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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.03.2008

Chilenisches Heldenepos

Carla Guelfenbein: "Die Frau unseres Lebens". Insel Verlag, Frankfurt/Main 2008. 300 Seiten

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Das Leben in der Diktatur unter Augusto Pinochet prägt Guelfenbeins Liebesdrama. (AP)
Das Leben in der Diktatur unter Augusto Pinochet prägt Guelfenbeins Liebesdrama. (AP)

Im Jahr 2005 brach in Chile der Guelfenbein-Boom aus. Begeistert verschlangen die Leser Carla Guelfenbeins zweiten Roman, "Die Frau unseres Lebens". Darin erzählt die chilenische Autorin in blumigen Worten eine dramatische Dreiecksgeschichte zwischen einer Frau und zwei Männern während der Pinochet-Diktatur.

Es ist eine Ménage-à-trois, eine Lovestory über Eck mit all den klassischen Zutaten: Verlangen, Verrat, Versöhnung, Verlust. Die Bühne des Melodrams: London 1986. Die Protagonisten: der Ich-Erzähler Theo, ein Brite, sowie die Exilchilenen Antonio und Clara, von Pinochet aus der Heimat vertrieben. Theo und Antonio haben einander in Essex kennengelernt, beim Politik-Studium. Antonio erscheint als Latin Lover - etwas Che und etwas Banderas - ein Macho mit penetrant rebellischer Attitüde, den Kopf voll linker Phrasen. Er träumt von der Heimkehr, vom Befreiungskrieg in Chile. Theo, ein weicher Typ aus guter Familie, bewundert den Freund. "Ich brauchte seine Überzeugungen, die zum ersten Mal die Einsamkeit meiner Kindheit vertrieben, brauchte dieses bessere Bild von mir, das er mir schenkte, brauchte seine Ideale, weil ich eigene nie hatte."

Antonio begehrt die Tänzerin Clara, Leidensgefährtin im Exil. Diese Clara, Tochter eines "Verschwundenen", eine Frau von stiller Schönheit mit lyrisch-kindlicher Ader. Genau betrachtet sind beide ineinander verschossen, verschweigen sich aber die Obsession, denn in Zeiten des Krieges - so meinen sie - darf man nicht lieben. Eines Tages macht Antonio seinen Freund Theo mit Clara bekannt. Sofort funkt es, Theo und Clara werden ein Paar. Und zu dritt, unzertrennlich, genießen sie die Jugend in der ewig jungen Stadt.

Dann der Riss, eine Nachricht: Antonios Bruder, Studentenführer in Chile, sei daheim bei einer Demo erschossen worden. Antonio hat Schuldgefühle, Depressionen; Clara, mütterlich tröstend, gibt sich ihm hin. Und Theo? Leidet. Doch auch Antonio leidet weiter, er mag nicht in des toten Bruders Schatten leben, er muss zurück nach Santiago, "die Partei" (die kommunistische) sorgt für einen falschen Pass. Theo will den Gefährten vor Pinochets Schergen schützen, und deshalb verhindert er die Ausreise – mit einer Anzeige bei der Londoner Polizei. Ende einer Freundschaft, das Dreieck zerbricht.

Zeitsprung ins Jahr 2001. Theo ist Kriegsreporter geworden, Antonios wegen, "verblendet von der Vorstellung einer heroischen Existenz". Plötzlich kommt ein Anruf aus Chile, eine Einladung nach langem Schweigen. Theo reist zu Weihnachten in den Süden. In einem Holzhaus an einem einsamen See trifft er Antonio, und Clara an dessen Seite. Antonio, ein Minotaurus in seinem Labyrinth, inszeniert die Begegnung als (selbst)zerstörerisches Spiel. Wunden brechen auf, Gespenster gehen um. Antonio erzählt dem Ex-Freund aus England die wilde Geschichte seiner letzten fünfzehn Jahre: Wie er doch nach Chile gereist sei, gleich damals, in den Achtzigern. Wie er im Untergrund gelitten, gekämpft und sich versteckt habe – bis 1989 die Demokratie über das Land kam und Clara, heimgekehrt, ihn aufspürte. Eine Heldenmär, sie ist erlogen. In Wirklichkeit kam Antonio erst 1990 wieder nach Chile, als schon alle Kämpfe gekämpft, alle Toten begraben waren...

Nur Tage nach Theos Ankunft kommt Antonio bei dem Versuch, ein Mädchen zu retten, im See ums Leben. Auf Clara und Theo wirkt der Unfall wie ein Frei- oder Opfertod. Der Leser denkt an antike Tragödien. "Er war innerlich gebrochen", sagt Clara. "Ihn plagte die Vorstellung, dass er umsonst lebte, wo sein Vater und sein Bruder tot waren. Man hatte ihm die Gelegenheit genommen, etwas Bedeutendes zu tun." Ein traumatisches Erlebnis, auch für Theo. Doch seine "scheue Beziehung" zu Clara – nach dem Tod des Rivalen keimt und gedeiht sie wieder bis zum Happy End...

Die Schöpferin dieser Geschichte, 1959 in Santiago geboren, lebte wie ihre Figuren lange Jahre im englischen Exil; auch sie studierte in Essex. Nach der Heimkehr arbeitete Guelfenbein in der Werbung und übernahm die Ressorts Kunst und Mode bei der Zeitschrift "Elle". "Die Frau unseres Lebens", ihr zweiter Roman, war in Chile 2005 "Buch des Jahres" und monatelang die Nummer eins der Bestsellerlisten. Journalisten sprachen von einem "‚Boom’ Carla Guelfenbein".

Die Begeisterung mag verblüffen, denn einiges ließe sich gegen das Werk einwenden. Der Roman wirkt eher kunsthandwerklich denn literarisch; Handlung, Konflikte und Figuren stammen aus den Laboratorien des Creative Writing.

Ähnlichkeiten mit der Welt der Werbung und Erzeugnissen der Pilcher-Danella-Lindström-Industrie sind nicht zufällig. Der männliche Ich-Erzähler gibt sich sehr weiblich; den Kriegsreporter nimmt man ihm nicht ab. Und dann ist das Buch auf gewisse Weise unehrlich: Das Pinochet-Regime wird einmal mehr als Trauma aller Chilenen dargestellt, die Masse der Pinochet-Anhänger einmal mehr verleugnet. Die Diktatur im Buch, das ist wieder nur der Kampf des Guten gegen das Böse, der Che-Guevara-Adepten gegen die Faschisten.

Das heimliche Grundmotiv des Romans, eine dauerhaft qualvolle Gefühlsregung aller Figuren, heißt Scham. Antonio schämt sich seiner persönlichen "Niederlage" im Kampf gegen die Diktatur, Theo seiner behüteten Herkunft. Und Carla schämt sich – vielleicht – für ihre Landsleute. Nachdem der Vater abgeholt hatte, damals, unter Pinochet, nachdem man ihn nachts aus dem Haus verschleppt hatte, wahrten die Nachbarn Distanz zur Familie, höflich, aber bestimmt. Vielleicht ist der Roman in Chile deshalb so erfolgreich: Weil das Lese-Volk die Vergangenheit so sehen möchte, wie Carla Guelfenbein sie sieht, heroisch und tragisch. Weil es sich in den Figuren gespiegelt findet, auch in ihren Lebenslügen, ihren unguten Gefühlen. Und weil es ein Bedürfnis nach guten Gefühlen spürt, nach Vergessen, Vergebung und unbeschwerter Aufbruchstimmung, so wie Clara am Ende des Romans vergisst, vergibt und neu beginnt.

Rezensiert von Uwe Stolzmann

Carla Guelfenbein: Die Frau unseres Lebens
Roman. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Insel Verlag, Frankfurt/Main 2008
300 Seiten, 19,80 Euro

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