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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.11.2010

Celan war "sehr, sehr feinfühlig"

Eine ehemalige Geliebte berichtet von Paul Celan

Brigitta Rupp-Eisenreich im Gespräch mit Dieter Kassel

Brigitta Eisenreich war eine von mehreren Geliebten des Dichters. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Brigitta Eisenreich war eine von mehreren Geliebten des Dichters. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Die Ethnologin Brigitta Rupp-Eisenreich hat sich nach jahrzehntelangem Schweigen als frühere Geliebte des Dichters Paul Celan geoutet. In ihrem Buch "Celans Kreidestern" schildert sie ihre gemeinsame Zeit in Paris.

Dieter Kassel: Der Lyriker Paul Celan, geboren am 23. November 1920 im damals rumänischen Czernowitz, hatte Zeit seines Lebens zwar nur eine Ehefrau, aber er hatte immer zahlreiche Geliebte. Die Bekannteste davon war sicherlich Ingeborg Bachmann, aber es gab noch einige andere, von denen man lange Zeit gar nichts wusste. Man wusste zum Beispiel nichts von Brigitta Eisenreich. Die kam 1951 aus Österreich, aus der Nähe von Linz, nach Paris, arbeitete zunächst als Aupairmädchen und machte schließlich eine recht beeindruckende Karriere als Ethnologin. Sie ist inzwischen 82, lebt noch immer in Paris und hat in diesem Jahr das erste Mal von ihrer Beziehung zu Paul Celan, die immerhin von 1952 bis Ende '62, Anfang '63 ging, berichtet. Ich habe gestern mit ihr gesprochen, wollte natürlich von ihr wissen, wie das denn damals war, als sie mit ungefähr 25, Celan war 33, als sie diesen Mann überhaupt kennengelernt hat, wie es dazu kam…

Brigitta Rupp-Eisenreich: Dieses Begegnung kam dank meines Bruders zustande. Mein Bruder Herbert Eisenreich, der ja auch Schriftsteller war, war anwesend bei einer Dichterlesung in Niendorf in Deutschland, wo die Gruppe 47 eines ihrer ersten Treffen hatte. Und da wurde auch, auf Betreiben von Österreichern wurde auch Milo Dor eingeladen, und der hat dann mit Ingeborg Bachmann gemeinsam alles daran gesetzt, dass Celan auch hinkäme. Und so haben sich mein Bruder und Celan getroffen. Und dann ist mein Bruder nach Paris gekommen und hat mich besucht, und bei der Gelegenheit hat er mir gesagt, ich werde dich jetzt bekanntmachen mit jemand, den ich da getroffen habe, du wirst staunen! Und so haben wir eben einen langen Abend und eine ganze Nacht verbracht, flanierend, durch die Stadt flanierend und ihm zuhörend hauptsächlich.

Kassel: Dieser Tag damals 1952, als Sie Paul Celan das allererste Mal begegnet sind, wie haben Sie den in Erinnerung?

Rupp-Eisenreich: Als einen sehr liebenswürdigen Menschen, von dem ein großer Zauber ausging, sofort. Er war noch nicht bekannt, das muss man immer in Erinnerung rufen. Er hatte ja damals noch nicht einmal "Mohn und Gedächtnis" veröffentlicht, das war noch im Entstehen und er hat noch nach Verlegern gesucht in dieser Zeit. Aber trotzdem habe ich ihn sofort – natürlich auch auf die Worte meines Bruders hin – als einen Dichter empfunden, jemand, der eben nicht nur dichtet, sondern auch Dichter ist, in seiner Substanz, in seinem Wesen, in seiner Art, so wie ich mir eben einen Dichter vorstellen konnte.

Kassel: Was war das dann am späten Abend, in der Nacht für ein Abschied? Haben Sie damals schon gedacht, dass Sie diesen Mann häufig wiedersehen würden?

Rupp-Eisenreich: Nein! Nein, das war ganz natürlich. Ich hab ihn dann wiedergesehen, weil ich seine Adresse hatte. Ich war ganz in der Nähe, ich habe die Sorbonne frequentiert, und er wohnte drei Schritte von dort. Und ich, manchmal im Vorübergehen, hab dort geläutet, der Hausmeister hat gefragt, ob ich hinaufkommen dürfe, dann hab ich ihn einfach besucht von Zeit zu Zeit, so als Landsmännin, wenn Sie wollen.

Kassel: Sie beschreiben ja in Ihrem Buch auch, wie wichtig es für Celan damals in Paris gewesen ist, eine gute Freundin zu haben und sehr bald dann auch noch mehr als das, mit der er Deutsch sprechen konnte und auch gerade sein Deutsch. War Ihnen das damals so bewusst, dass Sie für ihn, wenn ich das so nennen war, auch eine Sprachfreundin waren?

Rupp-Eisenreich: Nein, das habe ich erst im Nachhinein begriffen, aber es war eine Gegebenheit. Im Nachhinein sehe ich, dass es einfach eine grundlegende Bedingung war dafür, denn es ist ja wahr, der Gleichklang, der uns dann auch vereint hat, der war auf dieser Basis, auch die Liebe zur Sprache.

Kassel: Eine Liebe zur Sprache – da sind wir natürlich bei der großen Frage, ob und wann es denn dann passiert ist, dass Paul Celan mit Ihnen auch über sein Werk, über seine Arbeit gesprochen hat?

Rupp-Eisenreich: Über sein Werk, seine Gedichte, hat er in der Regel im Vorhinein nicht gesprochen. Ich habe sehr viele Übersetzungen im Vorhinein gesehen und habe bei manchen auch mitgelesen, mitkritisiert sogar, aber die Gedichte waren so, mit einigen wenigen Ausnahmen habe ich sie im Vorhinein, vor der Veröffentlichung nicht gesehen.

Kassel: Das heißt, Sie haben bei Ihren Treffen mit Paul Celan auch nie Gespräche darüber geführt, woran er gerade arbeitet und wie er das tut?

Rupp-Eisenreich: Nein, das haben wir nicht. Er war, wie soll ich sagen, auf diesem Gebiet ganz Herr seiner Sache, da brauchte er keinen Rat.

Kassel: Wie geht es Ihnen denn heute? Sie haben ja – was Sie auch beschreiben oder zumindest erwähnen in dem Buch – natürlich bei dieser Arbeit auch Dinge wieder gelesen aus der damaligen Zeit, Dinge, die Sie – so klingt das für mich, korrigieren Sie mich, wenn ich das falsch verstanden habe –, die sie viele Jahre einfach haben liegen lassen.

Rupp-Eisenreich: Ich selbst hab ja nur die ersten vier Bände gekannt, und zwar "Mohn und Gedächtnis", "Von Schwelle zu Schwelle", dann "Sprachgitter" und dann die "Niemandsrose", da war ich noch dabei in der Entstehungszeit. Und in dieser Zeit sind auch Gedichte in größerer Nähe zu mir entstanden, wie zum Beispiel "Benedicta", wo ja dieser deutliche Hinweis ist auf ein Ereignis, dass eine Platte stecken bleibt und einen Satz wiederholt, die dann im Zentrum des Gedichts steht.

Kassel: Vielleicht können Sie diese, ich möchte es fast, wenn es nicht zu banal ist, Anekdote nennen, die Sie ja – zur Entstehung des Gedichts "Benedicta" –, die Sie ja auch schildern in dem Buch, mit dieser Platte, vielleicht können Sie das mal beschreiben, weil das war so eine Stelle, wo ich doch ein neues Bild von Paul Celan bekommen habe, das hat mich etwas überrascht, was Sie da beschreiben, denn letzten Endes war das ja einfach nur ja eine kaputte Platte, eine kaputte Nadel, ein reiner Zufall!

Rupp-Eisenreich: Zufälle, die irgendwie unvorhersehbar waren, und so Merkwürdigkeiten hat er immer notiert, da war er sehr, sehr feinfühlig, da war er sehr aufmerksam, da war er wie ein Seismograf. Das war für ihn irgendwie wie eine Botschaft. Und darum ist es auch im Gedicht festgehalten.

Kassel: Da stellt sich nun die Frage nach dem Bezug des Werks von Paul Celan der Gedichte zur Realität. Sie sagen auch noch mal in Ihrem Buch an einer Stelle, dass Sie jetzt noch stärker als jemals zuvor wirklich auch gemerkt hätten, wie sehr man vieles nur verstehen kann, wenn man seine Lebensgeschichte, wenn man auch seine Familiengeschichte kennt.

Rupp-Eisenreich: Ja, aber mit großer Vorsicht. Denn so direkt ist der Zusammenhang natürlich nicht, der Weg geht immer bei ihm über die Sprache, das ist ganz klar. Ich meine, das Sprachgitter steht immer dazwischen, das wird gesiebt und da gibt es ja viele Zitate von ihm. Ich zitiere nur das Gedicht "Kreidestern", der ja im Titel steht, der Kreidestern hat einen deutlichen Bezug zu einer Sache, wo ich vom Kreidestern spreche oder schreibe, und dann eben finde ich es wieder, im Nachhinein finde ich es im Gedicht. Dies als ein Beispiel. Und wenn Sie wollen, kann man auch von einem anderen Gedicht reden, vom "Schuttkarren", weil das war eines der wenigen Gedichte, wo die frühen Konzeptionen zu mir kamen und die auch wieder ausgebessert wurden.

Kassel: Moment, das müssen Sie jetzt ein bisschen erklären, weil wir ja schon darüber gesprochen haben, dass Celan mit Ihnen ja eigentlich nicht über seine lyrischen Arbeiten gesprochen hat.

Rupp-Eisenreich: Ja, an und für sich nicht, ich hab gesagt, mit ganz wenigen Ausnahmen…

Kassel: …und das war eine …

Rupp-Eisenreich: … und der "Schuttkarren" ist eine. Ich hab damals ein Zimmer bewohnt, an der Seine gelegen, und mein Zimmer war ziemlich hoch oben, im sechsten Stock. Und da war eine Anlegestelle für große Lastkähne, die leer kamen, dort stehen blieben, dann wurde der Schutt hineinverladen und wenn sie voll waren, dann fuhren sie wieder weiter und fuhren weg. Und das konnte man sehr gut beobachten, das war ein täglicher Vorgang, und er hat es natürlich mit mir gemeinsam gesehen. Und da haben wir vom Schuttkarren gesprochen, wir haben das so bezeichnet. Und dann, ein paar Tage später ist er gekommen und hat mir das Gedicht gezeigt. Das war die Zeit, als er wieder mit Ingeborg Bachmann ein sehr enges Verhältnis hatte, und in dieser Zeit ist er dann nach Köln gefahren und hat das Gedicht umgetauft. Es hieß dann "Rheinufer".

Kassel: Sie haben nun selber schon Ingeborg Bachmann erwähnt, wir sollten beide erwähnen, dass zu diesem Zeitpunkt, also auch der Entstehung des Gedichts "Schuttkarren", über das Sie gesprochen haben, er ja längst verheiratet war. Sie haben damals, so verstehe ich das heute in Ihrem Buch, ja gewusst, dass Sie nicht die einzige Geliebte waren. Da ging es nicht nur um seine Frau, sondern auch um andere. Gab es in Ihrem Verhältnis zueinander von Ihrer Seite überhaupt so etwas wie Eifersucht?

Rupp-Eisenreich: Nein, eigentlich nicht, eigentlich nicht. Er ist zum Schluss, ganz zum Schluss eifersüchtig geworden, aber das gehört schon zu seinem ganzen Misstrauen, dass er Menschen gegenüber hatte, und das mehr eigentlich krankhaft bedingt war.

Kassel: Zum Schluss möchte ich noch eine Frage vielleicht stellen für viele junge Menschen, die Paul Celan kennen als Name, er ist in Frankreich wie in Deutschland ja immer noch ein hoch anerkannter und beliebter Dichter, und doch ist es ja nun nicht nur 90 Jahre her, dass er geboren wurde, sondern auch schon 40 Jahre her, dass er gestorben ist. Wenn jemand das Werk nicht kennt von Paul Celan und möchte gerne einsteigen mit einem typischen, aber auch halbwegs zugänglichen seiner Gedichte, hätten Sie dann einen Tipp für ihn oder sie?

Rupp-Eisenreich: Ja, dass er sich nicht begnügen soll, "Die Todesfuge" zu lesen, die ja glaube ich heute noch in allen Lesebüchern steht. Wenn Sie wollen, dass ich ein Gedicht vorschlage, dann nehme ich "Schuttkarren", von dem wir schon gesprochen haben.

Kassel: Das sagt Brigitta Eisenreich, ehemalige Geliebte von Paul Celan. Das Buch, in dem sie ihre gemeinsame Geschichte mit dem großen Dichter, der heute seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, erzählt, dieses Buch heißt "Celans Kreidestern" und ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

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