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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.04.2016

Charlie-Chaplin-MuseumSchweizer Kultstätte für Filmliebhaber

Von Arkadiusz Luba

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Museum "Chaplin‘s World By Grévin" in der Schweiz (picture-alliance / dpa / Foto: Laurent Gillieron)
Eröffnung des Museums "Chaplin‘s World By Grévin" am 16. April im schweizerischen Corsier-sur-Vevey. (picture-alliance / dpa / Foto: Laurent Gillieron)

Charlie Chaplin ist einer der einflussreichsten Komiker in der Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts: Zu seinem 127. Geburtstag wurde in der Schweiz das Museum "Chaplin's World By Grévin" eröffnet. Das zeigt neben Dekors aus Chaplins Filmen den Meister als Wachsfigur.

"Willkommen im Studio! Sie werden einen Film über die wichtigsten Abschnitte des Lebens Charlie Chaplin sehen. Bitte, nehmen Sie Platz!"

"Der große Diktator" – Charlie Chaplins parodierte Hitler-Rede aus dem Jahr 1940 spiegelt noch vor dem Rundgang durch das neue Museum seine wichtigsten Themen: Kriege und Krisen, Armut und Migration, Geld, Macht und Politik. Erstaunlich, dass Chaplin keine düstere Bilder geschaffen hat. All seine Filme sind Komödien. Die Leinwand im Kinosaal des Museums hebt sich – und das Eintauchen in Chaplins Welt beginnt.

Charlie Chaplin fiel vor allem durch sein Mimenspiel und seine Clownerie auf. In den 1920er-Jahren war er als Hollywood-Künstler bereits reich und berühmt. Er hätte sich ein stressfreies, bequemes Leben leisten können. Doch der Vagabund Chaplin hatte eine Mission. Er wollte seinem Publikum helfen, über das Lachen die Schattenseiten des 20. Jahrhunderts zu reflektieren. Yves Durand, kanadischer Museumsmacher und Initiator von "Chaplin’s World":

"Hinter diesem Clown steht ein Drehbuchautor. Und hinter dem Drehbuchautor ein Mensch. Chaplin war ein Humanist, der auf die Welt schaute. Und er war sehr mutig. Als er 'Den großen Diktator' machte, waren alle gegen ihn. Und für 'Moderne Zeiten' ließ er sich von einer Ford-Fabrik inspirieren, in der  – wie in einem totalitären System – Menschen gezwungen werden, etwas zu tun, in diesem Fall: zu arbeiten. Die gesamte US-amerikanische Industrie war gegen ihn."

Chaplin zog in die Schweiz

Chaplin parodierte die amerikanische Gesellschaft und wurde dem Staatsapparat verdächtig. Nachdem das FBI ihm die Wiedereinreisegenehmigung für die USA entzog, entschied er sich, in die Schweiz zu ziehen. Er kaufte das Landgut Manoir de Ban im Örtchen Corsier, oberhalb von Vevey. Mit seiner Frau Oona und seinen acht Kindern verbrachte er hier die letzten 25 Jahre seines Lebens bis zu seinem Tod 1977.

"Nach all den turbulenten Jahren in den Staaten, fand er in der Schweiz einen Ort und nach einiger Zeit verliebte er sich in ihn. Am Ende seiner Autobiografie spricht mein Vater über den Ausblick und die Berge. Er hat hier sein Glück gefunden."

... sagt Eugene Chaplin, der 1953 in Corsier geboren wurde und dort seine Kindheit verbrachte.

Die Familie wollte kein Chaplin-Mausoleum auf dem Landgut. Vielmehr einen Ort, an dem die privaten Dokumente mit szenischen, filmischen und virtuellen Inszenierungen zusammengeführt werden. So entstand an einer Parkanlage zwischen dem Genfer See und den Alpen auf 3000 Quadratmetern eine Kultstätte für Filmliebhaber.

Das endgültige Konzept wurde nach 16 Jahren von dem für seine Wachsfiguren bekannten Musée Grévin in Szene gesetzt. Aufgeteilt in zwei Bereiche – Chaplins privates und sein berufliches Leben.

Emotionen wecken!

In dem renovierten Herrenhaus erinnert eine in die Badewanne steigende Wachsfigur des Familienvaters Chaplin an die berühmte Szene aus "Der König in New York". Ein paar Schritte vom Haus entfernt steht sein nachgebautes Hollywood-Studio. Allerdings viel moderner und voller Filmdekors.

Hier kann man sich in das Räderwerk aus dem Film "Moderne Zeiten" legen oder die Holzhütte aus "Goldrausch" wackeln lassen. Dem Illusionisten, Eugene Burger, gefällt das:

"Es ist ein Traum, ein Erlebnis, wenn man ein bisschen Gefühl für Kino hat und das miterleben kann. Das letzte Mal hab ich Charlie Chaplin 1964 persönlich gesehen. Wenn ich das jetzt alles anschauen kann, wird es mir wirklich warm ums Herz."

Emotionen wecken! Das ist es, worauf Béatrice de Reyniès, die Präsidentin des  Musée Grévin, bei der Umsetzung des Konzeptes setzte:

"Das Ziel war, die komplexe Persönlichkeit, die Qualitäten und Botschaften von Charlo zu zeigen. All dies interaktiv und mit einigen Wachsfiguren. Das sind nahe Begegnungen mit Chaplin und seinen Charakteren, die wir den Besuchern ermöglichen wollten."

Wir sind alle Chaplins Protagonisten

Angefangen in einem Kinosaal endet der Rundgang wiederum auf einer Bühne. Die Besucher schauen erneut auf eine Leinwand. Diesmal werden sie aber von einem Publikum aus Chaplins Film "Rampenlicht" beklatscht. Wir sind eben alle Chaplins Protagonisten. Das letzte Wort gehört dem Meister selbst:

"Der Abend ist schön. Ich würde weitermachen, aber ich stecke fest."

Chaplins Filmwelt hat nichts an Aktualität verloren. Sein scharfes Auge hätte auch heute Vieles zu parodieren. Zum Studieren ist "Chaplin’s World" perfekt.

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