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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.06.2017

China PEN fordert Ausreise für erkrankten Liu Xiaobo

Sascha Feuchert im Gespräch mit Sigrid Brinmann

Demonstranten tragen ein Plakat mit dem Bild und den Worten "Free Liu Xiaobo" (dpa-picture-alliance/Jerome Favre)
Ein Bildnis Liu Xiaobos auf einer Solidaritätskundgebung (dpa-picture-alliance/Jerome Favre)

Der Publizist Sascha Feuchert setzt sich im Schriftstellerverband PEN dafür ein, dass der an Krebs erkrankte Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo aus China ausreisen darf. Er sollte im Ausland medizinische Hilfe bekommen können.

Der chinesische Friedensnobelpreisträger und Dissident Liu Xiaobo ist aus der Haft entlassen worden. Bei Liu sei im Mai eine Leberkrebserkrankung im späten Stadium festgestellt worden, kurz darauf sei er aus medizinischen Gründen freigekommen, sagte sein Anwalt Mo Shaoping. Der 61-Jährige werde nun in einem Krankenhaus in Shenyang in der nordöstlichen Provinz Liaoning behandelt.

Sorge um Liu Xiaobo

Der Germanistikprofessor und Publizist, Sascha Feuchert, ist Mitglied des deutschen Schriftstellerverbandes PEN und kümmert sich insbesondere um inhaftierte Autoren. Er ist mit Liu Xiaobo in Kontakt und forderte im Deutschlandfunk Kultur dessen Ausreise zusammen mit seiner Frau ins Ausland, um sich in medizinische Behandlung begeben zu können. "Wir können uns nicht vorstellen, dass er dort die notwendige Behandlung bekommt, die er jetzt braucht", sagte Feuchert. "Zwar darf ihn seine Frau jetzt besuchen, endlich besuchen, aber wir würden gerne beide aus China herausbekommen, damit sie in Freiheit diese möglicherweise letzten Meter auf dem Lebensweg von Liu zurücklegen können."


Das Interview im Wortlaut:  

Sigrid Brinkmann: In China wurden viele Wissenschaftler, Journalisten und Schriftsteller, nachdem sie 2008 eine Charta für politische Reformen und Menschenrechte veröffentlicht hatten, in Haft genommen. Der Autor und Menschenrechtsaktivist Liu Xiaobo gehört dazu. Als Ehrenvorsitzender des chinesischen PEN-Clubs unabhängiger Schriftsteller stand er längst unter Beobachtung. Verurteilt wurde Liu 2009 wegen vermeintlicher Untergrabung der Staatsgewalt.

Als ihm dann ein Jahr später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, blieb sein Stuhl in Oslo leer. Seine Frau durfte das Haus nicht mehr verlassen, viele von Lius Unterstützern kamen in Haft. Ende Mai wurde bekannt, dass Liu an Leberkrebs im Endstadium leidet, und seit heute wissen wir, dass die chinesischen Behörden den 61 Jahre alten Liu aus der Haft entlassen haben. Sascha Feuchert, Germanistikprofessor und Publizist, ist Mitglied des deutschen PEN und kümmert sich insbesondere um inhaftierte Autoren. Mit ihm bin ich verbunden – guten Abend, Herr Feuchert!

Sascha Feuchert: Guten Abend!

Brinkmann: Wissen Sie, wohin Liu gebracht wurde und wie es ihm geht?

Feuchert: Er ist nach unseren Informationen in das Shenyang-Krankenhaus gebracht worden, was in der Provinz Liaoning sich befindet. Das ist offensichtlich ein ziviles Krankenhaus, und wir fürchten, dass es ihm nicht sehr gut geht, denn die chinesischen Behörden entlassen im Prinzip Häftlinge nur, wenn sie wirklich todkrank sind, und es ist zu befürchten, dass das genau der Fall ist.

Brinkmann: Wenn das ein ziviles Krankenhaus ist, bedeutet das, dass er sich aber innerhalb des Krankenhauses frei bewegen kann?

Feuchert: Das ist das, wovon wir im Moment ausgehen, dass er sich frei bewegen könnte. Ich habe keine Informationen darüber, ob Liu bettlägerig ist und sich überhaupt bewegen kann, aber wir wissen, dass er im Moment Bewährung erhalten hat, das heißt also wirklich aus der Haft entlassen ist.

Zweifel an angemessener Behandlung in China

Brinkmann: Der PEN fordert, dass Liu sofort ausreisen darf, um im Ausland medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn er dies denn wünscht. Muss er denn fürchten, dass das Unrecht, das ihm geschehen ist, im Krankenhaus letztlich doch fortgesetzt wird?

Feuchert: Nein, das glauben wir nicht, aber wir können uns nicht vorstellen, dass er dort die notwendige Behandlung bekommt, die er jetzt braucht. Zwar darf ihn seine Frau jetzt besuchen, endlich besuchen, aber wir würden gerne beide aus China herausbekommen, damit sie in Freiheit diese möglicherweise letzten Meter auf dem Lebensweg von Liu zurücklegen können.

Brinkmann: Wie verhält sich denn das exilchinesische PEN-Zentrum zum Fall Liu?

Feuchert: Die Kollegen, die ganz wesentlich für uns auch den Kontakt halten zu den beiden, haben da genau denselben Ansatz wie wir. Auch sie sagen, er muss frei entscheiden dürfen, wo er behandelt werden will, und wenn er es wünscht, ins Ausland zu reisen, muss das sofort ermöglicht werden. Wir hoffen sehr, dass die chinesischen Behörden diesen Aufruf hören. Wir haben heute auch die Bundesregierung darum gebeten, in diesem Sinne tätig zu werden.

Brinkmann: Gibt es denn noch weitere internationale Bemühungen, Liu und seiner Familie zu helfen?

Feuchert: Ja, im Prinzip ist die gesamte PEN-Familie im Moment am Start. Die amerikanischen PEN-Kollegen haben bereits angeboten, dass er nach Amerika kommen könnte und man dort eine medizinische Behandlung auch organisieren könnte. Die schwedischen Kollegen haben einen Brief an den Ministerpräsidenten von Schweden geschrieben, der heute nach China reist. Also auf der ganzen Welt sind Kolleginnen und Kollegen darum bemüht, dass diese Forderung, dass Liu reisen darf und sich dort einer Behandlung unterziehen darf, wo er möchte, dass das eingelöst wird.

Der Fall ist hochsymbolisch

Brinkmann: Liu Xiaobo hat ja nie ein Verbrechen begangen. Er war in den 90er-Jahren drei Jahre lang inhaftiert, weil er gegen die Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Tian’anmen-Platz protestiert hatte. Kann man sagen, dass in seiner Person vielleicht die ganze Härte, mit der die chinesische Regierung Dissidenten verfolgt und traktiert, kulminiert?

Feuchert: Sie sagen es, an diesem Fall wird das ganz besonders deutlich. Er hat in der Tat eigentlich nur verlangt, dass die Menschenrechte gewahrt werden und dass es eine andere Politik gibt. Er hat sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen, er hat verlangt, dass China dem Pakt für die Menschenrechte beitritt – das ist sein, in tausend Anführungszeichen, "Verbrechen". Insofern ist dieser Fall auch hoch symbolisch.

Brinkmann: Seine Frau ist in den letzten Jahren wegen Herzproblemen und Depressionen auch immer wieder behandelt worden, sie stand ja unter Hausarrest – wird der jetzt aufgehoben, wissen Sie das?

Feuchert: Also wir wissen zumindest, dass ihr erlaubt ist, ihren Mann jetzt zu besuchen, was wir natürlich sehr begrüßen. Inwieweit das bedeutet, dass sie überhaupt nicht mehr unter Hausarrest steht, das wissen wir im Moment nicht. Wir fordern aber, dass wenn Liu ausreisen darf, um im Ausland medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, er unbedingt von seiner Frau begleitet werden muss.

Brinkmann: Seit 2010 war der chinesische Dissident, der Dichter und Publizist Liu Xiaobo im Gefängnis, er wurde jetzt wegen seiner schweren Krebserkrankung freigelassen. Sascha Feuchert vom deutschen PEN-Zentrum hat uns gesagt, welche nächsten Schritte er beziehungsweise der PEN für nötig hält, und dafür vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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