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Tonart | Beitrag vom 28.07.2020

Charles BradleyEin später Star des Soul, der Liebe predigte

Von Oliver Schwesig

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Der afroamerikanische Soulsänger Charles Bradley 2016 beim 50. Montreux Jazz Festival. JEAN-CHRISTOPHE BOTT EDITORIAL USE ONLY | (picture alliance / KEYSTONE / Jean-Christophe Bott)
Voller Einsatz auf der Bühne: Nur fünf Jahre dauerte die Karriere des Soulsängers Charles Bradley. (picture alliance / KEYSTONE / Jean-Christophe Bott)

Charles Bradley brachte sein Debütalbum in einem Alter heraus, in dem andere in Rente gehen. Das hinderte ihn nicht daran, bis zu seinem Tod, 2017, noch zu einer Größe des Neo-Soul zu werden, den er maßgeblich prägte. Doch stets ohne Starallüren.

Im März 2016 war Charles Bradley im Deutschlandfunk Kultur zu Gast bei einer Live Session. Nur mit Gitarre begleitet, legte er all seine Kraft in den flehenden Gesang. Und genau dieser Gänsehautton seines Soul-Tenors ist das Kennzeichen seiner Soulmusik.

Sein Debütalbum "No Time for Dreaming" brachte er 2011 mit 63 Jahren heraus: Zu dem Zeitpunkt hatte Bradley einen fast unglaublichen Lebensweg hinter sich. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in Florida. Über 30 Jahre Arbeit als Koch von New York bis Alaska, übler Rassismus inklusive. Angekommen schließlich in Kalifornien. Und als das Geld der ersten Rate für ein Haus zusammen war, wurde er gefeuert. Keine Zeit zum Träumen – no time for dreaming. Mit Anfang 50 ging’s zurück zur Familie nach New York. Eines nachts dann ein Polizeieinsatz – sein eigener Bruder wurde in der Nachbarschaft erschossen. Ein Leben, um davon zu erzählen.

Charles Bradley zu Gast beim Deutschlandfunk Kultur: Die Kollegen und Kollegin der Sendung "Tonart" lernten den Soulmusiker als bescheidenen und herzlichen Menschen kennen, der für jeden ein freundliches Wort und eine Umarmung hatte. Seine Live Session war ein Erlebnis. Bradley starb 2017 an Krebs.

Beim berühmten Apollo-Konzert von James Brown 1962 stand der kleine Charles Bradley im Publikum. Sein musikalisches Erweckungserlebnis. Jahrzehntelang arbeitete Bradley nebenbei als Clubsänger, schrieb Songs und formte seinen Stil nach dem Vorbild von James Brown.

Es fügte sich alles

Ende der 2000er-Jahre fügte sich dann alles. Gabe Roth von Daptone Records entdeckte diesen Soul-Diamanten. 40 Jahre unerkannte Gesangsarbeit trugen endlich Früchte: Nicht weniger als die Auferstehung des Godfather of Soul konnte man erleben auf den letzten Konzerten, die der strahlende Mittsechziger Bradley absolvierte: weißer Glitzeranzug, eine knackige Funkband im Rücken, feuriger Soulgesang. So muss es damals gewesen sein, in den 60ern. Im Gegensatz zu seinem Idol James Brown klingt Bradley aber empfindsamer und viel romantischer. Gerade in Europa hatte er die größten Erfolge. Ein märchenhafter Traum?

Nicht ganz, sagt Bradley. "Für mich ist es ein Traum, aber ein bittersüßer. Vor meiner Karriere hat sich niemand für meine Geschichte interessiert. Ich wollte mich Menschen anvertrauen, aber niemand wollte mir zuhören. Es gibt nur wenige Menschen, denen ich sehr dankbar bin. Dazu gehören meine Mutter, Gabe Roth, der Chef meines Labels und mein Musikerkollege Jimmy Hill. Ich bin meinem europäischen Publikum sehr dankbar, das mich mit offenen Armen und Herzen empfangen hat und meine Stimme hören wollte. Ich bin durch die Staaten getrampt auf der Suche nach einer Chance, aber niemand wollte mich hören. Die Menschen in Europa haben mir ihre Liebe gezeigt."

Kein Platz für Bitternis

Das bittere Leben hat ihn aber nicht bitter gemacht. Im Gegenteil. Charles Bradley predigte bis zum Schluss in seinen Songs nichts als die Liebe. Eine christlich geprägte zunächst. Aber sie kann gehört werden als universelle Liebe.

"Seit ich auf dieser Welt bin, glaube ich daran, dass es wahre Liebe gibt", betont Bradley. "Und in meinem Glauben steht Jesus für die Liebe. Vielleicht habe ich nie die Liebe erlebt, die ich tief in meiner Seele ersehne. Aber eins kann ich sagen: Ich bin mit Liebe im Herzen über diesen Planeten gelaufen und am Ende meines Regenbogens werde ich Gott von Angesicht zu Angesicht treffen. Und ich werde wissen, ob meine Liebe umsonst war. Und ich weiß: Gott ist irgendwo da draußen. Vielleicht gibt es ihn in den Kräften der Natur. Aber auf jeden Fall lebt er in den Menschen."

Leid, Rassismus, das Weitermachen und die Liebe. Wohl nur im schwarzen Soul können solche Geschichten am besten erzählt werden. Charles Bradley lebte dieses Leben, um genau diese Lieder zu singen. Was bleibt von dieser unglaublichen Musiker-Biographie? Der Trost, dass Bradley zum Schluss das tun konnte, wofür er gebrannt hat und was er liebte.

In unserer Sommerreihe "Späte Karrieren" beleuchten wir zwischen dem 27. und dem 31. Juli das Leben von Musikerinnen und Musikern, die das große Berufsglück erst spät erreicht hat. Die dann aber vor allem eine unglaubliche Karriere hingelegt haben.

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