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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.05.2018

Chemiker zur Plastikmüll-Debatte"Alles, was in die Biosphäre geht, muss kompostierbar sein"

Michael Braungart im Gespräch mit Nicole Dittmer und Julius Stucke

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Trinkhalme aus Plastik (picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)
Mit Trinkhalmen aus Plastik soll bald Schluss sein, wenn es nach dem Willen der EU-Kommission geht. (picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)

Alibipolitik - mehr sei das von der EU vorgeschlagene Verbote von Plastikbesteck, Wattestäbchen und Strohhalmen nicht, meint der Chemiker Michael Braungart. Die Hauptmenge an Plastik werde in ganz anderen Bereichen verwendet. Er schlägt andere Maßnahmen vor.

Wattestäbchen, Strohhalm und Plastikbesteck – all das soll nach dem Willen der EU verboten werden, um gegen das Problem des Plastikmülls vorzugehen.

Für den Chemiker und Verfahrenstechniker Michael Braungart von der Leuphana-Universität Lüneburg ist das lediglich Alibi-Politik. Die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Maßnahmen beträfen nicht einmal ein Promille der Plastik-Anwendungen, kritisierte Braungart im Deutschlandfunk Kultur. "Man müsste wirklich das Plastikproblem insgesamt anschauen. Die Hauptmenge an Plastik wird ja in ganz anderen Bereichen verwendet."

So habe er etwa kürzlich bei Untersuchungen in der Elbe festgestellt, dass über die Hälfte der Polymere im Wasser von Reifen stammten, ein Drittel sei Textilabrieb.

Plastikmüll (picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa)Plastikmüll in Hannover. (picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa)

Braungart zufolge ist auch nicht der Strohhalm an sich das Problem, sondern dessen mangelnde biologische Abbaubarkeit. "Alles, was in die Biosphäre geht, muss kompostierbar sein", mahnt er. Das lässt sich offenbar auch mit Plastik bewerkstelligen: "Meine Wissenschaftler hier können Plastik machen, wo ich einstellen kann, in einer Minute, in zehn Minuten, in zwanzig Minuten löst sich das auf. Oder in drei Stunden oder in zwei Jahren, je nachdem, wie ich es haben möchte."

Innovationschance, kein Kostenfaktor

Auch BASF habe mit Ecoflex einen "wunderbar perfekt biologisch abbaubaren Kunststoff" entwickelt. Den Einsatz solcher kompostierbarer Kunststoffe müsse man als Innovationschance begreifen und nicht als Kostenfaktor.

Bei aller Kritik an der EU-Kommission, so unterstreicht Braungart, tue diese immer noch "hunderttausendmal mehr" als die Bundesregierung. "Sagen wir mal so: Die EU macht nichts. Und - auf süddeutsch versteht man den Unterschied - die Bundesrepublik macht gar nichts."

(uko)

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