Montag, 09.12.2019
 

Rang I | Beitrag vom 15.12.2018

Chemnitz-Gala "Gemeinsam stärker"Locker gegen den rechten Rand

Von Wolfgang Schilling

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Eine Statue auf einer grünen Wiese vor einem Gebäude, auf dem "Schauspiel Chemnitz" steht (Martin Kloth/dpa)
Kein Ort für den rechten Rand der Chemnitzer Gesellschaft: Das Schauspielhaus (Martin Kloth/dpa)

Alumni-Treffen im Chemnitzer Schauspielhaus: Frühere Schauspieler und Intendanten traten bei der Gala "Gemeinsam stärker" auf. Unser Kritiker sah eine Veranstaltung, die ebenso ausverkauft wie bunt war. Und vor allem eines bewies - Haltung.

Mein Weg zum Chemnitzer Theater führt mich mehr zufällig am Marx-Monument vorbei. Dem Nischel, wie man hier sagt. Immer freitags ist hier Demo. Deutschlandfahnen wehen und selbst ein Weihnachtsmann bekennt auf seinem Transparent "Pro Chemnitz" zu sein. Mir von der Lügenpresse will er nicht sagen warum. Ein paar Schritte weiter ist man gesprächiger. Ein Mann sagt:

"Es geht um die ganze Migrationspolitik und um die Sicherheit in unserer Stadt. So einfach ist das. Und ich weiß ja nun nicht, ob Sie das nun heute wieder von Nürnberg gehört haben? Ich sage es ihnen jetzt mal ganz ehrlich. Sie sind ja genauso ein Lügensender wie alle anderen. Bis heute Mittag, ich habe extra mal die 'Tageschau' eingeschaltet, kam keine Nachricht, dass wieder drei Frauen in Nürnberg abgemessert worden sind. Und so kann es ja eigentlich nicht sein. Da wollen wir was verändern."

"Die Ränder werden wir nicht ins Theater bekommen"

Das wollen sie auch im Theater. "Gemeinsam stärker ist hier das Motto. Und Karsten Knödler, der Schauspieldirektor, die Demo am Nischel, die Gala im Schauspielhaus: Zwei Seiten des bürgerlichen Lebens, in dieser Stadt, an diesem Abend?

"Ich glaube, es spiegelt schon die Pole unserer Gesellschaft wider. Das sicher. Aber es kann nur darum gehen, die breite Mitte, die große demokratische Mitte in einen Dialog zu bringen. Die Ränder werden wir nicht ins Theater bekommen und auch nicht mit ihnen reden können."

Immerhin, die Gala ist restlos ausverkauft. "Suche Karte" steht auf dem Pappschild, das diese Frau den Besuchern entgegenhält. Sie sagt:

"Weil ich in Karl-Marx-Stadt geboren wurde. Und hier um die Ecke gewohnt habe. Und als Schülerin für 2,50 Mark an der Abendkasse immer noch ein Ticket kriegen konnte. Und dann hab ich diese Veranstaltungen manchmal zehnmal hintereinander besucht. Und ich habe dieses Theater zu dieser Zeit geliebt. Und wollte die Schauspieler immer wieder sehen. Und dass sie nun heute wieder da sind, ist für mich erstmal wie ein kleines Klassentreffen. Und sie kommen natürlich mit dem Argument hierher, für diese Stadt etwas auszusagen. Und das möchte ich hören."

Salomons Hohelied und eine Trommler-Gruppe

Und zu sehen bekommt sie ein buntes Programm mit Haltung. Horst Krause zeigt sie, selbst wenn ihm am Ende seines Kästner-Liedes die Textsicherheit etwas abhanden kommt. Peter Sodann gibt das linke Schlitzohr.  Eine ganze Abordnung aus ehemaligen Chemnitzern aus Leipzig gibst sich etwas zu gewichtig.

Jalda Rebling bleibt locker und tritt den Beweis an, dass man ein Auditorium am Abend des Schabbats mit dem Hohe Lied Salomons auch unplugged gefangen nehmen kann. Hasko Weber, inzwischen Intendant in Weimar hat coole Trommler aus seiner Staatskapelle mitgebracht und in der Pause backstage folgenden Gedankenblitz:

"Wir kommen ja irgendwie alle aus dem Osten. Die sich hier heute treffen. Das hat etwas mit den Vergangenheiten zu tun. Und das Publikum nimmt das auch sehr gerne an. Das ist so eine emphatische Situation. Und ich spreche jetzt nicht so ein Ostgequatsche, das meine ich nicht. Aber wir haben ’89 eine  Erfahrung gemacht, in Ostdeutschland: dass innerhalb von Stunden ein System verschwinden kann. Wie fragil das ist. Und dass das auch wieder möglich ist, das wach zu machen. Darum geht es mir heute auch."

Ein bisschen Glamour in Chemnitz

Das Moderatorenduo des Abends, Seraina Leuenberger und Dominik Puhl war 1989 noch nicht mal geboren und ist als Baselerin und Pforzheimer auch nicht ostsozialisiert. Aber engagiert - für Chemnitz und ihr Projekt namens "Glamnitz. Neuland in der neuen Heimat". 

Leuenberger: "Das war mir alles sehr fremd. Aber ich lerne hier eine Art von Solidarität, die ich bisher nicht kannte. Dass es sehr viele engagierte Menschen gibt in Chemnitz. Und irgendwie ist das für mich etwas, was ich total mit dem Osten verbinde."

Puhl: "Glamnitz ist eine Wortschöpfung aus Glamour und Chemnitz. Zwei Dinge, die erst einmal schwer vereinbar wirken. Aber wir wollen uns darauf einlassen, das zu suchen. Und den Glamour nach Chemnitz holen. Ganz gezielt, mit politischen Aktionen, mit Veranstaltungen, Partys und Lesungen und das ist Glamnitz."

Und soll dazu beitragen, gemeinsam stärker zu sein. Auch im Alltag nach der Gala. Hier in Chemnitz.

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