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Breitband | Beitrag vom 28.12.2019

"Chaos Communication Congress" in LeipzigAuf den Spuren von IT-Pionierinnen

Von Jochen Dreier

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Ein Teilnehmer des 36C3 Chaos Communication Congress vor einer digitalen Installtionswand mit Kreis- und Ziffer-Elementen. (Getty Images / Jens Schlueter)
Zum Chaos Communication Congress werden die Messehallen in Leipzig geschmückt - und unbenannt. (Getty Images / Jens Schlueter)

Ada, Clarke, Borg oder Dijkstra heißen die Messe-Hallen, in denen derzeit der Kongress des Chaos Computer Clubs stattfindet. Benannt wurden sie nach historischen Persönlichkeiten der Computergeschichte. Wir stellen sie vor.

Die Messehallen in Leipzig verändern sich nicht nur äußerlich, wenn der Chaos Communication Congress (CCC) tagt, sie verlieren auch ihre klassischen Namen wie Messehalle 1 oder Messehalle 2. Abgesehen davon, dass Zahlen über 0 und 1 auf dem CCC selten gebraucht werden, ist diese Nummerierung auch nicht besonders kreativ. Also werden sie schlicht umbenannt. So heißen die großen Bühnen, auf denen die Vorträge stattfinden: Ada, Clarke, Borg oder Dijkstra. Aber was bedeuten diese Namen und auf wen spielen sie an? 

Ratlose Besucher

Viele sind da eher ratlos: "Ich habe keine Ahnung, echt nicht", sagt ein Besucher. "Der größte Saal? Hoffentlich nicht nach diesem Schifffahrtsunternehmen?", lautet eine andere Meinung. Oder: "Ich wette, das hat bestimmt was mit einem Informatiker oder Science-Fiction-Autor zu tun." Es sind sich längst nicht alle Besucher sicher, warum die Säle heißen, wie sie heißen. Am häufigsten hört man noch diese Erklärung: "Das einzige Borg, was mir einfällt, ist aus Star Trek, die Alienrasse, die das Schiff von Jean-Luc Picard anfällt."

Die britische Mathematikerin Ada Lovelace (picture alliance / Photoshot)Gilt als die erste Programmiererin: die britische Mathematikerin Ada Lovelace. (picture alliance / Photoshot)

Beginnen wir der Größe nach. Den ersten Saal, auf dem die Aufmerksamkeit liegt, heißt "Ada". Dort ist die Eröffnungsveranstaltung, traditionell "Opening Ceremony" genannt. Der Saal "Ada" ist der Saal des Anfangs und das ist außerdem so passend, weil er nach der britischen Mathematikerin Ada Lovelace (1815-1852) benannt ist. Sie arbeitete zusammen mit dem Erfinder und Mathematiker Charles Babbage an der von ihm entwickelten Analytical Engine, einer hochkomplexen Rechenmaschine aus Metall, die als wichtiger Schritt für die Entwicklung von Computern gilt und deren Funktion heute noch in Museen demonstriert wird

Lovelace schrieb für diese Maschine die ersten Programme und wird deshalb weitläufig als der erste programmierende Mensch der Welt bezeichnet. In ihrer Pionierarbeit und der wachsenden Würdigung ihrer Leistung, wird sie vielleicht in den Geschichtsbüchern einmal ihren Vater überstrahlen, den britischen Dichter Lord Byron. Nach Lovelace wurde außerdem eine Medaille der britischen Computer Society benannt, die seit 1998 jährlich verlieren wird, leider erst zwei Mal an eine Frau, und eine Programmiersprache "Ada".

Würdigung für Anita Borg

Der zweitgrößte Saal heißt Borg. Vielen Besuchern fielen dabei Mischwesen aus Maschine und verschiedenen Spezies ein, die wie eine Art großer Computer sind. Allerdings kommt der Name von einer IT-Pionierin: Anita Borg war eine US-amerikanische Computerwissenschaftlerin, die in den USA das "Institute for Women and Technology" (IWT) gründete und die Vortragsreihe "Grace Hoppe Celebration of Women in Computing" startete. Borg starb 2003 nach einem schweren Krebsleiden. Nach ihrem Tod wurde das von ihr gegründete Institut nach ihr umbenannt und ist heute die gemeinnützige Organisation "AnitaB.org". Außerdem widmete "Google" ihr ein Stipendium und die Universität New South Wales in Australien vergibt jährlich einen Anita-Borg-Preis. Das dieser Name eine gewisse Doppeldeutigkeit hat, das ist vielleicht aber auch ein typisches Augenzwinkern der Veranstalter.

Langsam könnte ein Muster erkennbar sein. Nach wem ist dann der Saal Clarke benannt? Nach Arthur C. Clarke, einem Science-Fiction-Autor? Nach Clarke Kent, dem Superman? Oder vielleicht nach Edith Clarke, der ersten Frau, die in den USA als professionelle Elektroingenieurin angestellt wurde. Sie lebte von 1883 bis 1959 und ihr Spezialgebiet war die Analyse von elektrischen Systemen und Stromkreisen. 1949 wurde sie als erste Frau in das US-amerikanische Institut für Elektroingenieure aufgenommen und war damit Wegbereiterin für die Gleichstellung von Frau und Mann in technischen Berufen. 2015 wurde sie posthum in die "Hall of Fame" der nationalen Erfinder aufgenommen.

Im Saal Clarke wurde an Tag eins zum Beispiel darüber gesprochen, wie wir die Energie aus erneuerbaren Technologien in Zukunft besser speichern können. Clarke wäre sicher glücklich über diesen Erfindungsreichtum.

Teilnehmer des 36C3 Chaos Communication Congress in Leipzig an gemeinsamen Arbeitstischen. (Getty Images  / Jens Schlueter)Die Teilnehmer des Chaos Communication Congress debattieren wichtige Fragen der Digitalisierung. (Getty Images / Jens Schlueter)

Der Raum mit dem ungewöhnlichsten Namen heißt Dijkstra. Das im ersten Moment fremd klingende Wort hat seinen Ursprung in den alten Sprachen des westlichen Frieslands, den heutigen Niederlanden. Dijk ist ein altes Wort für Deich oder Damm und Dijkstra bezeichnet eine Familie, die nah am Deich gewohnt hat. Wie womöglich die Vorfahren von Edsger Wybe Dijkstra, einem niederländischen Informatiker, der von 1930 bis 2002 lebte. Er ist vor allem  als Wegbereiter einer strukturierten Programmierung und Entwicklung von Programmiersprachen bekannt. Seine Erfindung des nach ihm benannten Dijkstra-Algorithmus dürfte fast jeder Smartphone-Besitzer nutzen, ohne es zu wissen. Der Algorithmus berechnet die kürzesten Wege zwischen verschiedenen Punkten, prominent eingesetzt in Routenplanern und Kartenapps.

Kritischer Blick auf die Technik

Der letzte große Saal ist Eliza. Es scheint erneut, als wäre hier eine Frau die namensgebende Person. Aber ein Motto des CCC ist: "All creatures welcome".

Eliza ist nämlich nicht Mann oder Frau und trotzdem binär. Der deutsche Informatiker Joseph Weizenbaum erfand 1966 das Computer Programm ELIZA, das die Verarbeitung natürlicher Sprache durch einen Computer demonstrierte. Weithin wurde es als Meilenstein bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz gefeiert. ELIZA simulierte ein menschliches Gegenüber, war also eine Vorläuferin von Chatbots, von Siri und Alexa. 

Nachdem Weizenbaum mit ELIZA eine Art Psychotherapeutin simulierte und Probanden dem Programm Geheimnisse anvertrauten, wurde er zu einem scharfen Kritiker von Technikgläubigkeit. Der Raum Eliza erinnert also einerseits an einen der größten deutschen Informatiker, der nur durch Emigration in die USA zusammen mit seiner Familie den Nationalsozialisten entgangen ist, andererseits daran, dass Technik eben immer auch kritisch gesehen werden muss. 

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