatsführer Xi Jingping an die Macht und läutete eine neue Ära ein. Das Streben nach Soft Power bedeutet für ihn nicht nur Kulturpolitik – es soll das Streben aller Chinesen weltweit sein, die Außenwahrnehmung ihres Landes aktiv mitzugestalten. Bei einem seiner ersten Parteikongresse als Staatsoberhaupt sagte Xi:

"Wir müssen Chinas Soft Power vergrößern, uns ein gutes Narrativ geben und der Welt Chinas Botschaft besser rüberbringen!"

Privatunternehmen im Dienst der Marke China

Als Teil der neuen Soft-Power-Offensive finanziert China auf der ganzen Welt "Konfuzius-Institute", bei denen Interessierte preiswert Chinesisch lernen können. Innerhalb weniger Jahre wurden über 500 dieser Sprachschulen eröffnet. Hinzu kamen Auslandsbüros der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua sowie ein Milliardeninvestment in ebenfalls vom Regime kontrollierte Fernseh- und Radiosender, die das Bild von China als moderner und friedlicher Weltmacht auf Englisch, Russisch, Arabisch, Französisch und Spanisch in die Welt senden. CGTN klingt beim ersten Hören wie die internationalen Programme der Deutschen Welle oder BBC – auch wenn hier ein anderes Verhältnis von Journalismus und staatlicher Propaganda vorherrscht. Doch explizit nimmt Xi Jingping für die Aufgabe, Chinas Botschaft in die Welt zu tragen, auch alle chinesischen Bürger und Unternehmen in die Pflicht.

"Man hat auch an Unternehmen appelliert, hat gesagt: So, ihr müsst hier mit euren Produkten quasi an unserem Markenaufbau, an der Marke China aktiv mitarbeiten und das kommt dann auch euch zugute."

Eine Lehrerin mit rotem Kopftuch bringt einer Klasse aus jungen Frauen und Männern am Konfuzius-Institut in Daressalam Chinesisch bei. (imago / Xinhua)Mehr als 500 Konfuzius-Institute unterhält China weltweit - wie hier in Daressalam in Tansania. (imago / Xinhua)

Nur kurze Zeit später erscheinen die ersten großen Marken, die auch außerhalb Chinas jeder kennt. Huawei zum Beispiel. Und TikTok. Die Video-App ist in kurzer Zeit zum wertvollsten Social-Media-Start-up der Welt geworden. Und der Algorithmus von TikTok kennt die persönlichen Vorlieben eines jeden Einzelnen wohl besser als jede andere App oder Social-Media-Plattform auf dem Markt.

"Youtube hat es innerhalb von 15 Jahren zu zwei Milliarden aktiven Nutzern geschafft. TikTok ist nach zwei Jahren bereits bei rund 700 Millionen aktive Nutzer. TikTok ist viel schneller unterwegs, als es Youtube jemals war", sagt Chris Stokel-Walker, der als Tech-Reporter unter anderen für das Magazin Wired, die BBC und die New York Times recherchiert. Der Brite schrieb einen Bestseller über Youtube und arbeitet momentan an einem Buch über TikTok – die App, die trotz ihres hauptsächlich unverfänglichen Contents zu einem Politikum wurde.

"In den letzten 25, 30 Jahren hat die ganze Welt im Prinzip nur Programme und soziale Netzwerke genutzt, die aus einer kleinen Gegend in den USA kamen, dem Silicon Valley. Wir alle sind deren Regeln und Wertevorstellungen gefolgt. TikTok ist jetzt zur ersten wirklich globalen Plattform geworden, die nicht aus dem Silicon Valley kommt. Die große Frage lautet: Ist TikTok eine Art trojanisches Pferd für eine ganze Armee von weiteren chinesischen Apps, die dann neue Fragen aufwerfen: etwa zum Thema Datenschutz oder zur Verbindung von sozialen Netzwerken und Onlineshopping, was in China schon ein sehr großes Ding ist, oder auch zum Thema Zensur von Inhalten."

TikTok redet seine chinesischen Wurzeln klein

Aktuell seien da mehr Fragen als wirkliche Erkenntnisse. Besonders interessant, so Stokel-Walker, sei jedoch, dass die App so gut wie alles dafür tue, ihre chinesischen Wurzeln kleinzureden. TikTok hat einen amerikanischen CEO und vermeidet es nach Kräften, als chinesisches Unternehmen wahrgenommen zu werden.

"TikTok sagt, sie seien kein chinesisches Unternehmen und verweisen darauf, dass ihr Sitz offiziell auf den Cayman Islands liegt. Das ist schon faszinierend: Die sagen lieber, sie sitzen in einem Steuerparadies, als zuzugeben, dass sie zu einem chinesischen Konzern gehören!"

TikTok gehört zu Bytedance, einem der größten Tech-Konzerne Chinas. Dieser verfolgt eine Doppelstrategie. In China vermarktet Bytedance die App Douyin – vom Aufbau und der Technologie her ein Klon von TikTok. TikTok selbst ist nur im Ausland verfügbar. Der Bytedance-Konzern ist fest eingebaut in den chinesischen Machtapparat – inklusive unternehmenseigenem Parteikomitee und offen eingestandener Zensur. Kritiker sehen deswegen auch in TikTok ein Sicherheitsrisiko. Eine Art subversive Smartphone-Waffe Pekings. Stimmt das? 

"Das ist die Frage, die uns alle beschäftigt", sagt Stokel-Walker. "Wenn es die Verbindung zwischen TikTok und dem chinesischen Staat wirklich gibt, dann haben wir Journalisten sie jedenfalls noch nicht gefunden. Ich bin wirklich gut in meinem Job und ich würde wirklich zu gern so einen Scoop schreiben. Ich schreibe ja auch Geschichten über TikTok, aber keine lautet: 'Xi Jingping überwacht deine Tochter über ihr Smartphone'. Soweit ich weiß, passiert das nicht, aber vielleicht stehe ich in fünf Jahren dann auch wie ein Idiot dar."

Während die Journalisten den ganz großen TikTok-Scoop noch suchen, ist in der Öffentlichkeit bereits bekannt, dass es einzelne Zensur-Vorkommnisse auf TikTok gab, etwa im Zuge der Bürgerrechtsproteste in HongKong. TikTok bestreitet, dass solche Vorgänge aktuell immer noch vorkommen und sagt, dass seine Richtlinien zur Meinungsfreiheit an außerchinesische Standards angepasst seien.

Das Wort "Hongkong" kennt Genshin Impact nicht

Doch Zensurvorwürfe haben Ende letzten Jahres auch die Branche erfasst, die wohl wie keine zweite für die neu erlangte Soft Power Chinas steht – Videospiele. Spieler haben festgestellt, dass sie im Chat des Fantasy-Spiels "Genshin Impact", dem ersten internationalen Gaming-Kassenschlager aus China, die Wörter "Hongkong" und "Taiwan" nicht eintippen können. In der bunten Welt aus Drachen und Göttern scheinen politische Diskussionen unerwünscht.

"Ich finde sehr bedenklich", sagt Odile Limpach. "Es ist bedenklich, weil wir alle wissen, dass China mit Menschenrechten nicht unbedingt sehr gut umgeht. Und es ist auch bedenklich, wenn eine Region zu viel Macht hat, egal welche. Es ist auch nicht gut ist für einen Markt und besonderes den Computerspielmarkt. Wir leben von Diversität, von Vielfalt."

Odile Limpach ist Professorin mit Schwerpunkt Computerspiele an der Technischen Hochschule Köln. In der Videospielbranche wird gerade bemerkt, dass China für Videospiele nicht nur ein Milliardenabsatzmarkt ist. Chinesische Unternehmen wie der Tech-Gigant Tencent kaufen sich auch im Ausland in die Videospielbranche ein. Tencent ist zudem Mitbetreiber des Messengerdienstes WeChat und gilt als der größte Videospielhersteller der Welt. Auch an Ubisoft, wo Odile Limpach früher als Managerin gearbeitet hat, hält Tencent einen großen Anteil. Genauso wie am französischen Voodoo.io – dem Weltmarktführer für Mini-Handyspiele. Das ist bedenklich, findet Limpach:

"Videospiele gehören zum Kulturbackground einer Nation und daher spielen sie eine sehr große Rolle, fast jeder spielt Videospiele. Ich würde sagen, Videospiele sind sehr wichtig für diese Definition von Soft Power, weil sie mit Communitys arbeiten. Und was ist eine Community? Es ist sind Leute, die gleiche Werte teilen, und die treffen sich in ihrem Videospiel."

Ein Messebesucher mit Mund-Nasenschutz vor einem "League-of-Legends"-Schild. (imago / Hans Lucas / Walid Berrazeg)Der Tencent-Konzern hat sich in fast alle Sparten der Videospielindustrie eingekauft und steht damit auch hinter dem Spiel "League of Legends". (imago / Hans Lucas / Walid Berrazeg)

Wie politisch das Daddeln ist, musste auch Mesut Özil erfahren, als sich der Spieler auf Twitter kritisch zur chinesischen Unterdrückung der muslimischen Uiguren äußerte. Daraufhin wurde er aus der chinesischen Mobilversion von Pro Evolution Soccer kurzerhand gestrichen. Er habe die Gefühle der chinesischen Gamer verletzt. Doch auch jenseits solcher eher seltener Eingriffe sind Videospiele mit chinesischer Beteiligung ein heikles Thema. Die Spielerinnen und Spieler verbringen einen jährlich wachsenden Teil ihres Lebens darin. Manche Spiele haben mehr aktive User als Netflix. Damit werden die Spielekonzerne zu riesigen Datenkraken. 

"Die Spiele-Entwickler in Europa müssen sehr gute Regelungen einhalten, was die Daten von Spielern angeht", so Odile Limpach. "Das ist natürlich für Spiele, wo die Daten nach China auswandern, überhaupt nicht da, und das ist sehr gefährlich."

Die Gaming-Expertin hat damit ähnliche Bedenken wie der Hong-Konger Professor Yi-Zengh Lian:

"Warum sollten sie ein Unternehmen innerhalb Chinas so eng kontrollieren, wie sie dort alle großen Unternehmen kontrollieren und sie dann in Freiheit lassen, nur weil sie ihre Aktivitäten auf das Ausland ausdehnen?"

Werden die Daten an die Partei weitergegeben?

"Wenn ich ein chinesisches Unternehmen bin, bin ich eingebunden in den rechtlichen politischen Rahmen, der in China existiert," sagt China-Expertin Mareike Ohlberg. "Das heißt, ich bin letztlich verpflichtet, über diverse Gesetze, nicht nur über ein einziges, sondern über einen gesamten gesetzlichen Rahmen zu kooperieren. Ich habe auch letztlich wenig Anreiz, nicht zu kooperieren. Inzwischen sind Zeiten gekommen, wo wenn man sich gegen die Parteien stellt, dann hat man das nicht gut. Das ist einfach so."

Auch wenn dafür noch keine klaren Beweise oder Leaks vorliegen, sagt die Expertin: Es ist nicht davon auszugehen, dass Daten nicht an die Partei weitergegeben werden. Das ist in China auch nicht rechtswidrig – im Gegenteil. Es entspricht der dortigen Rechtslage.

"Wenn jetzt ein chinesisches Unternehmen eine Anfrage kriegt, vom Staat oder von der Partei, mit dem Staat zu kooperieren, bestimmte Daten weiterzuleiten. Was wäre dann der Weg, sich dagegen zu wehren? Und das kann man mir nicht aufzeigen, weil es diesen Weg zumindest meines Wissens nach nicht gibt."

Darüber hätten wir gerne mit TikTok Germany gesprochen, die in Berlin ein schickes Büro unterhalten und fleißig neue Leute einstellen: Doch leider war TikTok für ein Interview zum Thema nicht bereit.

Die große Frage lautet: Wie sehr hängen chinesische Unternehmen und der chinesische Staat zusammen, wenn es darum geht, Chinas Erzählung in die Welt zu bringen, wie es Xi Jingping einfordert?

"Wir freuen uns zu sehen, dass sich immer mehr Ausländer durch Konfuzius-Institute mit der chinesischen Sprache und Kultur vertraut machen, immer mehr Zuschauer in Übersee durch CGTN das reale und vielfältige China näher kennenlernen und immer mehr Leute mittels chinesische(r) Online-Plattformen das neue digitale Zeitalter umarmen (sic). Wir hoffen, dass all dies Menschen der Welt ermöglicht, das heutige China zu kennen und zu verstehen, und gleichzeitig die Verständigung und Freundschaft zwischen unterschiedlichen Ländern und Völkern zu fördern."

Zu einem Interview war allerdings auch in der Botschaft niemand bereit.

"Das ist eine Identitätsfrage"

Einer, der sich getraut hat, ist Emon Wang. Er hat in Deutschland studiert und betreibt in Berlin die Firma TechCode, einen deutsch-chinesischen Start-up-Accelerator. Er hilft Chinesen und Deutschen, zusammen Business zu machen. Finanziert wird das Ganze von einem chinesischen Großkonzern. Wang bezeichnet sich als kulturellen Brückenbauer. Ist auch er Teil von Xis Soft-Power-Strategie?

"Wir fühlen uns nicht Teil als der nationalen Strategie. Aber ich bin Chinese, ein chinesisches Unternehmen, ich bin stolz auf mein Land und meine Landsleute. Diesen nationalen Stolz haben wir natürlich, aber das ist nicht von Peking vorgeschrieben, sondern eine Identitätsfrage."

Zwei chinesische Männer und eine Frau sitzen auf einem Podium, vor ihnen der Schriftzug CGTN.  (imago / Xinhua / Ju Peng)Auch der Auslandssender CGTN dient China dazu, seine Version der Geschichte zu verbreiten. (imago / Xinhua / Ju Peng)

Wang findet es richtig, dass China, etwa über ins Ausland gerichtete Sender und Medienunternehmen, seine Version der Geschichte erzählt.

"Ich glaube auch, China wird sich mehr öffnen, aber das passiert nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess."

Themen wie Zensur, Menschenrechtsverletzungen, so Wang, sollten besser vermieden werden, wenn man Geschäfte machen will.

"Aber sagen wir mal so: Wenn man in China Geschäfte machen will, muss man den lokalen Gesetzen in China folgen. Anderes Land, andere Sitten."

Von China bezahlte Lehrstühle

Unternehmen wollen Geld verdienen. Da sollten Wertefragen nicht im Weg stehen. Das Werte-China und das Business-China, das seien zwei "Parallelwelten", so Wang:

"In Deutschland haben wir immer zwei Bilder von China. Einerseits das ökonomische, das des boomenden Chinas, technologisch, als Absatzmarkt. Und auf der anderen Seite kritisiert man sehr oft China, wegen Problemen in Hongkong, Tibet, der Menschenrechte."

China hat verstanden, dass Soft Power und Geld zusammengehören. Nicht nur, um Chinas Geschichte selbst so erzählen zu können, wie das Land sie gern hört. Sondern vor allem, damit andere keine andere Geschichte von China erzählen. Eine von Internierungslagern für ethnische Minderheiten in der Provinz Xinjian zum Beispiel, oder von unterdrückten Menschenrechten in Hongkong oder Tibet. Besonders clever: China finanziert im Rahmen seiner Soft-Power-Strategie Teile der China-Studien, genannt Sinologie, also der Wissenschaft, die sich objektiv und kritisch mit China auseinandersetzen müsste.

"Wie kann eine Chinaforschung unabhängig sein, wenn sie zugleich von einem autoritären China bezahlt wird?" Das fragt sich der deutsche Sinologe und Journalist David Missal schon seit einer Weile. Eigentlich wollte auch er ein Brückenbauer werden und ist zum Studieren an die Universität Peking gegangen. So war zumindest der Plan.

"Habe dann über Twitter einigen Menschenrechtsanwälten und deren Angehörigen gefolgt und bin da mit denen ins Gespräch gekommen, hab die interviewt für ein Projekt von der Universität und wurde dann im Zuge dieser Recherche aber von der Polizei kurzzeitig festgenommen. Und als ich mein Visum nach dem einen Jahr verlängern wollte, hat die die Polizei dann gesagt: Wir geben dir kein Visum mehr, du musst innerhalb von zehn Tagen das Land verlassen."

Chinesisches Geld an deutschen Hochschulen

Seitdem recherchiert Missal von Deutschland aus zur chinesischen Soft Power, genauer: zu chinesischem Geld an deutschen Unis. Denn als er aus China zurückkam, wollte er eigentlich an der FU Berlin weiterstudieren, doch dann kam heraus: Das kommunistische Land finanziert hier über die Töpfe der Konfuziusinstitute eine Professur am Ostasiatischen Seminar.

"Auf Grundlage dessen habe ich mir dann überlegt: Ja, wie sieht es denn an den anderen Hochschulen aus. Gibt es da ähnliche Kooperation?"

Auch in Göttingen lässt sich die Universität auf eine ähnliche Weise vom chinesischen Staat bezuschussen. Missal hat noch rund 100 weitere deutsche Universitäten um entsprechende Auskünfte gebeten – vergeblich.

"Da ist dann immer die Frage: Führt das zu Selbstzensur, wenn dieses Geld fließt? Und man aus China etwas finanziert bekommt?"

Diese Selbstzensur ist das wohl größte Pfund der chinesischen Soft Power. Bekannt ist sie schon lange aus der Industrie, wo etwa der Volkswagenchef Herbert Diess sich in einem Interview mit der BBC dumm stellt und sinngemäß sagt, er habe noch nie etwas von der Unterdrückung der Uiguren gehört. Zu wichtig sind der Absatz in und das Geld aus China. Auch Hollywood, Symbol alter amerikanischer Soft Power, kann ein Lied davon singen: Früher gab es chinakritische Filme wie den Klassiker "Sieben Jahre in Tibet". Seitdem chinesische Investoren jedoch immer mehr US-Blockbuster mitfinanzieren, werden Drehbücher umgeschrieben, wie investigative Recherchen belegt haben.

Mehr Sharp Power als Soft Power

Aber ist das noch Soft Power? Die Kulturindustrie im Westen mit Geld so abhängig zu machen, dass sie freiwillig auf freie Meinungsäußerung zum Thema Chinas verzichtet? Die Soft-Power-Expertin Mareike Ohlberg hat da ihre Zweifel.

"Dafür wurde dann irgendwann mal der Begriff Sharp Power statt Soft Power eingeführt. Man überzeugt in dem Fall ja nicht durch Attraktivität, sondern durch den Geldhahn. Das ist aber – leider muss man es sagen – insgesamt doch sehr, sehr effektiv."

In einer Welt, in der weiche Faktoren wie Kunst, Kultur, Medien und Wissenschaft immer mehr mit kommerziellen Interessen verschwimmen und zu Industrieprodukten werden, so Ohlberg, zeige der Begriff der Soft Power seine Schwächen. Was ist schon "soft" an globalen Milliardenunternehmen wie TikTok und Tencent? Und auch die Ziele der Soft Power scheinen im Blick auf das China von heute fraglich: Der Erfinder des Begriffs, der Harvard-Professor Nye, glaubte noch, ein Land müsse international beliebt sein und als attraktiv wahrgenommen werden, um auf weiche Weise Macht zu erlangen. Doch Meinungsumfragen zeigen: Chinas Image verbessert sich nicht – es verschlechtert sich sogar weltweit, auch in Deutschland. Rund 70 Prozent der befragten Deutschen gaben 2020 in einer Meinungsumfrage an, ein eher negatives Bild von China zu haben. 78 Prozent sagen, sie haben kein Vertrauen in Staatspräsident Xi Jingping – daran trägt auch die Coronapandemie ihren Anteil.

Trotzdem wird das Land immer einflussreicher in allen Bereichen. Und es erlangt durch seine attraktiven digitalen Angebote wie TikTok oder Videospiele immer mehr Möglichkeiten, direkt oder indirekt Einfluss auf den globalen Diskurs zu nehmen. 

"Diese Propaganda oder diese internationale Promotion, das ist für China ein neues Ding", sagt Emong Wang. "Früher war in China eine Hauptaufgabe der Menschen, zu arbeiten, mehr zu produzieren, Güter und Maschinen herzustellen, die Lebensqualität des ganzen Landes zu verbessern. Da ist es logisch für China, zu diesen Punkten zu kommen. Zu sagen: Wirtschaftlich haben wir so viel gemacht, dass wir jetzt das Image von außen verbessern."

Werden wir das, was da in China, wie Wang sagt, "gerade erst angefangen" hat, in ein paar Jahren noch Soft Power nennen? Wer weiß. Doch je mehr Zeit wir mit dem Daddeln am Smartphone verbringen desto sicherer scheint: Für China könnte es ein großer Erfolg werden.

Mitwirkende
Sprecherin: Ilka Teichmüller
Sprecher: Rosario Bona 
Technische Realisierung: Christian Fischer
Regie: Klaus Michael Klingsporn
Redaktion: Martin Hartwig
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