Freistil, vom 13.04.2008

Sie haben es lange geschafft, im Dunkeln zu bleiben, die Musiker jener geheimnisvollen Big Band, die sich "Charlie and His Orchestra" nannte. Als einzige deutsche Band spielte sie im offiziellen Auftrag jene Musik, die in Nazi-Deutschland nicht gespielt werden durfte: Swing.

Den Augen und Ohren der Öffentlichkeit verborgen nahmen bekannte Musiker wie Lutz Templin, Willy Berking und Freddy Brocksieper mit dem Sänger Karl Schwedler und weiteren europäischen Elite-Musikern in schallgedämpften Studios beliebte amerikanische Hits auf – und mischten nationalsozialistische Propaganda-Texte in englischer Sprache dazu, häufig in Anbindung an das aktuelle Kriegsgeschehen. Ziel war es, mit dieser heiklen Mischung über Rundfunksendungen die Bevölkerung im sogenannten Feindesland zu infiltrieren.

Als Texter fungierten Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, des Reichspropaganda-Ministeriums und der englischsprachigen Sendungen verschiedener deutscher Kurzwellensender. Sie waren erfolgreich. Zu Beginn des Krieges soll jeder vierte Engländer das Programm "Germany Calling" gehört haben - amüsiert oder empört. Die BBC setzte sogar einen Ausschuss ein, um zu untersuchen, wie "groß die Gefahr der Sendungen" sei und was man dagegen tun könne.

Mehr zufällig waren Jahre nach Kriegsende Plattenaufnahmen von "Charlie and His Orchestra" entdeckt worden, dann machten sich Jazz-Kenner gezielt auf die Suche. Inzwischen sind zahlreiche Titel auf CD erhältlich und die Namen der Beteiligten aufgedeckt. Aus Scham oder Angst vor den Folgen hatten sie ihre Arbeit für Goebbels verschwiegen. Erst in hohem Alter gaben einige der Musiker zu, dass die Lust am Swing, das Geld und die Freistellung vom Wehrdienst schwerer gewogen hätten als ihr schlechtes Gewissen.