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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 06.01.2013

Chemotherapie hinterlässt Spuren im Gehirn

Neue Forschungsergebnisse aus den USA

Von Stephanie Kowalewski

Wer eine Chemotherapie hinter sich hat, muss mit Einschränkungen rechnen. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Wer eine Chemotherapie hinter sich hat, muss mit Einschränkungen rechnen. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Nach einer Chemotherapie erleben viele Krebspatienten, dass sie weniger leistungsfähig sind als vorher. Doch die Symptome werden oft nicht ernst genommen. Einen Beweis für den Zusammenhang zwischen Therapie und Gedächtnisstörung haben nun US-Forscher erbracht.

Im Januar 2011 hat Andrea Macher erfahren, dass sie Brustkrebs hat. Nach einigen Operationen erhält sie eine Chemotherapie, die sich über mehrere Monate hinzieht. Heute geht es ihr verhältnismäßig gut, sagt sie. Immerhin arbeitet die 51-Jähige seit gut einem Jahr wieder.

"Alle denken, ich bin wieder gesund. Fühlt sich ja für mich in großen Teilen auch so an. Aber ich merke deutlich: Es ist anders als vor der Erkrankung."

Andrea Macher kann sich seit der Chemotherapie nicht mehr voll auf ihr Gehirn verlassen.

"Also ich weiß Dinge nicht mehr, die ich früher wusste. Da ist es die Erinnerung, die nicht fuktioniert, aber deutlich auch die Konzentration. Dieses nebenbei telefonieren, noch eben eine Anweisung geben und im Topf rumzurühren, das kann wirklich schon mal danaben gehen (lacht). Das gewöhne ich mir allmählich auch an, mehr nacheinander zu machen, als gleichzeitig, weil ich dann hinterher auch nicht mehr weiß, was ich da eigentlich gemacht habe."

Das, was Andrea Macher erlebt, ist keine Seltenheit. Es kann jeden treffen, der im Rahmen einer Krebsbehandlung auch eine Chemotherapie durchlaufen muss. Diese unerwünschte Nebenwirkung, die unter Umständen auch lebenslang anhalten kann, wird auch als Chemo-Brain bezeichnet, erklärt Michael Sabel, Neurochirurg und Neuroonkologe am Universitätsklinikum Düsseldorf:

"Also Chemo-Brain ist ein Symptomkomplex, der im Prinzip von Patienten selber geprägt wurde. Patienten, die unter Chemotherapie Merkfähigkeitsstörungen entwickelt haben, kognitive Störungen entwickelt haben, haben das auf die Chemotherapie zurückgeführt und auch als Chemo-Fog bezeichnet, also als Benebelung durch die Chemotherapie."

Auch Andrea Macher führt ihre Schwierigkeiten, sich Namen zu merken oder wie früher ganz selbstverständlich mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, hauptsächlich auf die Chemotherapie zurück:

"So nach der vierten Chemo, so gegen Ende, ging das los. Ja, das Gemeine ist, dass das ja noch viel länger anhält. Die Chemo ist jetzt ein Jahr her und ich habe mit den Auswirkungen immer noch zu tun und ich führe es schon deutlich auf die Chemo zurück. Kenne es übrigens auch aus Erzählungen von anderen Patientinnen. Ich bin ja in der Frauenselbsthilfe und da nicken immer alle wissend, wenn ich das dann anspreche."

Neuropsychologische Untersuchungen haben in den vergangenen Jahren bestätigt, dass es diesen vernebelnden Effekt nach einer Chemotherapie tatsächlich gibt. Nun haben Forscher aus den USA erstmals in Bildern nachweisen können, dass sich das Organ, also das Gehirn, tatsächlich durch die Chemotherapie verändert. Mit der sogenannten Positronen-Emissions-Tomographie - kurz PET - haben sie die Hirnfunktion von 128 Brustkrebspatientinnen vor und nach der Chemotherapie untersucht. Mit einer speziellen Software suchten die Wissenschaftler nach Unterschieden im Stoffwechsel des Gehirns vor und nach der Chemo - mit Erfolg.

Sabel: "Das Neue und Hochinteressante an dieser Untersuchung ist, dass man dieses Chemo-Brain jetzt tatsächlich visualisieren kann. Und damit kann man es natürlich auch in einer gewissen Weise objektivieren und möglicherweise auch quantifizieren."

Zwar wurde die Studie bisher nicht gänzlich veröffentlicht, doch der Düsseldorfer Arzt Michael Sabel ist auch jetzt schon von den Erkenntnissen begeistert:

"Und soweit wir die Daten aus den Publikationen ableiten können, scheint es sich im Wesentlichen um Stoffwechselveränderungen im Frontalhirn, also im Stirnhirn zu handeln. Und das erklärt viele der Symptome, die die Patienten haben, wie zum Beispiel dieses fehlende Multitasking."

Betroffen sind vom Chemo-Brain offensichtlich vor allem die Bereiche im Gehirn, die für das Erinnern sowie das Planen und Einordnen von Informationen zuständig sind. Das funktioniert auch bei Andrea Macher nicht mehr so gut:

"Mir geht der Faden verloren im Gespräch, ich kann in der Diskussion nicht mehr das, was ich sagen wollte, so zusammenhalten. Ich kann auch nicht so gut zusammenfassen, was andere gesagt haben und wenn es neue Sachverhalte gibt, da habe ich den Eindruck, ich bin deutlich langsamer geworden und muss mir Sachen zwei-, dreimal durchlesen, bevor ich die verstanden hab. Das ist eine deutliche Einschränkung."

Deshalb sind kleine Zettel zu ihren ständigen Begleitern geworden, auf die sie sich alles notiert, was sie nicht vergessen darf. Das hilft. Meistens jedenfalls. Außerdem setzen Betroffene auf Gedächtnistraining, Konzenrationsübungen und psychologische Unterstützung, um mit den Schwächen besser umzugehen. Das wird wohl auch weiterhin das wichtigste bei der Therapie des Chemo-Brain sein, meint Michael Sabel. Der Mediziner hofft aber, dass die aktuellen Erkenntnisse in die Entwicklung neuer Chemomedikamente einfließen. Und das das bildgebende Verfahren auch bei der Wahl des geeigneten Mittels helfen wird:

"Wir haben zum Beispiel gleichwertig effiziente Medikamente, aber Medikament A unterscheidet sich von B dadurch, dass weniger Chemo-Brain-Effekte im Gehirn nachweisbar sind und das wäre dann natürlich die favorisierbare Therapie."

Langfristig könnten so weniger Krebspatienten unter dem Chemo-Brain zu leiden haben. Der Neurochirurg und Neuroonkolge wartet nun gespannt auf die Veröffentlichung der kompletten Studie.

"Das was halt spannend ist, ist diese Auswertungssoftware, die die da etabliert haben. Ob das etwas ist, was sie kommerzialisieren wollen oder ob wir das ganz schnell selber machen können, ob wir diese Methode so kopieren können, weil es ganz banal ist."

Davon hänge entscheidend ab, wie schnell diese neue Diagnostikmethode auch in Deutschland zum Einsatz kommt.


Mehr zum Thema:

Ihre Studie haben die Forscher der West Virginia University School of Medicine, USA, auf der Jahrestagung der Radiological Society of North America präsentiert.

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