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Profil / Archiv | Beitrag vom 25.04.2006

Chansons von androgynen Zauberwesen

"Malediva“ bringt nicht nur Kritiker zum Schwärmen

Von Dirk Fuhrig

Malediva (robert-recker.de/)
Malediva (robert-recker.de/)

Die Fans des Chanson-Trios "Malediva" werden immer mehr: Die androgyn gekleideten Zauberwesen bringen auch viele Kritiker zum Schwärmen, die meinen, dass sie mit ihren frechen Texten und eingängigen Melodien das deutschsprachige Chanson erneuern.

Ein Klavier, zwei Barhocker. Darauf: Zwei junge Männer in dicker weißer Schminke, gekleidet in fliegende Tücher. Der eine sitzt still und starrt blasiert in die Ferne, der andere zappelt und ruckelt auf seinem Stuhl. Zwei Clowns im Rampenlicht. Sie quatschen, zanken - singen.

Lo Malinke: "Uns war es immer wichtig, unsere Gefühle über Musik auszudrücken, klar, was ne sehr lyrische Note dem Programm gibt. Auf der anderen Seite war es uns auch wichtig zu sagen: Diese Figuren sind ganz real, die haben einen ganz bodenständigen, derben Humor, gehen ganz brutal miteinander um, aber auch ganz zärtlich. Und dann iss es glaub ich auch so: Wir besetzen eine Nische, die sonst von keinem mehr gefüllt wird im Moment: Das ist schon sehr dieser androgyne Stil."

Androgynität als Marktnische. Lo Malinke - der Große mit Glatze - redet auch auf der Bühne immer stramm drauf los. Tetta Müller gibt den nachdenklicheren Part.

Tetta: "Als Kunstfigur kann man viel mehr Dinge sagen, die man sonst nicht sagen würde. Weil die Leute denken, die kommen eh nicht ganz von dieser Welt. Also kann man bösere Witze machen."

"Malediva" - darunter darf man nicht nur männliche Diven verstehen ("male diva"), sondern vor allem: böse Diven. Witze machen, das beherrschen sie. Von subtil bis unter der Gürtellinie.

Seit 1997 sind Lo Malinke, Tetta Müller und Florian Ludewig gemeinsam unterwegs. Mitte 20 waren sie, als sie anfingen, die deutsche Chansonszene zu erobern. Die Figuren, die sie auf die Bühne bringen, haben sehr viel mit ihnen selbst zu tun. Lo Malinke wuchs tatsächlich in dem dörflichen Bauernhofambiente auf, auf das er in seinen Songs so humorvoll zurückblickt.

Er begann in Köln zu studieren, verdiente sein Geld als Altenpfleger und Platzanweiser, wollte eine Zeitlang Journalist werden. Doch dann fing er gemeinsam mit seiner Jugendliebe, dem Spanisch- und Philosophiestudenten Tetta - auch er in der oberhessischen Provinz bei Kassel aufgewachsen - an zu singen. In Köln lernten sie Florian kennen, der sich an den Flügel setzte und sie begleitete. Musikalische Ausbildung? Fehlanzeige.

Lo Malinke: "… Wir sind alles ungelernte Kräfte, man tastet sich so vorsichtig ran am Anfang der Karriere, und mittlerweile sagt man so: Ach komm, hey, wenn andere das können, können wir das auch, machen noch nen Rap dazu, machen noch nen Reggae dahin, das geht schon alles."

Heute sind Lo Malinke und Tetta Müller in Berlin angekommen. Sie leben zusammen in einer üppigen Altbau-Wohnung im Stadtteil Prenzlauer Berg. Jetzt sind sie Mitte 30, und nicht erst seit dem Deutschen Kleinkunstpreis stehen sie mit beiden Beinen fest auch im musikalischen Leben. Vom Aufbruch aus der Provinz und vom Ankommen in der Großstadt berichten ihre Lieder.

Lo Malinke: "Es wird darum gehen, dass diese Figuren erwachsen geworden sind und sich jetzt in der Stadt bewähren müssen. ... Ihre Kindergeschichten sind erzählt, die größten Kämpfe mit den Eltern gefochten, jetzt setzt das andere wieder ein. Die Entscheidung zu treffen: Mit wem lebe ich zusammen, was wird mein Lebensunterhalt sein und wo werde ich leben. Und diese großen Entscheidungen müssen die beiden Figuren im neuen Programm ausfechten."

Dass so viel - zumindest scheinbar - Autobiografisches in die Texte einfließt, macht die Auftritte der beiden Zauberwesen so leicht, erfrischend und authentisch. Sie kultivieren die Melancholie und das Changieren zwischen den Geschlechterrollen, ohne dabei in einer Pose zu erstarren. Ihre Geschichten handeln vom Alltag, vom Verliebtsein, von Fernweh, von Sehnsucht. Deutsches Chanson, sehr dicht an der Gegenwart.

Florian Ludewig: "Ich würde fast sagen, es ist Popmusik, die nur zwei Stimmen und ein Klavier hat. Es hat mit Chanson eigentlich relativ wenig zu tun, aber diese Bezeichnung kommt glaub ich eher durch die Bühnenform. Wenn da ein Flügel steht und zwei Leute aufm Barhocker sitzen, dann ist es eben Chanson. Ich weiß nicht, was es wirklich ist."

Florian Ludewig ist mit 31 Jahren der jüngste im Trio. Er komponiert alle Songs. Nicht nur auf der Bühne, wo er im Hintergrund in die Tasten haut, bildet er einen gehörigen Kontrast zu dem energischen Lo und dem fein ironischen Tetta, die auch im persönlichen Gespräch keine Gelegenheit auslassen, sich ins Wort zu fallen. Ganz wie ein altes Ehepaar, das sich gegenseitig anzickt und hochnimmt - solange bis sie wieder anfangen zu singen. Dann versteht man sofort: Sie passen einfach perfekt zusammen, diese ganz und gar nicht bösen Diven.

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