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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.12.2008

CDU will die deutsche Sprache stärken

Partei fordert Verfassungszusatz

Von Arno Orzessek

Türkinnen in Berlin (AP Archiv)
Türkinnen in Berlin (AP Archiv)

Die CDU will ein Bekenntnis zur deutschen Sprache ins Grundgesetz aufnehmen. Auf dem CDU-Parteitag sprach sich eine Mehrheit für einen entsprechenden Verfassungszusatz aus. Ausgegangen war die Initiative von einem CDU-Stadtverband im Saarland.

Wer zum Beispiel am Kottbusser Damm in Berlin-Neukölln die Ohren nicht verschließt, wird es bestätigen:

Almanya cumhuriyetinin anadili Türkce.

Die Sprache der Bundesrepublik ist Türkisch.

Trotzdem darf der saarländischen CDU versichert werden: Man kommt auch im hintersten Anatolien Berlins mit Deutsch noch ziemlich gut zurecht. "Ein Döner, bitte" führt verlässlich zum gleichen fettigen Ergebnis wie "Bir Döner verirmisin".

Insofern kann man gelassen darüber räsonieren, was der CDU-Stadtverband Völklingen, von dem die Verfassungsinitiative im Oktober ursprünglich ausging, dem deutschen Volk da eigentlich ins Grundgesetz schreiben will – und vor allem, warum; und warum jetzt.

Restlos ausgeschlossen werden darf hoffentlich, dass in der Völklinger CDU, die mit absoluter Mehrheit regiert, nationalistische Gesinnungen vorherrschen. Dass der dortige Bürgermeister Wolfgang Bintz mit den Stimmen der NPD gewählt wurde – nun, so etwas passiert schon mal.

Auch dass in der Hütten-Stadt ein Viertel nach Hermann Röchling heißt und dieser Röchling – in den Prozessen nach ’45 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit abgeurteilt – Ehrenbürger Völklingens ist, soll auf keinen Fall zum geistigen Nährboden des Verfassungsbegehrens stilisiert werden.

Wir schweigen ebenso davon, dass das "Bündnis türkischer Bürger" dem Völklinger Bürgermeister jüngst eine Liste mit 850 Unterschriften gegen zunehmende Ausländerfeindlichkeit überreicht und an mehrere ungeklärte Häuserbrände erinnert hat. Zumal unbekannt ist, ob die Eingabe in einwandfreiem Deutsch verfasst war.

Nein, wir halten uns gern an freundlichere Deutungen. Die christdemokratischen Saarländer sind wohl einfach dankbare Deutsche. Besser gesagt: Sie sind dankbar dafür, überhaupt Deutsche zu sein und treten umso engagierter für die geliebte Sprache des Heimatlandes ein.

Denn merke: Als das Saarland 1957 arg verspätet der Bundesrepublik beitrat, waren in dieser Republik die ersten Gastarbeiter längst angekommen; das babylonische Sprachgewirr des real existierenden Multikulturalismus begann sich bereits auszubreiten. Und die bedenklichen Folgen verfolgen die Völklinger seither offenbar sehr genau.

Aber erklären Dankbarkeit und Liebe zur deutschen Sprache schon alles? Könnte es nicht sein, dass die christdemokratischen Saarländer bei der Verfassungsinitiative an die Verewigung ihres Volksstammes in der heiligen Schrift der Deutschen gedacht haben?

Man stelle sich vor, wie Völklingens Bürgermeister im nächsten Wahlkampf mit dem Grundgesetz in der Hand auf die Wähler zueilt, den neu formulierten Artikel 22 aufschlägt und verkündet: "’Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch’ und das ist ein Verdienst der Völklinger CDU."

Jeder wird zugeben: Ein derart subtiles Denkmal der Zuneigung zu Vaterland und Muttersprache hat sich im Grundgesetz noch kein anderes Bundesland gesetzt.

Bleibt die Frage, warum die CDU sich gerade jetzt darauf kapriziert, dem Deutschen Verfassungsrang zu geben.

Der einzige erkennbare Grund: Die Bundesrepublik hat zurzeit keine anderen Probleme und kann sich mit ganzer Kraft nationalen Idealen widmen. Vielleicht erweist sich dabei der viel diskutierte Aufwand für den frühzeitigen Erwerb von Zweit- und Drittsprachen als überflüssig.

Wir schlagen demgemäß vor, das ‚Deutsche’ im Grundgesetz künftig als ‚Teutsch’ mit T zu schreiben. Das würde die Völklinger Gesinnung auch graphisch sichtbar machen – und die Türken von Neukölln würden bei der fleißigen Lektüre der neuesten Auflage des Grundgesetzes ganz schön staunen.

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