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Studio 9 | Beitrag vom 09.02.2015

Charlotte Rampling auf der BerlinaleEin kurzes Zucken der Unterlippe

Von Holger Hettinger

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Die britische Schauspielerin Charlotte Rampling bei der Premiere des Films "45 Years" auf der Berlinale. Der Film läuft im Wettbewerb. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Die britische Schauspielerin Charlotte Rampling bei der Premiere des Films "45 Years" auf der Berlinale. Der Film läuft im Wettbewerb. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Seit mehr als 50 Jahren ist Charlotte Rampling im Filmgeschäft und obwohl sie eine der besten Schauspielerinnen ist, hat sie die Bodenhaftung nie verloren. Im Wettbewerbsbeitrag "45 Years" verdeutlicht sie mit minimalen Gesten den Zusammenbruch einer Frau.

Katya ist wieder da. 50 Jahre, nachdem sie beim Bergwandern einen Abhang hinunter gestürzt war, ist die sie wieder aufgetaucht. Der Gletscher hat ihren toten, kalten Körper nach der langen Zeit wieder frei gegeben. Die Nachricht, dass man seine damalige Freundin wiedergefunden hat, erreicht Geoff mitten in der Vorbereitung zu den Feierlichkeiten für seinen 45. Hochzeitstag. Geoffs Erinnerung lässt Katya lebendiger werden als je zuvor, und Kate, Geoffs Ehefrau seit fast einem halben Jahrhundert, fühlt sich, als hätte sie eine Nebenbuhlerin entdeckt.

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Charlotte Rampling spielt in Andrew Haighs Film "45 years" diese Ehefrau, und wenn man in ihr Gesicht schaut, das oft in Nahaufnahme zu sehen ist, dann meint man dort all die Fragen lesen zu können, die ihr durch den Kopf schießen: Was hat ihm diese Katya wirklich bedeutet? Was bedeutet sie ihm heute? Und: kann es sein, dass sie, die treusorgende Ehefrau, 45 Jahre lang der mittelmäßige Ersatz für eine Andere war?

"Die größte Herausforderung für mich war, alles auszudrücken, ohne viel zu sagen, ohne große Worte zu machen. Die Gefühle muss ich praktisch stumm ausdrücken. Ich war so eine Art Vehikel einer Geschichte, in der nicht wirklich viel passiert."

Wenige Gesten, subtile Bewegungen

Charlotte Rampling schweigt sich vielsagend durch diesen Film, und gerade weil sie so wenig sagt, spürt man, wie sehr das alles in ihr brennt, wie unaufhaltsam ihre Welt aus den Fugen gerät. Mit wenigen Gesten und mit subtilen Bewegungen verdeutlicht sie, dass die fürsorgliche Routine dieses alten Ehepaares hohl geworden ist, dass sie erkannt hat: Ihre gemeinsame Basis hat womöglich nie existiert.

Ihren stärksten Moment hat Charlotte Rampling in dem Augenblick, als Kate auf dem Dachboden einen alten Koffer findet, und ihr klar wird: Geoff hat alles von Katya aufbewahrt, alles, jede Notiz, jeden Brief, jedes Bild.

"Es passiert irgendetwas, und Du zerbrichst innerlich. Ich weiß nicht, ob Dir das schon mal passiert ist, dann weißt Du, wovon ich rede."

Mit einem kurzen Zucken der Unterlippe kehrt Charlotte Rampling das Innere ihrer Filmfigur nach außen und macht mit minimalem Mitteleinsatz deutlich, dass ihr alle Gewissheiten gerade weggerutscht sind. Dieses bis zum Äußersten reduzierte Spiel ist eine Sternstunde einer Schauspielerin, die seit 50 Jahren vor der Kamera steht und die im Lauf ihrer Karriere mit Regisseuren wie Luchino Visconti, Woody Allen und Lars von Trier zusammengearbeitet hat.

Offen und allürenfrei

Im Gespräch gibt sie sich offen und allürenfrei, charmant und fast schon kumpelhaft – was man sich vermutlich erlauben kann, wenn man in einer 50-jährigen Karriere so ziemlich alles erreicht hat und verlässlich in der Liga der Superstars spielt. Im kommenden Jahr wird sie 70 Jahre alt – aber ans Aufhören denkt sie nicht:

"Filme drehen hält mich lebendig. Wenn ich meinem Mann gegenüber ab und zu ankündige: 'Jetzt höre ich auf', dann sagt er: 'Du hast ein von Gott gegebenes Talent, und wenn Du aufhörst, wirst Du furchtbar bestraft werden!' Das ist natürlich Unfug, aber gut, und dann sagt er: 'Es stimmt doch, Du machst das so gut, da kannst Du doch nicht einfach aufhören, und außerdem: was willst Du denn dann tun?' – Und dann sage ich: 'Na, dann schaue ich halt nach Dir', und er dann so: 'haaaa – haaaa – haaaa!'"

Charlotte Ramplings Ehemann wird sich sein Frühstücks-Porridge also noch eine gute Weile lang selbst zubereiten müssen.

Mehr zum Thema:

Charlotte Rampling - "Ich bin wie alle anderen ein angstbesetzter Krüppel"
(Deutschlandfunk, Corso, 19.11.2013)

Perfekter Moment
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 09.02.2006)

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