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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 27.05.2014

ChinaDas pulsierende Herz

Ein Besuch auf dem Volksplatz in Shanghai

Von Markus Rimmele

Die Millionenmetropole Shanghai (picture alliance / dpa)
Die Millionenmetropole Shanghai (picture alliance / dpa)

Wer in dem 24-Millionen-Einwohner-Moloch Shanghai nach Altbauten im chinesischen Stil sucht, wird keinen Erfolg haben. Die europäisch geprägten Gebäude wurden erhalten, die chinesischen abgerissen. Ein Rundgang über den Platz des Volkes, dem historischen Zentrum der Stadt.

Wo ist er eigentlich, der Volksplatz? Wer hier ankommt, braucht erst einmal Zeit zur Orientierung. Der Volksplatz ist so groß wie ein ganzer Stadtteil. Zu Fuß braucht man 15 Minuten, um ihn zu überqueren. Mehrere Gebäude stehen mitten darauf, die breite Volksallee teilt ihn zudem in zwei Hälften. Der nördliche Teil ist dann auch noch vom Volkspark bedeckt. Eine städtische Landschaft, kein Platz im eigentlichen Sinne. Seine Reize hat er trotzdem.

"Der Platz ist schön gestaltet. Harmonisch und ausgewogen, findet Caren, eine Touristin aus den USA. Sie kommt gerade aus dem Shanghai Museum auf dem Platz mit seinen antiken chinesischen Exponaten. Die Bepflanzung hier ist schön und die moderne Stadt als Hintergrund. Hier können die Städter wieder ins Gleichgewicht kommen."

Urprünglich befand sich auf dem Volksplatz die Pferderennbahn der Engländer. Das erklärt die Größe und ovale Form des Geländes. Aus dieser Zeit ist noch das Park Hotel erhalten, ein dunkler Art Deco-Bau aus den Dreißigerjahren. Die Kommunisten verboten die Pferdewetten. Die Trabrennbahn wurde 1949 zum kommunistischen Aufmarschplatz.

"Der ganze Platz war asphaltiert. Im Sommer war es hier extrem heiß, erinnert sich Ge Jianxiong, Historiker an der Shanghaier Fudan-Universität. Es hieß, dass bis zu einer Million Menschen hier Platz fanden. Wir mussten da immer hin, wenn Mao wieder was Neues gesagt hatte, wenn die Revolution in Kuba anfing oder etwas in Afrika los war. Überall waren Lautsprecher. Das größte Ereignis war die Trauerfeier nach Maos Tod."

Wöchentlicher Heirats- und Kupplermarkt

Heute ist der Volksplatz längst im bunten chinesischen Konsumkommunismus angekommen. Wolkenkratzer, Shoppingmalls auf der angenzenden Nanjing Lu, Kunstmuseen, eine Konzerthalle, das Stadtplanungsmuseum, das Rathaus der Stadt und ein großer U-Bahnhof sind neu entstanden. Unsichtbar bleibt die Geheimpolizei. Doch eines ist klar. Der Volksplatz gehört zu den am besten bewachten Orten in China.

Und immer wieder samstags wird der Volksplatz zur Bühne für ein ganz besonderes Spektakel. Auf dem wöchentlichen Heirats- und Kupplermarkt suchen Väter und Mütter nach einem Ehepartner für ihr Kind. Das "Kind" ist in diesen Fällen meist schon etwas in die Jahre gekommen und muss dringend unter die Haube.

"Meine Tochter macht sich keine Sorgen, aber wir, erzählt ein Vater. Seine Tochter ist 28 Jahre alt. Es wird jetzt Zeit!"

"Mit 30 ist es zu spät", fährt die Mutter dazwischen. "Im Alter meiner Tochter sind doch schon keine guten Jungs mehr übrig. Hätte sie doch bloß an der Uni jemanden gefunden!"

Väter und Mütter wandern an endlosen Wäscheleinen entlang. Daran hängen Hunderte von Steckbriefen der Heiratswilligen: Alter, Größe, Verdienst, besitzt Wohnung, Auto oder auch nicht. Nicht zu heiraten ist in den Augen chinesischer Eltern keine Option. Weit weg von solch irdischen Problemen sind die Besucher des bleistiftförmigen Marriott-Hotels an der Westseite des Platzes. Von der Rezeption im 38. Stockwerk lässt sich der ganze Volksplatz überblicken und endlich erfassen: das riesige Oval mit seinen Menschenströmen. Das pulsierende Herz von Shanghai.

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